Politik > International >

Beim Ostheer

Nachrichtenzentrale: Bahnhof

Die Bahnhöfe werden während der Völkerkämpfe zur Nachrichtenzentrale und zum Platz des Geschehens für die verzweifelte, zurückgebliebene Bevölkerung.

Östliches Hauptquartier, 25. August.

Schon in Friedenszeiten bildet in kleineren Städten der Bahnhof den Mittelpunkt des Interesses, wo es häufig was zu sehen und zu hören gibt, und wo man hofft, Neuigkeiten zuerst zu erfahren. Und nun erst während eines entscheidenden Völkerkampfes nahe dem Kriegsschauplatze! Da spielt er die wichtigste Rolle im Leben und Weben der Bevölkerung. Das sieht man auch hier in diesem westpreußischen Städtchen, das an sich schon eine erhebliche strategische und militärische Rolle spielt, und in welchem vielfache Fäden der Heeresleitung zusammenlaufen. Von früher Morgen- bis später Abendstunde wird’s nicht leer auf dem Vorplatze an den Ein- und Ausgängen, in den den Wartesälen. Viele treibt bloße Neugierde her, andere der heiße Drang, vielleicht durch einen Zufall etwas über die Lieben zu erfahren, die vor dem Feinde stehen, wieder andere das Mitgefühl, helfen zu können, wo und wie es nur möglich ist. Die gesamte Umgebung sowie die Bahnsteige werden scharf bewacht, von Landwehrmännern, welche die strengsten Instruktionen haben; zu den Bahnsteigen kann niemand ohne Fahrkarte gelangen.

Vor den Eisengittern drängen sich armlich gekleidete Frauen, die Mehrzahl mit kleinen Kindern auf dem Arm oder an der Hand, an ängstlichen Mienen fehlt‘s nicht und nicht an besorgten Fragen, bald an die Wachtposten, bald an die mit den Zügen anlangenden Bahnbeamten gerichtet: „Hat man keine Nachricht von dem und dem Regiment? – Mein Mann hat so lange nicht geschrieben nur eine Feldpostkarte vor acht Tagen, ach Gott, es wird ihm doch nichts passiert sein!“ Und als Erwiderung ertönen beruhigende Worte: es ginge vielen, vielen so, die Feldpost verkehre nicht so regelmäßig, die Züge ebenso, man müsse das einsehen und Geduld haben, und dann der tröstende Zusatz: „Ihr Mann befindet sich gewiss wohl!“ – „Ja, glauben Sie?“ löst es sich freudig aus bedrücktem Herzen los. „Ach ja, ja, er wird wohl nicht schreiben können! Ich danke Ihnen viel, vielmals“ und die verhärmte Frau drückt ihr zweijähriges blondes Mädelchen, das mit erstaunten Augen um sich blickt, innig an sich, und in dem Blondhaar der Kleinen glänzt es wie Diamanten – die Diamanten der Sehnsucht, der Hoffnung, des Trostes, die bei den Ärmsten wie bei den Reichsten die gleichen sind …

Auch die Bakanntmachungen an den Außenwänden des stattlichen Bahngebäudes finden fleißige Beachtung. Dazwischen die Angaben des früheren Fahrplanes; wie Ironie nehmen sich jene der Luxuszüge nach Petersburg und Moskau aus! Auch an Warnungen fehlt es nicht; eine wurde erst dieser Tage angebracht, in deutscher, russischer, polnischer, französischer Sprache, knapp gefasst, des Inhalts, dass, wer beim Zerstören von Telegraphen- und Telephonleitungen gefasst wird, sofort die Kugel bekommt, wer es duldet oder nicht anzeigt, erleidet härteste Strafen.

Musterhafte Ordnung herrscht innerhalb des Bahnhofgetriebes, die militärischen Anordnungen verfügt der Bahnhofskommandant, ein mit dem Eisernen Kreuz geschmückter Stabsoffizier. Jeder Befehl wird sofort befolgt, jeder weiß, was er zu tun hat, alles regelt sich scheinbar wie von selbst. Auf dem mittleren Bahnsteige sind lange hölzerne Tische aufgestellt, nebst Bänken: hier sind Damen der Einwohnerschaft unermüdlich tätig, um Kaffee, Kakao, Tee, Limonade, Gebäck, butterbestrichene Brötchen zu verteilen, unterstützt dabei von den rotbemützten, eine weiße Armbinde tragenden Schülern der höheren Lehranstalten.

Das Rote Kreuz ist aufs umsichtigste vertreten; Baracken in unmittelbarster Nähe des Bahnhofes, auf dessen Gelände liegend, sind für die erste Aufnahme der schwerer Verwundeten bestimmt, Lazarettautomobile und Ambulanzwagen für die weitere Beförderung in die Krankenanstalten, in denen freilich nur noch wenig Platz ist. Militärische und freiwillige Krankenpfleger harren Tag und Nacht der Verwendung, zu ihnen gesellen sich zahllose Schwestern und Helferinnen, letztere sorgsam im Samariterdienst ausgebildet.

Heute Mittag um 12 Uhr. Auf dem mittleren Bahnsteig finden sich die Trägerinnen des roten Kreuzabzeichens ein, neue Vorräte an Erfrischungen werden gebracht, der Bahnhofskommandant erscheint, knappe Befehle ertönen, Die eine Schienenlinie wird durch Posten abgesperrt. Ein greller Pfiff, gleich danach rollt ein langer Zug ein, von der Grenze kommend mit deutschen Verwundeten und russischen Gefangenen. Die leichter Verletzten sind in Wagen dritter Klasse untergebracht, die schwerer Verletzten hat man auf dem mit dichten Strohschichten bedeckten Boden in Güterwagen gebettet. Peinlichste Sauberkeit überall, nirgends ein Schmerzenslaut, die meist bleichen Gesichter von ruhiger Entschlossenheit, ein festes, mannhaftes Sichfügen in alles. Ärzte, Schwestern, Pflegerinnen, Samariter sehen sofort – da der Zug weitergehen soll – nach dem rechten, Verbände werden erneuert, Wunden gereinigt, Labung verteilt, man fragt, ob man Karten an die Angehörigen schreiben soll, jeder Wunscht findet, wenn nur irgend angängig, seine Erfüllung. Nirgends Aufregung, kein zweckloses Hin und Her, kein unnützes Gefrage, auf keienr Seite und an keiner Stelle Nervosität: es ist doch was Herrliches um die deutsche Disziplin, di e oft vom Auslande verspottete, das zeigt sich so recht in dieser ernsten Zeit.

Eine ernste Zeit fürwahr! Davon künden die Verwundeten und ihre Verletzungen, davon die Erzählungen der die Gefangenen bewachenden Begleitmannschaften. Sie gehören ja jenen zwei ostpreußischen Regimentern an, die am vorgestrigen Sonntagnachmittag so heldenhaft bei Reidenburg gegen eine gewaltige Übermacht vorgegangen, worüber ich schon telegraphisch berichtet. Es muss schlimm zugegangen sein, die Verluste der Unsrigen waren schwere, der Erfolg ein bedeutender. Ruhig, mit verhaltener Stimme, wie man es tut, wenn sich‘s um Schreckliches handelt, erzählen mir Vizefeldwebel und Unteroffiziere von dem Zusammenstoße. Ihre eigenen Taten und jene ihrer Offiziere und Mannschaften erscheinen ihnen als etwas Selbstverständliches , sie alle haben nur ihre Pflicht getan, weiter nichts! Und sie freuen sich darauf, wieder in den Kampf zu kommen: „Bald kehren wir zurück, dann geht der Tanz von neuem los, wir werden‘S den Kerlen schon nochmals gehörig beibringen!“

Die „Kers“, die Gefangenen, stecken mit Schiebetüren versehenen Viehwagen, sie haben sich‘s ganz bequem gemacht und sich sehr schnell in ihr Schicksal ergeben; viele sind munter und sichtlich vergnügt. Im Gegensatz zu früheren Gefangenen sind sie verhältnismäßig gut uniformiert und sollen ebenso gut ausgerüstet gewesen sein. Wie ich schon gemeldet, waren zahlreiche Polen darunter, die nur durch eisernen Zwang den Kommandos ihrer Offiziere, von denen sich mehrere beim Transport befanden, gehorchten.

„Alles einsteigen!“ Ein Händedruck, ein Grüßen und Winken: „Lebt wohl, ihr Tapferen, auf Wiedersehen auch nach dem Kriege!“

Quelle: Europeana 1914-18

Quelle: Europeana 1914-18

Kaum ist dieser Zug hinaus, so folgt ein anderer. Er bringt abermals dichte Scharen von Flüchtlingen aus den Ortschaften nahe Gumbinnen und Insterburg, und auch ihnen wird warme Liebestätigkeit zuteil. Ärmere, ländliche Bevölkerung ist‘s, fast nur Frauen und Kinder, die in sinnloser Flucht, nur das Nötigste bei sich führend, ihre Heimstätten verlassen. „Habt ihr denn Russen gesehen?“ – „Nein!“ – „Waren sie denn schon nah‘?“ – „Nein!“ – „Na, warum seid ihr denn geflohen?“ – „Ja, sie können doch kommen!“

Gegen diese Ängstlichen sticht die Ruhe der hiesigen Bevölkerung aufs erfreulichste ab. Man rechnet eventuell mit einem feindlichen Vorstoß bis hierher, aber man zeigt keinerlei Besorgnis um Stadt und Bevölkerung. Auch wenn einmal ungünstige Nachrichten von der östlichen Front eintreffen sollten, wird man sie ohne besondere Erregung hinnehmen. Man weiß, dass der endgültige Sieg bei den deutschen Waffen doch verbleiben wird, das gibt innere und äußere Festigkeit. Dies treue Bewusstsein und zuverlässige Gefühl ist eine gute Gewähr für ereignisschwere Stunden – falls sie kommen sollten!