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Österreichisch-serbische Krise

Österreich und Serbien

Österreich-Ungarn scheint den Konflikt mit Serbien endlich lösen zu wollen. Wien hat die Regierung um Belgrad um eine eindeutige Stellungnahme gebeten, ob es den Anschluss Montenegros an Serbien plane. Unter den Österreichern in Belgrad ist unterdessen eine Panik ausgebrochen.

In Wiener informierten Kreisen wird die augenblickliche Situation, wie ein privates Telegrafenbüro meldet, als ziemlich kritisch beurteilt. Man ist überzeugt, dass Österreich-Ungarn an Serbien ernstlich herantreten und alle Fragen zu einer endgültigen Lösung bringen wird. Zunächst wird die österreichisch-ungarische Regierung an Serbien das Verlangen stellen, es möge sich zu der Frage der Union mit Montenegro in absolut präziser Form äußern. Die österreichisch-ungarische Regierung wird nicht verfehlen, hierbei Serbien zu verstehen zu geben, dass Österreich-Ungarn eine Vereinigung zwischen Serbien und Montenegro nie zugeben wird, und dass, sofern es keine vollkommen beruhigende Aufklärung in dieser Angelegenheit erhält, es entschlossen ist, zu den alleräußersten Maßnahmen zu greifen.

Aus Rom wird von demselben Büro gemeldet: Nach hier aus Wien eingetroffenen Meldungen trifft die österreichisch-ungarische Regierung augenblicklich eine Reihe von militärischen Maßnahmen. Es sind bereits zahlreiche Truppenverschiebungen zu verzeichnen. Sonntagvormittag ist ein größerer Truppentransport von der Staatsbahn abgegangen, doch ist bisher nicht zu erfahren gewesen, wohin diese Truppen gehen. Man vermutet neuerdings, dass die Truppen an die serbische Grenze geschickt werden.

Was ist in Belgrad vorgegangen?

Wie gestern von serbischer Seite aus Belgrad gemeldet wurde, hatte die serbische Regierung auf Intervention des Frhrn. v. Giesel am Sonntag außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen zum Schutze der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft treffen lassen. Von serbischer Seite wird die Sache so dargestellt, als habe sich eine durchaus überflüssige Erregung der Österreicher und Ungarn bemächtigt gehabt. Ein Telegramm meldet:

Belgrad, 13. Juni.

Unter den Mitgliedern der österreichisch-ungarischen Kolonie verbreitete sich gestern das Gerücht, dass gegen die in Belgrad lebenden Österreicher und Ungarn von serbischer Seite ein Attentat geplant werde. Infolgedessen sandten viele Österreicher und Ungarn ihre Familien nach Semlin, um sie dort übernachten zu lassen. Ungefähr vierzig Frauen und Kinder suchten in der hiesigen österreichisch-ungarischen Gesandtschaft und im Konsulat Zuflucht und verbrachten dort die Nacht. Die ganze Nacht verlief übrigens vollständig ruhig. Kein österreichisch-ungarischer Untertan wurde bedroht aber belästigt und es kam auch zu keinen Ansammlungen in der Nähe der Gesandtschaft. Nach Ansicht der Belgrader Stadtpräfektur dürfte es sich um eine blinde Panik unter einem Teile der österreich-ungarischen Kolonie handeln, die eine Folge der erregten Äußerungen der serbischen Presse sein dürfte.

Dass auch der österreichisch-ungarische Gesandte von dieser „blinden Panik“ angesteckt worden sei, wird man nicht annehmen dürfen. Man wird vielmehr erwarten müssen, dass in Kürze genaueres darüber bekannt wird, was serbische Fanatiker gegen die Österreicher und Ungarn in Belgrad geplant haben. Dass Grund zu den ernstesten Befürchtungen vorgelegen hat, geht auch aus Budapester Blättermeldungen hervor, die sich aus Semlin berichten lassen:

Der Sohn des österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad Baron v. Giesel , der sich gestern infolge von Gerüchten von Massakres gegen die österreichisch-ungarische Kolonien in Belgrad nach Semlin geflüchtet hatte, erzählte Journalisten folgendes:  „Der Abschied von meinem Vater war furchtbar. Mein Vater befahl mir, dass ich mit dem ersten Zuge abreisen solle. Er ließ mir nicht einmal mehr Zeit, meine Sachen packen. Mein Vater war anscheinend ruhig. Er betonte fortwährend, dass nichts Ernstes vorliege, doch konnte er trotzdem seine Aufregung nicht beherrschen. Ich sah aus seinem Benehmen, dass sich sehr verhängnisvolle Ereignisse vorbereiten und dass er für mein Leben fürchte. „Rette du dein Leben“, bat ich ihn. „Ich gehe nicht“, erwiderte mein Vater, „solange auch nur einer unserer Untertanen hier ist und solange es mein Herrscher befiehlt, bleibe ich hier, was immer auch gesehen würde. Gehe du nach Semlin, vertraue auf Gott und warte ab, bis ich nach dir verlange oder dir nachkomme.“