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Nach dem Ultimatum

Österreichfreundliche Kundgebungen in Berlin

Überall in Berlin haben Menschenmengen begeistert für Österreich und gegen Serbien demonstriert. Euphorisch erwarten die Berliner offenbar den Krieg.

Als gestern Nachmittag um die sechste Stunde in Belgrad die Würfel gefallen waren, als der Draht die Kunde in alle Welt brachte, dass Serbien die Forderungen Österreichs abgelehnt habe, da löste sich die Spannung, die seit 48 Stunden über Berlin gelagert hatte.

Kurz nach sieben Uhr erschienen die ersten, vom „Berliner Tageblatt“ herausgegebenen Extrablätter, und an den Pforten des Hauses, wo die Extrablätter angeschlagen wurden, staute sich in wenigen Minuten eine nach Hunderten zählende Menge. In den benachbarten Straßen stockte der Pulsschlag des Verkehrs, und mit Windeseile verbreitete sich die erste Runde, dass der Krieg zwischen Österreich und Serbien unvermeidlich geworden sei, bis in die äußersten Winkel der Stadt. Allenthalben entspann sich ein erregter Kampf um die Extrablätter. Überall bildeten sich Trupps von Menschen, die die kurzen, aber inhaltschweren Nachricchten mit ernstem Schweigen lasen.

Unter den Linden und vor dem Schloss

In der zehnten Stunde sah man plötzlich einen geschlossenen Zug von vielen Tausenden, der vom Brandenburger Tor die Linden entlang nach dem Schlosse zustrebte. Aus der Menge, die durchweg aus gutbürgerlichem Publikum bestand, ertönten plötzlich patriotische Lieder. Zuerst stiegen die Klänge der „Wacht am Rhein“ und des Liedes der Deutschen „Deutschland, Deutschland über alles“ zum Himmel, und schließlich stimmte man die österreichische Nationalhymne „Gott erhalte Franz den Kaiser“ an. Von Minute zu Minute wuchs die Schar der Mitziehenden, und wie ein gewaltiger schwarzer Strom wälzte sich der ungeheure Zug am Kronprinzenpalais vorbei zum Schloss. In ganz kurzer Zeit war der weite Schlossplatz mit einer undurchdringlichen Menge bedeckt, aus Tausenden von Kehlen erklangen orkanartig die deutsche und die österreichische Nationalhymne. Der Verkehr geriet völlig ins Stocken, da die Menschenmassen wie eine Mauer standen und weder Autos noch Omnibusse oder sonstige Fuhrwerke durchließen. Eine Schar reitender Schutzleute, die schließlich erschien, wurde von der begeisterten Menge mit lauten Hurrarufen empfangen. Da die Fenster des Schlosses dunkel blieben, formierte sich bald wieder ein fester Zug, die Teilnehmer fassten sich in allseitiger Verbrüderung an den Händen, und Arm in Arm, in Sektionen von zwanzig bis dreißig Mann breit, marschierte der Zug mit lauten Hurrarufen und Gesängen die Linden zurück zum Bismarckdenkmal am Königsplatz, wo es zu einer neuen stürmischen Kundgebung kam. In der Zwischenzeit hatte sich ein zweiter Zug formiert, der ebenfalls aus Tausenden bestand und die Linden entlang nach dem Schlossplatz zog. Voran ging ein Fahnenträger mit einer schwarz-weiß-roten Fahne. Unaufhörlich erschollen Hochrufe auf Deutschland und auf Österreich und unter der Menge, die sich zum größten Teil aus den gebildeten Ständen zusammensetzte, herrschte eine unbeschreibliche Begeisterung. Auch hier hörte man wiederholt den Ruf: „Nieder mit Serbien!“
Die Schutzmannsaufgebote, die zur Stelle waren, waren der gewaltigen Menge gegenüber völlig machtlos. Gegen 11 Uhr löste sich schließlich der Zug auf, doch dauerten die Ansammlungen und Demonstrationen noch bis tief in die Nacht hinein fort.

Vor den Botschaften

Vor der österreichischen Botschaft in der Moltkestraße staute sich in der achten Abendstunde eine gewaltige Menschenmasse, die zum größten Teil aus österreichischen Staatsangehörigen bestand. Ununterbrochen tönten aus der Menge Hochrufe auf Österreich. Auch einzelne Rufe „Nieder mit Serbien!“ wurden gehört. Schließlich erschien der Botschafter mit seiner Gemahlin an einem Fenster und winkte der Menge zu. Auch die italienische Botschaft in der Viktoriastraße war von dichten Massen belagert, die lebhaft gestikulierend und in erregtem Tone debattierend umherstanden. Ebenso kam es vor der serbischen Gesandtschaft in der Hardenbergstraße zu erheblichen Ansammlungen. Die in Berlin lebenden Serben stellten sich der Gesandtschaft zur Verfügung. Da aber die serbische Gesandtschaft noch keine offiziellen Instruktionen hatte, stellte sie es den serbischen Staatsangehörigen anheim, die Heimreise anzutreten.

In der City

In dem wogenden Getriebe der Friedrichstadt kam es zu erheblichen Verkehrsstockungen. Überall standen Hunderte von Menschen umher, überall der gleiche erregte Kampf um die letzten Depeschen. Scheinbar noch schneller als sonst rasten die Automobile durch die Straßen, und die Straßenbahnen hatten im Zentrum Berlins große Schwierigkeiten, durch die Menschenmassen hindurchzukommen. Nachdem die Geschäfte geschlossen waren und die nach Tausenden zählenden Angestellten auf die Straße kamen, stieg die Erregung ins Ungemessene.

Im Berliner Westen

Als die Depeschenautomobile des „Berliner Tageblattes“ auf der Tauentzienstraße ankamen, wurden die Wagen im buchstäblichen Sinne des Wortes gestürmt. Von den Hunderten, die das Auto umringten, kletterten 20 bis 30 Personen auf die Trittbretter und Räder und rissen die Extrablätter aus dem Wagen heraus. Selbst als der Chauffeur weiterfuhr, blieben kleine Boys vom „K. d. W.“ und übereifrige Passanten auf den Trittbrettern stehen, so dass ein Schutzmann einschreiten und für das Auto Platz machen musste. Die Depeschenboten, die Tausende von Extrablättern in die Cafés und Restaurants trugen, und die von den einzelnen Autos vor den Türen abgesetzt wurden, kamen nur selten an ihr Ziel. Sie wurden sofort von einer großen Menge umringt, die ihnen die Extrablätter aus der Hand riss. Bei dem ersten Extrablatt war dieser Kampf noch leicht zu ertragen. Als sich dann aber in schneller Aufeinanderfolge die Flut des zweiten ausführlichen Extrablattes über die Straßen ergoss, da fühlte man deutlich die Größe der Spannung und die Gewalt der Nachrichten.

Auf den Bahnhöfen

Auf allen Fern- und Vorortbahnhöfen wurden sofort nach Eintreffen der entscheidenden Meldung die Extrablätter des „Berliner Tageblattes“ verteilt. Für viele Reisende kam die Kunde überraschend, und, wie wir auf den großen Bahnhöfen erfuhren, haben Hunderte von Reisenden die Fahrt aufgegeben. Am Bahnhof Zoo waren gegen 10 Uhr ein derartiger Auflauf, dass die Polizei Mühe hatte, den Verkehr aufrecht zu erhalten. Am Bahnhof Friedrichstraße nahm das Gedränge mitunter lebensgefährliche Formen an. Hier, am eisernen Herzen Deutschlands, pulste und wogte eine Menge, wie man sie sonst fast nie sieht. Bis in die späten Nachtstunden hielt dieser riesige Verkehr an der durch Rufe und Schreien, durch abgerissene Klänge patriotischer Lieder belebt wurde.

Es war eine Stimmung in des Reiches Hauptstadt, wie man sie seit den schicksalsschweren Tagen von 70/71 nicht mehr erlebt hatte. Damals war‘s auch im Juli. Am 15. Juli vor 44 Jahren war der König nach Berlin zurückgekehrt. Die Mobilmachungsordre wurde erlassen, und abends, als die Dunkelheit über Berlin sank, wogte es Unter den Linden in zitternder Erregung. Heute, wo nur der Bruderstaat das Schwert in die Hand genommen hat, wo aber ganz Europa in fieberhafter Erwartung den Ernst der Geschehnisse verfolgt, heute geht eine Bewegung durch die Menge, die an die großen Tage des eigenen Schicksals erinnert. Die Plätze und Hauptstraßen Berlins drückten diese Bewegung stark und eindringlich aus. Wie Schnee lagen Hunderttausende von Extrablättern auf den Straßen. Und als spät in der Nacht der Organismus der Riesenstadt wieder im Gleichmaß atmete, als die Berge bedeutsamen Papiers zusammengefegt wurden, da sah man erst, welche gewaltige Umwälzung die Nachricht in Berlin verursacht hatte.