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Note an Serbien

Österreichs diplomatische Aktion in Belgrad

Österreich-Ungarn will mit einer diplomatischen Note die Vertrauenswürdigkeit der serbischen Regierung prüfen. Unterdessen zeigen sich die europäischen Großmächte mit Österreich solidarisch.

Nach Wiener Meldungen ist die beabsichtigte Demarche in Belgrad noch für diese Woche, spätestens für den Anfang der kommenden Woche zu erwarten und es ist nicht ohne Interesse, dass auch die bereits die Gesandten der Tripelentente bei der serbischen Regierung zu Gunsten einer wirksamen Bekämpfung der anarchistischen Umtriebe vorstellig geworden sein sollen.

Die Richtigkeit dieser Meldung vorausgesetzt, würde ein solcher Schritt des Dreiverbandes eine erfreuliche Solidarität der europäischen Großmächte hinsichtlich der Verurteilung des Verbrechens von Sarajewo erkennen lassen und man würde des Weiteren die Hoffnung daraus herleiten dürfen, dass die Demarche der österreichischen Regierung in Belgrad keine tauben Ohren finden wird.

Über den Umfang der von Österreich-Ungarn geplanten Aktion geht uns noch folgende Meldung zu:

Wien, 10. Juli
Die Blätter melden, dass das Ergebnis der Untersuchung über das Attentat sofort nach Abschluss der Öffentlichkeit übergeben werden solle. Ein Teil des Beweismaterials solle zur Kenntnis der serbischen Regierung gebracht werden mit dem Ersuchen, sie möge eine Untersuchung zur Ermittlung und Bestrafung der Schuldigen einleiten und Sorge tragen, dass in Zukunft die großserbische Bewegung in Bosnien nicht durch Agitationen von Serbien aus genährt werde. Der Schritt des österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad, Baron Giesl, werde noch in dieser Woche erfolgen. Es sei zu erwarten, dass wenn Serbien offiziell jede Gemeinsamkeit mit der hochverräterischen Agitation in Bosnien ablehne, auch denjenigen Serben ein Licht aufgehen werde, die jetzt durch die Zweideutigkeit der serbischen Politik sich irreführen lassen.

Ob die österreichisch-ungarische Regierung sich mit der Durchführung ihrer Beschlüsse zufrieden geben könne und ob das Übereinkommen, das in der gemeinsamen Ministerkonferenz getroffen wurde, auch alle Maßnahmen erschöpfe, die durch das Verbrechen von Sarajewo nötig gemacht wurden, dürfte von der Antwort abhängen, die die Monarchie aus Belgrad erhalten werde.

Wie notwendig es ist, dass die österreichische Regierung der in Bosnien getriebenen großserbischen Agitation in Belgrad selbst das Wasser abzugraben versucht, erhellt aus einer – allerdings etwas älteren – Mitteilung der in Petersburg erscheinenden polnischen Zeitung „Kraj“, die von der Existenz einer nach serbischen Generalstabsplänen organisierten Aufstandsarmee in Bosnien zu berichten weiß. Das polnische Blatt teilte nämlich mit, der serbische Sokol in Bosnien besitze eine militärische Organisation nach den Plänen des Chefs des serbischen Generalstabs. Der Sokol solle den Kern einer Aufstandsarmee bilden. Es seien Briefe beschlagnahmt worden, durch die gewisse Hofkreise in Belgrad bloßgestellt seien.

Die Notwendigkeit der österreichischen Aktion ist also vollauf gerechtfertigt und sie kann gerade im gegenwärtigen Augenblicke um so unbedenklicher unternommen werden, als die Mächte des Dreiverbandes angesichts der Bluttat von Sarajewo der Belgrader Regierung kaum irgendwelche Rückendeckung bei einer etwa beabsichtigten Brüskierung Österreich-Ungarns gewähren dürften. Diese Solidarität der Großmächte betont auch die „Neue Freie Presse“, indem sie schreibt, der Mord in Sarajewo habe nicht bloß bei den Völkern, sondern auch bei den Regierungen das nur zu lange zum Schweigen gebrachte und vermisste europäische Gewissen geweckt. Es könne wohl ohne Übertreibung gesagt werden, dass die Kulturmächte in diesem Augenblicke zur Monarchie ständen und dass außerhalb Serbiens überall das schärfste Urteil der Zivilisation über die Verherrlichung des Mordes und über die Beschönigung seiner Beweggründe ausgesprochen werde. Die moralische Vereinsamung des Großserbentums werde offenkundig; das ganze deutsche Volk stehe an der Seite der österreichisch-ungarischen Monarchie, das Großserbentum werde im Deutschen Reiche als Schädling des europäischen Friedens gebrandmarkt und noch in jeder Krise strecke sich der Monarchie die Bruderhand entgegen und zeige sich wieder das Bewusstsein von der Gegenseitigkeit des sofortigen Zusammenschlusses. Das Blatt hat auch ernste Gründe, zu glauben, dass das verbündete Italien die Gesinnung des Deutschen Reiches teile. Deshalb werde Italien vereint mit dem Deutschen Reiche das äußerste versuchen, Serbien zu bewegen, dass es sich vom Großserbentum losreiße und endlich dem Nachbar, der das Land während des Balkankrieges geschont habe, die Treue halte. England wird mit Recht seinen großen Einfluss benutzen, um Serbien zur Besinnung zu bringen und die europäische Verfemung des Großserbentums zu bewirken.

Deutsche

Es mag dahingestellt bleiben, ob der große Optimismus sich rechtfertigen wird, mit dem die „Neue Freie Presse“ auf die Unterstützung der Donaumonarchie durch die Mächte des Dreiverbandes rechnen zu können glaubt. Zutreffend ist es dagegen, wenn sie feststellt, dass das ganze deutsche Volk hinter dem schwer geprüften Verbündeten stehe; nur – und das wollen wir bei diesem Anlass doch einmal recht nachdrücklich beonen – muss die „Gegenseitigkeit“, von der das Wiener Blatt so emphatisch spricht, auch von Österreich aus in vollem Umfange gewahrt werden! Wir sind 1908/09 in „schimmernder Wehr“ und zum Äußersten entschlossen hinter die verbündete Donaumonarchie getreten und wir würden in der verflossenen Balkankrise genau in dem gleichen Maße zur Unterstützung bereit gewesen sein, falls man in Wien den Willen zur Tag gefunden haben würde. Diese Opferfreudigkeit des deutschen Volkes jedoch bedingt in Wien eine Gegenseitigkeit! Wir wollen an dieser Stelle abermals an die bitteren Erfahrungen der Agadirkrise rühren und wollen auch auf die Behandlung des deutschen Volkselements in Österreich-Ungarn, als auf eine innere Angelegenheit des Nachbarreiches, nicht näher eingehen; letzten Endes wird man in Wien ohnehin ganz von selbst einmal einsehen, welchen Fehler man begangen hat, als man die Deutschen Österreichs und Ungarns, die festesten Stützen der Monarchie, den Slawen und Madjaren gegenüber für vogelfrei erklärte. Befremden muss es uns jedoch, wenn reichsdeutsche Touristen, wie eben jüngst in Salizien, unter den Augen der Polizei vom slawischen Pöbel überfallen und aufs gröblichste beleidigt und misshandelt werden können. Selbstverständlich ist für solche Vorkommnisse nicht die Wiener Zentralregierung verantwortlich zu machen. Immerhin würden derartige Zwischenfälle von vornherein zur Unmöglichkeit werden, wenn man in Wien dafür Sorge tragen würde, dass das deutsche Element diejenige Achtung in der Donaumonarchie genießt, die ihm als Träger der Kultur und des Staatsgedankens zukommt.