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250 000 Mark verloren

Opfer des Krieges

Weil der Potsdamer Bankier Eugen Bieber bei riskanten Geschäften etwa 250 000 Mark verloren hat, nahm er sich gemeinsam mit seiner Frau das Leben. Die beiden sind wohl die ersten Opfer der Kriegswirren.

Im Hotel Fürstenhof in der Königsgrätzerstraße zu Berlin hat sich in der vergangenen Nacht der bekannte Potsdamer Bankier Eugen Bieber mit seiner Gemahlin durch Zyankali vergiftet. Als man heute Vormittag in das Zimmer des Ehepaares eindrang, war bei beiden der Tod schon eingetreten. Die polizeilichen Recherchen ergaben, dass Bieber, der Inhaber des Potsdamer Bankhauses M. u. J. Bieber, ein Opfer der Kriegswirren geworden ist. Er hat in den letzten Tagen rund eine viertel Million Mark seines Vermögens verloren. Im Einzelnen wird uns zu dem traurigen Vorfall folgendes mitgeteilt:

Das Bankhaus M. u. I. Bieber in Potsdam besteht seit dem Jahre 1858 und hat seine Geschäftsräume in der Brandenburger Straße 62. Es ist das älteste Privatbankgeschäft Potsdams und hatte in den früheren Jahren einen sehr großen Kundenkreis, da die Inhaber im Rufe solider Bankiers standen. In den letzten Jahren wurde jedoch der Geschäftsbetrieb der Bank nach und nach eingeschränkt, da die Großbanken in Potsdam zahlreiche Filialen errichteten. Trotzdem stand das Bankhaus noch immer im besten Ruf. Der jetzige Inhaber, Eugen Bieber, war auch seit dem 1. Januar 1912 Stadtverordneter von Potsdam und gehörte dem städtischen Finanzausschuss und der Kommission für das Kassen- und Rechnungswesen an. In der letzten Zeit war Bieber starke Engagements an der Börse eingegangen und hatte bei Ultimogeschäften etwa eine viertel Million Mark verloren. Dieser Betrag war heute fällig. Bieber nahm sich diesen Verlust so zu Herzen, dass er offenbar völlig den Kopf verlor. Gestern Abend erklärte er dem Geschäftsführer, dass er nach Berlin fahren wolle, um mit seinen Gläubigern zu verhandeln. Er sprach die Hoffnung aus, dass es ihm gelingen werde, eine Regulierung herbeizuführen. Abends gegen 7 Uhr fuhr er in Begleitung seiner Gattin nach Berlin, während er seine vierzehn Jahre alte Tochter zu Hause ließ. Er begab sich in das Hotel Fürstenhof, mietete dort ein Zimmer und ordnete an, dass er heute früh um 7 Uhr geweckt werden solle. Als um diese Zeit das Zimmermädchen an die Tür klopfte, erfolgte keine Antwort. Man wartete noch einige Zeit und ließ dann, da man Verdacht schöpfte, öffnen. Das Ehepaar lag leblos in den Betten, und auf dem Nachttisch stand ein Fläschchen mit einem Rest von Zyankali. Ein Arzt stellte fest, dass beide Ehegatten sich mit diesem Gift das Leben genommen hatten und seit mehreren Stunden schon tot waren. Die Leichen wurden nach Aufnahme des Tatbestandes durch die Polizei nach dem Schauhaus gebracht.

Bieber stand im 46. Lebensjahr, während seine Frau um zehn Jahre jünger war. Das Geschäft wird, wie wir hören, vorläufig von dem Geschäftsführer fortgeführt. Die Engagements Biebers gegenüber seiner Privatkundschaft sind nur gering, und die Depots sind unversehrt und werden der Kundschaft ausgehändigt. Die Staatsanwaltschaft hat bis jetzt noch keinen Anlass gefunden, einzuschreiten. Die Untersuchung ist jedoch noch im Gange.