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Trauer im Vatikan

Papst Pius X.

Papst Pius X. ist heute in Rom verstorben. Er wird wohl als tragische Gestalt in Erinnerung bleiben. Denn sein Kampf gegen das Fortschreiten der Menschheit war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Rom, 20. August. (Privat-Telegramm.)
Papst Pius X. ist heute früh um 1 Uhr 20 Minuten gestorben.

In der Zeit einer allgemeinen Weltwende ist Papst Pius X. dahingegangen – ein Ereignis, das in jedem anderen Augenblich die allgemeiner Aufmerksamkeit auf Rom konzentriert hätte, und das heute, wo alles wankt und alles neu wird, nicht ganz so tief wirkt. Wenig gilt uns in diesen Tagen, wo die Kanonen das letzte Wort zu sprechen scheinen, der Anspruch der römischen Kirche auf die geistige Herrschaft über alle Reiche und Völker der Welt! Aber nach dem Lärm dieser Tage wird die Stille der Besinnung kommen, und dann wird man auch die Zeit finden, eingehender zu erwägen, was Pius X. für seine Generation war, und in welcher Richtung die römische Kirche unter seiner Leitung sich entwickelte. Denn auch in diesen lärmenden Tagen sollte man nicht völlig übersehen, dass es zuletzt die Ideen sind, die die Welt beherrschen.

Für heute sei nur an die Umstände erinnert, unter denen Pius X. zum Pontifikat gelangte, und an die Tendenzen, von denen er sich als Papst leiten ließ. Als im Jahre 1903 der kluge Leo XIII. hochbetagt aus dem Leben schied, da schien der Kardinal Rampolla zu seinem Nachfolger berufen. Aber Österreich wiedersprach, so wurde der 68-jährige Patriarch von Venedig, Guiseppe Sarto 1903 als dritter absolutistischer Papst auf den Stuhl Petri berufen. Er nannte sich Pius X., und die, denen diese Namenwahl zu denken gab, sollten Recht behalten. Er war keine Spur von einem Diplomaten, aber ein frommer Mann und, soweit das dem römischen Priester möglich ist, ein guter Italiener. So kam es, dass man in Italien auf ihn anfangs einige Hoffnungen setzen konnte, wie auf Pius IX. in seinen Anfängen. Diese Hoffnungen musste er notgedrungen enttäuschen, und je mehr dann seine gerade Ehrlichkeit die letzten Ziele wieder enthüllte, die Leos geschmeidige Staatskunst oft so vorsichtig verschleiert hatte, umso weiter gingen den erstaunten Völkern die Augen auf.

Die Art und Weise, wie Papst Pius X. und seine Kurie Völker und Regierungen behandelten, ist nur erklärlich aus seiner Überzeugung, dass die weltlichen Staaten der kirchlichen Überregierung zu gehorchen haben. Frühe Päpste schlossen Konkordate. Pius X. gab auch in kirchlich-staatlichen Angelegenheiten, welche den Gegenstand der Konkordate zu bilden hätten, selbstständige Verordnungen. Den Regierungen und Bischöfen der einzelnen Länder blieb nichts anderes übrig, als durch lange Verhandlungen die verschobene Sache wieder ins Gleis zu bringen.

Seine Lebensarbeit galt den sogenannten Modernisten. Eine lange Enzyklika aus dem September 1907 verurteilte sie und ihre Meinungen. Der Drang der Reformer musste eingeschränkt werden: Die Bischöfe sollten gefährliche Bücher fernhalten, die katholische Presse wurde einem Zensor unterstellt, Überwachungsräte sollten in den einzelnen Diözesen nachforschen und Schutzmaßregeln treffen. Die neueren Reformer galten einem Pius X. als Anhänger und Jünger der Reformatoren des 16. Jahrhunderts.

Die Borromäus-Enzyklika beurteilte Lehrer und Schüler mit ihrem beiderseitigen Anhang. Zur Durchführung seiner Reformen musste Pius X. sich die Hilfe des Klerus sichern. Bis dahin war jeder Pfarrer unabsetzbar. Er konnte also dem Befehle des Papstes sich widersetzen, ohne sein Brot zu verlieren, wenigstens bei uns in Deutschland, solange die westliche Regierungen nicht den Diener des Papstes zu spielen sich als Ehre anrechneten. Durch Dekret vom 20. August 1910 verfügte Pius X. die Absetzbarkeit der Pfarrer. Sie waren damit auf Gnade und Ungnade Papst und Bischof überliefert.

Drei Jahre nach Erlass der Modernistenenzyklika musste Pius X. einsehen, dass die von ihm bekämpfte Bewegung weitere Fortschritte machte. Man sollte angeblich auf die Spur geheimer Organisationen der Modernisten gekommen sein. Dagegen gab es nur ein Mittel, den Reinigungseid, wie er im mittelalterlichen Strafverfahren mit Vorliebe angewendet wurde. So erschien am 1. September 1910 der Befehl, dass alle katholischen Geistlichen der ganzen Welt einen Eid zu leisten hätten, durch den sie von allen modernistischen Anschauungen frei zu sein oder sich frei zu machen schwören mussten. Die Theologiestudenten durften keine Zeitung mehr lesen, und „wären sie auch noch so gut“. Die Professoren der Theologie haben vor Beginn des Semesters das Kollegheft dem Bischof vorzulegen; ihre Lehre soll streng überwacht werden.

Bildet dir Kirche nach den Plänen Pius X. ein Reich für sich, so hat dieses Reich Anspruch auf eigene Gerichtsbarkeit. Pius X. zögerte keinen Augenblick, die Konsequenzen zu ziehen. Er erließ ein eigenes Dekret, wonach Geistliche nur mit Erlaubnis des Bischofs vor das weltliche Gericht gezogen werden dürfen. Nach dem Klerus die Laien. Es müssen die Katholiken den Nichtkatholiken gesondert werden und ihre eignen Kampfesreihen bilden. Und sie müssen sich erbieten, in allen Fragen dieses Erdenlebens, ob sie mittelbar oder unmittelbar mit kirchlichen Dingen zu tun haben, dem Papst zu Willen zu sein. Als gelegentliche Mahnungen und Hirtenbriefe der deutschen Bischöfe nichts erreichten, kam die Gewerkschaftsenzyklika des Papstes. Die Ansprache vom 5. April 1913 bildet die Zusammenfassung dessen, was Pius X. gewollt. Sie erinnert nicht undeutlich an den Syllabus vom Jahre 1864 und bedeutet wie er eine Kriegserklärung an die modernen Staaten. Er beklagt die Freiheit für Andersdenkende und möchte sie auf die Kirche und ihre Lehren beschränkt wissen. Was selbst klerikale Politiker wie Hertling  als Errungenschaft der Neuzeit preisen, die Glaubens- und Gewissensfreiheit, war Pius X. ein Greuel.

Als Mensch war Pius X. von lauteren und redlichen Absichten, ein hochachtbarer Charakter. Als absoluter Herrscher über ein Weltreich von Gläubigen aber ist er eine tragische Gestalt. Denn er, der vom göttlichen Berufe seiner Weltkirche ganz durchdrungen war, hat die Gegensätze gewaltig verschärft und turmhohe Widerständer heraufbeschworen. Und er hat anscheint den ganzen, aussichtslosen Kampf des Papsttums gegen die fortschreitende Entwicklung der Menschheit im eigenen Busen mitgekämpft und mitgelitten. Es ehrt ihn, dass er trotz alledem seinen Weg geradeaus bis zu Ende gegangen ist. Indem er unbeirrt festhielt an der Methode des offenen Kampfes, die seiner einfachen und geraden Natur gemäß war, ist er für Deutschland ein starker Erwecker des protestantischen Gewissens, ein Förderer des Strebens nach freiem Menschentum geworden.

Die Frage, wer zu seinem Nachfolger berufen werden wird, hätte unter anderen Verhältnissen die ganze Kulturwelt bewegt. Sie tritt heute naturgemäß etwas zurück, aber sie verliert trotzdem kaum etwas an ihrer bleibenden Bedeutung. Denn noch immer hat die römische Kirche es verstanden, sich über alle Schwierigkeiten der politischen Wirren zu behaupten, und gerade das deutsche Volk wird auch für eine weite Zukunft von ihr beeinflusst werden.