Mode In Paris Quelle: United States Library of Congress's Prints and Photographs division under the digital ID ggbain.15048. {{PD-USGov-Congress}} – for public domain images from the United States Congress.

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Hutmode

Pariser Hutputz

Vögel gelten nicht mehr nur als Delikatesse. In der Pariser Hutmode tragen sie mehr und mehr auch eine dekorative Rolle: Ihre Federn schmücken die Spitzenmodelle der Saison.

Wenn man sagt, dass unsere Hüte mit allerhand Luftigem, Duftigem besetzt werden, so stimmt das im doppelten Sinne, denn ein großer Teil der schmückenden Zutaten kam aus der Luft auf unsere Hüte herab. Das trifft nicht nur auf die Federn verschiedener Art zu, sondern vor allem auf die ganzen Vögel. Traurig, aber wahr, harmlose Täubchen werden heute nicht nur zu hunderttausenden geschlachtet, gerupft, dressiert, um, mit Speckumkränzten, fetten Brüstchen in Reih und Glied auf den Ladentischen aufgestapelt, unsere Gaumen zu locken, nein, sie liegen jetzt dort auch herum, um unsere Augen zu locken: ungerupft und ungebraten, aber ausgebalgt und mit falschen, spitzigen Schnäbelchen à la mode herausstaffiert, und an das Hinterteil wird ihnen so eine Art moderner, spitzer Schleppe angestückelt, wodurch ein „Märchenvogel“ entsteht. Ein „blauer Vogel“ oder auch wohl ein weißer, dem ein Platz gleich vorn in der Mitte auf marineblauen oder weißen Canotiers angewiesen wird, aus Taffet oder Atlas oder Treppe francais – namentlich aus diesem. Und der Trägerin dieses Kunstwerks bleibt der Gedanke fern, ob es nicht barbarischer und sinnloser ist, den kleinen Vogel für den Putz hinzumorden, als für den Magen.

Nicht minder mitleidig betrachtet man die unschuldweißen, winzigen Vögelchen, wie weiße Spatzen anzusehen, die auf den Ladentischen herumgeschnupft werden, ehe sie, dicht aneinander geduckt, rings um die Hutköpfe gruppiert werden, wo sie wie ein dichtes Bandeau wirken. Diese winzigen Tierchen sind auch in Marineblau sehr geschätzt. Neben ihnen sieht man mit zornigen Bedauern Kolibris in all ihrer Schönheit und der ganzen Kleinheit ihrer Gestalt auf der Schlachtbank der Mode liegen.

Paradiesvogel- und Reiherfedern werden mit ungeminderter Vorliebe, aber in geminderter Quantität verarbeitet. Stangenreiher werden rings um die Köpfe der flachen, großen Hüte genäht, manchmal auch an den äußerten Rand der  Krempe, so dass die feinen Härchen in der Luft zittern. Stangenreiher sehr guter Qualität, acht bis zehn an Zahl, werden am Fuße und dann noch in zwei oder drei Abständen zusammengenäht, so dass eine Art „Couteau“ entsteht, der sehr duftig und reizend aussieht und durchaus nicht überkostbar ist. Aus Stangenreihern wird sogar eine Art Kuppel gebildet, die den Hutkopf überdacht. Zu diesem Zweck werden Fuß und Spitzen der Reiher in gut zentimeterbreiten Zwischenräumen an einem ganz schmalen Federbandeau befestigt, rechts und links erheben sich dann noch zwei hohe Reihercouteaux, die an den Spitzen zusammenstoßen.

Kronenreiher und falsche Kronenreiher sieht man zum Beispiel auf einer weißen Toque wehen, die mit weißen, flachen Atlasmohnblumen bedeckt ist; aus jedem der Kelche, etwa zehn an Zahl, wachsen paarweise Kronenreiher heraus. Sehr beliebt ist es augenblicklich auch, sie zu kleinen Büscheln zusammengebunden zu arrangieren, was unter Umständen sehr reizend, unter Umständen sehr abscheulich aussieht, und zwar dann, wenn die Reiher am Fuße scheinbar in Tinte getunkt wurden, an der Spitze aber weiß blieben. So eine unglückliche Toque, deren Kopf nach rechts und links, nach vorn und hinten, kunterbunt mit Reiherbüscheln besteckt ist, sieht von weitem aus wie ein ganz bitterböser Igel, der sich auf ihren Kopf verirrte. Zweifellos gibt es Frauen, die selbst mit stacheligen Igelkopfschmücken sanft und zärtlich aussehen – aber in der Regel wird es ratsam sein, zum Beispiel bei dem bescheideneren Hutschmuck, etwa  von kleinen Flügelchen, zu bleiben, aus deren aus Federn geklebtem Fuß anstatt richtiger Flügelfedern die flachliegenden Kronenreiher herauswachsen. Die Idee dieser Flügel sieht man auch ins „Monumentale“ übertragen, es gibt also Riesenflügel, aus deren steifer, geklebter Kante die flachliegenden Kronenreiher hervorkommen, Flügel, die man gegeneinanderstellt und hochstehend, oder den Hutkopf umgehend, angebracht sieht. Das Luxuriöseste endlich, das aus Kronenreihern hergestellt wird, sitzt allerdings nich auf dem Kopfe, sondern unterhalb desselben, es ist eine flach aufliegende Halsgarnitur – die sich an dem Vorbilde einer flachen Rüsche inspiriert. Paradiesvogelfedern sieht man vielfach auf den Krempen der großen flachen Hüte liegen, auch die hochstehenden „Brins de paradis“ sind sehr beliebt, zu denen drei ausgesucht schöne Federn aufeinander genäht werden.

Ein neuer und sehr kostbarer Hutschmuck ist der Paradiesfedernflügel, bei dem man ebenfalls aus dem steifen geklebten Teil die flachliegenden Paradiesvogelfedern herauswachsen sieht. Dieser Flügel in Luxusausgabe wird einzeln, hochstehend, angebracht. Seine besonderen Kennzeichen sind: Kostspieligkeit und Gebrechlichkeit.

Ich komme zum Vogel Strauß. Da werden jetzt hochstrebende, ganz schlanke Gestecke hergestellt aus gebrannten Straußenfedern, die solche aus Stangenreihern imitieren. Not macht bekanntlich erfinderisch: es war Not der armen, reichen Amerikanerinnen, die sich keine Rieher auf ihre Hüte nähen lassen dürfen, die die Phantasie der Pariser Federschmückerin in wunderbarer Weise befruchtete.

Sehr modern sind auch die neuen Pfauenfedern – die weißen -, die sich rings um die Hutköpfe schlängeln oder luftig in die Luft stehen, und ein anderer sehr wohlfeiler und sehr verbreiteter Artikel, nämlich die Schwanzfeder einer ausländischen Fasanenart, mit dem stilischen Namen „Lady Umhurst“, die ebenfalls „gebrannt“ wird, so dass also der Flaum von der Feder beseitigt wird, und nur die steifen Fasern stehen bleiben, und zwar obendrein in Abständen. Das sieht ja freilich so ein bisschen mager und abgerupft aus – aber, begreift man? -, in dieser Dürftigkeit liegt Eleganz.

Was aber gilt als das Ulkigste? Es hat ein plumpes kleines Schnäbelein, ein zu kleines Köpfchen auf zu dünnem Hälslein, ein watscheliges Körperchen, bedeckt mit einem Kleid gleichsam aus dottergelbem Plüsch, es nennt sich Küken und sitzt auf dunkler Samttoque. Ich konnte in der Eile nicht konstatieren, ob es sechs Kükenkadaver waren oder nur künstliche Vöglein. Die Mode erklärt diese Frage auch für ganz belanglos; sie meint: Für denMagen werden täglich Tausende von Küken geschlachtet, warum nicht für den Kopfputz? Ein Vergleich, den man lieber nicht weiterspinnen sollte…