Arbeiterzug in der Neckarstraße in Stuttgart am 01. Mai 1900 Quelle: Wikipedia

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Aufruf des SPD-Vorstandes

Parteigenossen!

Niemand hat sich so stark für den Erhalt des Friedens eingesetzt wie die Anhänger der SPD. Nun, wo der Krieg kommt, haben Frauen und Arbeiter besonders darunter zu leiden. Daher wendet sich der SPD-Vorstand mit einem Appell an die "Vorwärts"-Leser.

Der Kriegszustand ist erklärt. Die nächste Stunde schon kann den Ausbruch des Weltkrieges bringen. Die schwerste Prüfung wird damit nicht bloß unserem Volke, nein, unserem ganzen Weltteil aufgezwungen.

Bis zur letzten Minute hat das internationale Proletariat seine Schuldigkeit getan, diesseits und jenseits unserer Grenzen, und alle Kraft angespannt, um den Frieden zu erhalten, den Krieg unmöglich zu machen. Waren unsere ernsten Proteste, unsere immer wiederholten Bemühungen erfolglos, sind die Verhältnisse, unter denen wir leben, noch einmal stärker gewesen als unser und unserer Arbeitsbrüder Wille, so müssen wir jetzt dem, was kommen mag, mit Fertigkeit ins Auge sehen.

Die fürchterliche Selbstzerfleischung der europäischen Völker ist die grausame Bestätigung dessen, was wir seit länger als einem Menschenalter den herrschenden Klassen mahnend, wenn auch vergeblich, zugerufen haben.

Parteigenossen! Nicht mit fatalistischem Gleichmut werden wir die kommenden Ereignisse durchleben. Wir werden unserer Sache treu bleiben, werden fest zusammenhalten, durchdrungen von der erhabenen Größe unserer Kulturmission.

Die Frauen insbesondere, auf „welche die Schwere der Ereignisse doppelt und dreifach lastend fällt, haben in diesen ernsten Zeiten die Aufgabe, im Geiste des Sozialismus für die hohen Ideale der Menschheit zu wirken, auf dass die Wiederholung dieses namenlosen Unglücks verhütet wird, dieser Krieg der letzte ist. Die strengen Vorschriften des Kriegsrechts treffen mit furchtbarer Schärfe die Arbeiterbewegung. Unbesonnenheit, nutzlose und falsch verstandene Opfer schaden in diesem Augenblick nicht nur den Einzelnen, sondern unserer Sache.

Parteigenossen! Wir fordern Euch auf, auszuharren in der unerschütterlichen Zuversicht, dass die Zukunft trotz alledem dem völkerverbündenden Sozialismus, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit gehört.

Berlin, den 31. Juli 1914.

Der Parteivorstand.