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Sozialdemokratische Abgeordnete

Protest des österreichischen Proletariats!

Wir österreichische Sozialdemokraten verurteilen das Attentat von Sarajewo. Trotzdem sind wir gegen den Krieg, den das Ultimatum an Serbien heraufbeschwört. Daher rufen wir unser Land zur Besonnenheit auf!

Arbeiter, Parteigenossen!

In furchtbar ernster Zeit richten wir, Parteigenossen, heute das Wort an Euch! Die Gefahr einer kriegerischen Verwicklung mit Serbien rückt in immer unheimlichere Nähe, und bevor der Tag um ist, an dem Euch unser Wort erreicht, kann der Krieg schon ausgebrochen sein! Die österreichisch-ungarische Regierung hat in Belgrad ein Ultimatum überreichen lassen, ein letztes Wort, das an diesem Samstag um 6 Uhr abends seine Erfüllung finden muss, wenn die

blutige Entscheidung durch die todbringenden Waffen

vermieden werden soll. An einem dünnen Faden hängt die Erhaltung des Friedens, und wenn der Faden reißt, wenn Serbien die Bedingungen, die ihm Österreich-Ungarn  diktiert, nicht hinnimmt und annimmt, so ist der Krieg da, der Krieg mit Schrecken und Jammer, mit dem Leid und Kummer, die er im Gefolge hat! Und da es vorzugsweise die breiten Massen sind, die seine furchtbaren Lasten tragen, si ist die Entscheidung, die sich nun vorbereitet, der Einsatz an Gut und Blut des Volkes!

Musste es so kommen? Auch wir Sozialdemokraten, die Vertreter des werktätig schaffenden Volkes, verschließen unser Auge nicht vor dem schweren Unrecht, das die serbischen Machthaber an Österreich begangen haben. Wie wir, aus unseren prinzipiellen Anschauungen heraus, die schnöden Gewalttaten zurückweisen, die Mordtat von Sarajewo verurteilen, so verurteilen wir auch alle die, die an ihr Mitschuld tragen. Wir erkennen an, dass Österreich-Ungarn im Rechte ist, wenn es von der serbischen Regierung die strafgerichtliche Verfolgung der Mitschuldigen begehrt; wir verstehen, dass Österreich-Ungarn von Serbien Bürgschaften verlangt, dass dem unterirdischen Mühlen gegen die Sicherheit und Ruhe des österreichischen Staatenverbandes Einhalt getan werde, dass mit der fördernden Duldung, die die Machthaber in Serbien dieser Loßreißungsbewegung entgegenbringen, gebrochen werde. Aber wir sind überzeugt, dass die serbische Regierung diesen Forderungen Österreich-Ungarns, die durch das Völkerrecht sanktioniert sind, keinen Widerstand hätte entgegensetzen können, keinen Widerstand auch entgegengesetzt hätte. Wir sind überzeugt, dass für alles, was Österreich-Ungarn im Interesse des Schutzes seiner Staatlichkeit begehrt, die Erfüllung

im Frieden 

zu erreichen war und immer noch wäre, und dass keine staatliche Notwendigkeit, keine Rücksicht auch auf ihr Ansehen die Großmacht zwingt, die Bahnen der friedlichen Verständigung zu verlassen. Deshalb erklären wir im Namen der arbeitenden Klasse, erklären es als die Vertretung der deutschen Arbeiter in Österreich, dass wir

für diesen Krieg die Verantwortung nicht übernehmen

können, dass wir für ihn und für alles, was aus ihm an furchtbar ernsten Folgen entsprießen mag, denjenigen die Verantwortung zuschieben, die den verhängnisvollen Schritt, der uns vor den Krieg stellt, ersonnen, unterstützt und gefördert haben.

Zu dieser Feststellung und Erklärung sind wir um so mehr verpflichtet und gedrängt, als die Völker in Österreich seit vielen Monaten ihrer verfassungsmäßigen Rechte beraubt sind und der Tribüne entbehren, von der aus sie ihren Willen künden könnten. Angesichts der Gefahr eines Kreiges, der von allen Angehörigen des Staates die volle Hingabe von Gut und Blut in Anspruch nimmt, erscheint die

planmäßige Vergewaltigung des Volkswillens,

wie sie in der Ausschaltung des Parlaments liegt, um so erbitternder und aufreizender! Wie, es sollte nicht jeden aufrechten Mann in diesem Staate  erbittern, dass sich selbst in rechten Mann in diesem Schicksalsaugenblicke, da uns ein Ringen auf Tod und Leben droht – denn wer kann es ermessen, was dem Kriege mit Serbien noch alles nachfolgt! – der Absolutismus einer volksfremden Bureaukratenregierung breitmachen darf und alles unterlassen wird, was dieVölker in Österreich einander näher bringt und ihnen die Möglichkeit gemeinsamer, schöpferischer Arbeit im Dienste des Volkswohles bietet! Blicket doch auf Ungarn und vergleichet die Achtung vordem Parlament, die dort geübt wird mit dem geringschätzenden Hohn, der in Österreich der Vertretung des Volkes gewidmet wird! Deshalb erheben wir, die gewählten Abgeordneten des deutschen Proletariats, in diesem Augenblicke des schwersten Ernstes unsere Stimme feierlich zum Protest! Wir protestieren gegen ein Regierungssystem, das keine Achtung vor den grundsätzlich verbürgten Rechten des Volkes hat; wir protestieren gegen eine Regierungstätigkeit, die die Nationen mit Unmut, das Volk mit Verzweiflung erfüllt! Mit dem stärksten Nachdruck erheben wir die Forderung, dass auch dem Volke gegeben werde, was dem Volke gehört, dass die verfassungswidrige, staatsverwüstende und volksschädliche Herrschaft der Regierung Stürgkh, die Gesetz und Verfassung zu Boden tritt, ein Ende nehme!

Wir wollen

ein freies, fortschreitendes Österreich,

das sich aufbaut auf der Selbstregierung aller Nationen in diesem Staate, das allen die Möglichkeit kultureller Entwicklung bietet; wir wollen ein Österreich, das wirklich ein Bund freier Völker ist. Wir sind der Ansicht, dass ein Staat in unserer Zeit nur in Freiheit gedeihen, nur durch Gerechtigkeit bestehen kann. Und als die Vetreter der Enterbten dieser Gesellschaftsordnung streben wir nach einem Staatswesen, das dem Befreiungskämpfe der Arbeiterklasse, auf den die Hoffnung dieser Welt sich gründet, durch soziale und kulturelle Reformen zu Hilfe kommt; vertreten wir den demokratischen Fortschritt auf allen Gebieten, weil durch ihn diesem Nationalitätenstaat Bestand und Festigkeit verliehen wird. Wir fühlen es tief, wie die aufbauende und festigende Kraft der demokratischen Enfaltung durch jede Störung des Friedens aufs tiefe erschüttert wird. Wir wissen, wie entsetzlich groß durch die so lange andauernde wirtschaftliche Krise die Not gestiegen ist; wir wissen, in welche weiten Schichte das Elend sich niedergelassen hat; wir wissen, in welcher düsteren Lage sich die breiten Massen des Volkes befinden und welche verzweifelte Stimmung sich ihrer bemächtigt hat. Darum erheben wir unsere Stimme laut zur Warnung, rufen an zur Besonnenheit, zur gewissenhaften Erwägung aller Notwendigkeiten, die aus den Lebensbedürfnissen der Völker entspringen!

Dem Volk ist es nicht gegeben, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Das Parlament, durch das es wirkt und und spricht, ist stumm. Der politischen Freiheit in den Versammlungen und in der Presse sind Fesseln angelegt. In dem Bewusstsein der schicksalsschweren Stunde soll noch einmal unser Mahnruf laut werden:

Der Friede ist das kostbarste Gut des Menschen, das höchste Bedürfnis der Völker!

Wir lehnen jede Verantwortung für diesen Krieg ab; feierlich und entschieden beladen wir mit ihr diejenigen, die ihn, hüben wie drüben, angestiftet haben und entfesseln wollten. Wir wissen uns darin einig mit den klassenbewussten Arbeitern der ganzen Welt, nicht zum wenigsten mit den Sozialdemokraten Serbiens, und feierlich bekennen wir uns zu der Kulturarbeit des internationalen Sozialismus, dem wir ergeben bleiben im Leben und verbunden nis zum Tode!

Die deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten in Österreich

Einigkeit Krieg 1914