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Ein anderer Blick auf Rasputin

Rasputin und Witte

Vielen galt Rasputin, der wohl einem Attentat zum Opfer gefallen ist, als Abenteurer und Verbrecher. Doch einer hat Rasputin als ehrlichen und gütigen Menschen kennengelernt: Sergei Juljewitsch Witte.

In unserem Feuilleton wird Rasputin für heute als der „Abenteurer“, der Verbrecher geschildert, für den ihn die Mehrheit der aufgeklärten Männer Russlands hielt. Dass es noch eine andere Art der Betrachtung für diesen merkwürdigen Menschen gibt, zeigt und der folgende Artikel:

Rasputin war kein Abenteuer. Die Geschichtsschreiber werden sich mit ihm mühevoll und gründlich beschäftigen müssen. Ein einfacher Bauer, mit genialen Instinkten, mit der Gabe der Hypnose, mit wahrhaft mystischen Neigungen und urstarken Gedanken, ein Bauer, der nur mit großer Mühe lesen und schreiben konnte, wird vom Schicksal in eine Sphäre hinausgewirbelt, wo er Einfluss auf den Herrscher des sechsten Teiles unserer bewohnten Erdoberfläche gewinnt – einen Einfluss, der auf Krieg und Frieden entscheidend wirkt. Der Staatsmann fürchtet solche Konkurrenz, aber über dem Urgrund dessen, was wir Leben, Volk, Staat nennen, schweben solche Imponderabilien – besonders in Russland. Rasputin war vielleicht die einzige schmale Brücke, die von der russichen Volkstiefe zum Zarenschloss, das von einer raffinierten Bureaukratie und einer provokatorischen Polizei von allen frischen Strömen des fruchtbaren Lebens abgesperrt ist, führte.

Rasputin wurde in die Zarenfamilie noch vor der Geburt des Thronfolgers eingeführt, also vor mehr als zehn Jahren. Er gelangte dorthin durch die Frau des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, die eine geborene montenegrische Prinzessin ist. Und wie merkwürdig! Gerade Rasputin war es, ausschließlich er und die durch ihn mächtige Hofpartei, die den durch den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch bereits herbeigeführten Kriegsentschluss – vor zweieinhalb Jahren, während des Balkankrieges – in achtundvierzig Sunden umwarfen. Es war schon das Mobilisierungsdekret unterzeichnet und Militärzüge bestellt. Da kam der sibirische Bauer und wendete mit seiner in einem abgehackten farbigen Volksrussisch sich entladenden Predigt den Weltkrieg ab. Er verkörperte in seinem Wesen die gütig-lebensfrohe Seite des russischen Volkscharakters, die der Askese und der Lebensverneinung abgeneigt und der Erde treu ist. Seine suggestive Art verscheuchte aus dem Schloss in Zarskoje Sfelo das höllische Gespenst der Schlaflosigkeit.

Erst vor einer Woche hatte ich das Vergnügen einem genialen Rusen gegenüber zu sitzen, der im Gegensatz zum Mittelalter, das Rasputin verkörperte, alle Elemente der russischen Gegenwart repräsentiert. Graf S. J. Witte. In der Dämemrung senkte, wagte ich mich mit der Frage hervor:

„Was halten Sie von Rasputin, Sergej Juljewitsch?“

Witte erwiderte lebhaft: „Es gibt wirklich nichts Begabteres, als ein begabter russischer Bauer. Welche Eigenart! Welche Originalität! Rasputin ist ein absolut ehrlicher und gütiger Mensch, der immer bestrebt ist, Gutes zu wirken und auch sein Geld an Notleidende verteilt.“ Witte lächelte und fuhr fort: Kurz vor meiner letzten Abreise aus Petersburg kam zu mir ein Jude mit einem an mich gerichteten Zettel ohne Kuvert. Auf deinem Stück Papier entzifferte ich mit großer Mühe die unleserlichen Buchstaben: „Graf, hilf diesem Judenkerl, dass man seinen Sohn ins Polytechnikum aufnimmt. Die Judenkerle sind ja auch Menschen. Weshalb verfolgt man sie? Rasputin“ Ich bekam oft von ihm ähnliche Empfehlungszettel. Ich habe ihn nur einmal in meinem Leben gesprochen – vor fünf Jahren. Da brachte ihn zu mir unangemeldet Herr S. Er entwickelte mir sehr eigenartige und interessante Anschauungen. Er sagte zum Beispiel: der Pöbel ist immer auf Wunder lüstern. Er will immer Wunder haben. Aber das größte Wunder, das sich stündlich vollzieht, sieht er nicht: die Geburt des Menschen. Was er sagte, hat er alles persönlich empfunden und gedacht. Ich sagte ihm damals: „Weißt du, Rasputin, weshalb kommst du eigentlich zu mir. Erfährt man dies, so wird man von mir sagen, ich suche durch dich eine Annäherung an eine gewisse Stelle, von dir hingegen, du verkehrtest mit einem schädlichen Menschen.“ – „Du hast Recht, Bruder,“ erwiderte er. Er ging, und seit damals sah ich ihn nicht wieder. Er schickte aber oft verschiedene Schützlinge zu mir.

Nun ist Rasputin tot. Der Dolch hat ihn durch die schöpferische russische Volkslegende der Unvergesslichkeit überliefert.