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Pferderennen

Rennen zu Grunewald

Skurrile Szenen spielten sich beim Pferderennen im Berliner Grunewald abgespielt. Wegen eines Frühstarts der meisten Pferde ging der letzte Starter als Sieger über die Ziellinie. Besonderen Spaß hatten die Besitzer von Wettscheinen.

Man muss mit dem Erzählen von hinten anfangen, denn so etwas wie sich gestern im letzten Rennen, dem Preis von Charlottental, ereignete, ist noch nie dagewesen, wenigstens nicht auf einer der großen Berliner Bahnen. Man denke, sechs Rennen sind vorüber, sechs Favoriten sind geschlagen, und alles stürzt sich, in der Hoffnung, den Schaden einigermaßen wieder gut zu machen, auf den siebenten, auf Waldteufel, denn der Braditzer konnte das Rennen nach menschlicher Berechnung kaum verlieren; höchstens dass Mormone ihm ein bisschen gefährlich würde. Aber alles klappt, klappt sogar schön. Man sieht das Feld mit Centaur, Sauerfüß und Waldteufel in Front losgehen, wird aber doch stutzig, als man bemerkt, dass Mormone nach einigen hundert Metern von seinem Reiter ausgepullt wird.

Entweder ist Mormone lahm geworden oder Davies hat den Verstand verloren, denkt man, während inzwischen Waldteufel leicht gegen den Sauerfüß gewinnt. Aber beides ist nicht der Fall. Ganz munter trabt Mormone dahin, und es stellt sich heraus, dass sein Jockei sogar der einzige Vernünftige im Felde gewesen ist. Der Starter hatte nämlich das Zeichen zum Ablauf noch gar nicht gegeben, auch die weiße Recallflagge war noch nicht gefallen; die Herren Jockeis hatten selbst gestartet, und das Rennen war gar kein Rennen, sondern, renntechnisch betrachtet, nur ein sogenannter falscher Start und das Resultat null und nichtig. Bis diese Tatsache aber auf dem Platze bekannt wurde, hatten die Verlierer ihre Tickets längst weggeworfen, namentlich deshalb, weil schon die „Siegesquote“, 22:10, aufgezogen war. Rund 30 000 Mark lagen da in kleinen Totokärtchen, die nun mit einem Male wieder zu Wert und Ansehen kamen, da alle Wetten zurückgezahlt wurden. Alles begab sich schleunigste auf die Suche nach solchen Tickets, die nun mit Gold eingelöst wurden, und man kann sicher sein, dass nach zehn Minuten nicht ein Papierstückchen mehr auf der Erde lag, das nicht aufgehoben und genau geprüft war. Jockei Davies aber begab sich mit Mormone schmunzelnd noch einmal zum Ablauf Posten und ging für den Preis allein über die Bahn, denn von den Besitzern deren Pferde im Rennen „gelaufen“ waren, hatte natürlich keiner Lust, seines ein zweites Mal zu strapazieren. Die schuldigen Jockeis wurden natürlich der technischen Kommission zur Bestrafung angezeigt.

Wie schon bemerkt, hatten bis dahin die Favoriten durch die Bank verlangt, und zwar hatte ihnen in drei Rennen der Stall Lindenstädt den Garaus gemacht, und in zwei weiteren Rennen war dieser Stall, der unsagbares Glück entwickelte, nahe daran gewesen, ein Gleiches zu tun. Die Serie begann mit der zweijährigen Wand, die im Hamilkar-Rennen als Erste absprang und als Erste einkam, wie wenn sie das von jeher gewohnt wäre. Und dabei lief die Stute ihr erstes Rennen. Dann setzte Animato im Römerhof-Rennen der Siegerin Jewel gewaltig zu. Gerade um einen Kopf konnte sie sich ins Ziel retten. Jewel war – oh bittere Ironie! – tags zuvor auf der Hoppegartener Auktion vergeblich angeboten worden. Der Favorit, der hierbei in der Versenkung verschwand, hieß Royal Blue. Er hat es in dieser Saison nun fünfmal fertiggebracht, als meistgewettetes Pferd zu verlieren. Aber die Wetter sind zähe. Sie lassen ihn nicht fallen. Der Lindenstädtische Marius hatte es darauf auf das wertvolle Adonis-Rennen abgesehen, aber Monolog war noch etwas zu stark für ihn und konnte sich des Angreifers, wie Jewel, um einen Kopf erwehren. Auch hier täuschen Stall Oppenheim und Archibald das Vertrauen ihrer Anhänger, denn Mephisto versagte völlig. Ähnliche Parallelen ergaben sich aus Verlauf und Resultat des Affenburg-Memorials und des Preises vom Waldhaus, die beide der Stall Lindenstädt mit Ragufa und Marotte zu langen Odds gewann, gegen den Stall des Trainers Long, der mit Saint Cloud in dem einen, wie mit Oryade in dem anderen Rennen die erste Anwartschaft zu haben schien. Mitten zwischen diesen spannenden und in den Endkämpfen ungemein reizvollen Rennen lag eine Zweijährigenkonkurrenz, der Preis von Remlin, in dem ein Pferd sich zum ersten Mal vorstellte, das wahrscheinlich besser ist als alles, was an diesem Tage sich hier bekämpfte, Herrn Haniels Bella Luna, eine Binion-Tochter, die ihr Rennen vom Start bis ins Ziel gewann, und von der man noch manchmal sprechen wird.