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Die Reisezeit

Rheinische Bäder

Neuenahr am Rhein bietet Urlaubern mehr als nur schöne Landschaft. Hier sprudelt Wasser aus dem Boden, das eine heilende Wirkung hat. Auch dem anderen Rheinufer bietet Ems dazu eine besondere Opulenz.

Es ist wenig mehr als fünfzig Jahre her, als am Ufer der Ahr, etwa anderthalb Meilen von der Stelle entfernt wo sie nach einem Laufe von hundert Kilometern vorbei an steilen Felsenhängen und an riesenhohen Rebenterrassen in den Rhein mündet, ein Weinbauer an der Mauer seines Hauses einen Brunnen grub und plötzlich seine Füße von einem warmen Wasserstrahl umspült fühlte. Dieser Strahl entsammte einer bisher verborgen gewesenen Quelle, die heute unter dem Namen „Neuenahrer Sprudel“ in der ganzen Welt bekannt ist.

Damals war die Ahr noch ein wilder Fluss mit zerrissenen Ufern, der eine Landschaft durchströmte, die, so reizend sie auch für das Auge und so gesegnet sie auch an Fruchtbarkeit war – heißt deshalb noch das Gebiet ihrer Mündung „die goldene Meil“ und umfasst der Weinbau an den Flussufern doch fast deren große Hälfte – doch nur von kleinen Ortschaften belebt wurde. Heute steht an der Stelle, wo der Weinbauer nach dem Brunnen grub, eine der lieblichsten und elegantesten deutschen Badestädte mit den großartigsten Palästen des Badehauses und des neuen, mit allem nur erdenklichen Komfort und auch mit eigenen Badezellen versehenen Kurhotels, das nicht weniger als 300 Personen Platz bietet. So jung die Badestadt an der Ahr also noch ist, so wurde sie doch im letzten Sommer schon von weit über 15 000 Kurgästen besucht.

Die Heilquellen Neuenahrs, alkalische Thermen, die größten ihrer Art in Deutschland, werden gegen katarrhalische Erkrankungen der Verdauungsorgane, zumal aber gegen Zuckerkrankheit gebraucht und ihre ausgezeichneten Wirkungen haben Neuenahr den Ehrentitel eines „Rheinischen Karlsbads“ verschafft. Außer dem zuerst entdeckten „Großen“ Sprudel, der allein täglich annähernd 500 Kubikmeter Wasser liefert, wurde vor etwa zehn Jahren noch ein zweiter erbohrt, der „Willibrordus-Sprudel“ mit einem täglichen Erträgnis von 200 Kubikmetern. Auch noch mehrere andere kleine Quellen wurden gefunden. Zu der Heilkraft des Wassers gesellt sich die schon erwähnte herrliche natürliche Lage, das ungewöhnlich regenarme Klima, das den Besuchern Neuenahrs zwei Drittel des Sommers den Aufenthalt im Freien gestattet und die günstige Verkehrslage an der großen Völkerstraße des Rheins. Ganz besonders aber und zur Nacheiferung für andere bevorzugte Landschaftsstrecken sei noch eine landespolizeiliche Anordnung hervorgehoben, wonach auf der schönen Straße, die durch das Ahrtal führt, vom 1. Mai ab bis Mitte Oktober jeden Jahres an allen Sonn- und Feiertagen der Autoverkehr verboten ist. Gerade am Rhein, wo zur Belästigung der Fußgänger und Straßenanwohner der Autoverkehr noch reger als sonst wo ist, wird der Kurgast und Spaziergänger diese Einrichtung mit ganz besonderer Dankbarkeit empfinden.

Gehört Neuenahr wegen seines verhältnismäßig noch so kurzen Bestehens sozusagen zu den Emporkömmlingen, so zählt das auf der anderen Rheinseite gelegene Ems, was seine Geschichte betrifft, zu den Patriziern. Die Reste einer altrömischen Badeanstalt, die heir ausgegraben wurden, und die jedenfalls aus der Zeit stammen, wo Ems noch eine Stationen des vom Rhein an die Donau führenden Grenzwalles bildete, weisen nach, dass die Emser Quellen schon vor fast zweitausend Jahren bekannt waren. In die Blätter der Weltgeschichte ist der Name „Ems“ durch die Begegnung des alten Kaisers Wilhelm mit Benedetti eingezeichnet, woran noch die im Kurgarten eingelassene Steinplatte mit der betreffenden Inschrift erinnert, wenn wegen des französischen Fremdenbesuches sich die Kurdirektion, die heute in den Händen des preußischen Staates liegt, auch nicht gern daran mahnen lässt. Die Zeiten, wo sich hier um den alten Kaiser eine ganze Schar von Fürstlichkeiten, so Zar Alexander, die Könige von Schweden, Sachsen usw. sammelten, sind freilich dahin. Aber die prächtige, von üppigstem Laubwald gedeckte Lage an der anmutigen Lahn, die Heilwirkungen der Quellen auf chronische Katarrhe, Asthma, Gicht, Herzaffektionen usw. und der seit jener großen Zeit eingebürgerte behagliche Komfort, der auch dem ganzen Stadtbild sein Gespräche aufdrückt, reihen Ems noch heute unter die Elite der Badeorte ein. Eine alte Fabel ist es, wenn von Ems behauptet wird, es hätte ein besonders heißes Klima – amtliche Untersuchungen haben die Unwahrheit dieser Behauptung ergeben. Die augenblickliche große Attraktion von Ems ist das neue Kurhaus, das dreimal so groß wie das alte ist. Abgesehen von seinem architektonischen Reiz und der Opulenz seiner auf der Höhe der neuesten Zeit stehenden Einrichtungen enthält es im Erdgeschoss noch die berühmten beiden Kränchenbrunnen und noch eine Reihe anderer Brunnen und Quellen. Der Bau ist eine Erweiterung des alten Hauses, in dem der alte Kaiser wohnte. Er bewohnte damals sieben Zimmer, von denen einige im neuen Hause, was wenigstens das Mauerwerk betrifft, erhalten geblieben sind, nur dass sie mit neuen Tapeten und Möbeln versehen wurden. Das angenehme Leben in Ems hat es neuerdings bewirkt, dass es auch von solchen Leuten besucht wird, die kein eigentlichen Leiden haben, höchstens den „allgemeinen Rachen-, Rauch- und Saufkatarrh“, der sich bei so vielen Menschen männlichen Geschlechts in den höheren Semestern einzustellen pflegt. Um noch mit einer kleinen Indiskretion aufzuwarten, so heißt es, dass auch der Kaiser die Absicht hat, in einem der nächsten Sommer Ems als Kurgast zu besuchen. Wenn der kaiserliche Hof in Homburg residiert, so hat schon seit einigen Jahren die Emser Verwaltung regelmäßig ihre Brunnen hinzuschicken.

Kehren wir wieder auf das linke Ufer zurück, so winkt uns an einer Windung, die hier der Strom macht, überhangen von den dunklen Höhen der Ausläufer des Hunsrücks, das freundliche Boppard mit einem auf einem Hügel stehenden altertümlichen umfangreichen Bau, einem früheren Damenkloster, der Wasserheilanstalt Marienberg. Gestalten schon die ungewöhnlich starke Stromkrümmung, die den Zugwind von der Stadt fernhält, und andererseits die vielen Täler im Rücken der Stadt mit ihren die Luft reinigenden und die Nebel zerstreuenden Winden Boppard zu einem so gesunden Ort, dass hier niemals eine Epidemie Eingang gefunden hat, so schaffen die alten, dicken, gegen Hitze wie Kälte gleich gut schützenden Klostermauern einen Aufenthalt, der, als seinerzeit durch Prisnitz die ersten Wasserheilanstalten aufkamen, wie geschaffen dazu schien, hier die erste dieser Anstalten in ganz Westdeutschland erstehen zu lassen. Längst werden auf dem Marienberg im Sinne der modernen Wissenschaft auch alle anderen Heilbehandlungen ausgeübt. Was dem Marienberg aber seinen schönsten Reiz gibt, das ist der ihn umgebende wundervolle Park mit seinen uralten Baumriesen, den Wasser-, Luft- und Sonnenbädern, Tennisplätzen und vor allem dem Blümchen Einsamkeit, das darin blüht. Erquicklicher und köstlicher duftet es wohl nicht am ganzen Rhein als hier im Klosterschatten unter dem Zepter der toten Äbtistinnen.