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Unveröffentlichte Briefe

Richard Wagner an Robert Schumann

Bisher unveröffentlichte Briefe zeigen, wie intensiv sich die Komponisten Richard Wagner und Robert Schumann sich ausgetauscht haben.

Auf das Verhältnis Richard Wagners zu Robert Schumann, der ja nicht nur der bedeutende Komponist, sondern zugleich auch der hervorragendste und einflussreichste Kritiker seiner Zeit war, fällt neues Licht durch mehrere bisher unveröffentlichte Briefe, die in der offenbar sehr bedeutsam werdenden Sammlung der Briefe Wagners, besorgt von Julius Kappe und Emerich Kostner, mitgeteilt werden. Sie befinden sich im demnächst erscheinenden zweiten Bande, aus dessen Aushängebogen wir mit Genehmigung des Verlages Hesse u. Becker in Leipzig hier deren zwei wiedergeben. So schreibt Wagner am 13. Juni 1843 aus Dresden an Schumann:

„Verehrtester Freund! Werden Sie mir nicht bös, wenn ich Sie noch einmal mit einer Erklärung belästige; vielleicht haben Sie schon erfahren, dass Schott in Mainz, der sich gar kein Gewissen macht, einen deutschen Musiker zu verunglimpfen, sich durch meine „Verwahrung“ vom 12. Mai empfindlich verletzt fühlte? Nichts aus Furcht vor dem mir angedrohten Prozesse, sondern um mit derlei Leuten in einem notwendigen guten Vernehmen zu stehen, suche ich ihn durch die hier beigelegte „Erklärung“ zu beruhigen, und ich bitte Sie daher, die Güte haben zu wollen, auch diese „Erklärung“ in der nächsten Nummer Ihrer Zeitschrift („Neue Zeitschrift für Musik“) abdrucken zu lassen. Ich habe meinen Schwager gebeten, Ihnen Spohrs Bericht über die Aufführung und Aufnahme meines „Fliegenden Holländers“ in Kassel zu lesen zu geben, damit Sie mir den jetzt noch wichtigen Gefallen erzeigten, daraus etwas für eine Mitteilung in Ihrer Zeitschrift zu entnehmen. Meinen besten Dank, wenn Sie meiner Bitte gewillfahrt haben!

Mir geht’s überhaupt recht gut; sehr gefreut hat es mich unter anderm, dass mir von Wien aus – wo ich absolut keinen Menschen kenne, die Anfrage gestellt worden ist, ob und unter welchen Bedingungen ich für die nächste Saison der Deutschen Oper im Kärntnertortheater eine neue Oper schreiben wolle? – Ich habe geantwortet, dass ich mein nächstes Sujet „Tannhäufer und der Wartburgkrieg“ bereits für Dresden bestimmt habe, dass ich aber ein zweites Sujet vorrätig hätte, welches ich für die Saison von 1844/45 für Wien komponieren wollte! Geschwätz! Bleiben Sie mir gut und leben Sie schönstens wohl! Ihr ergebenster Richard Wagner“.

Drei Tage darauf folgt ein weiterer Brief und nach einer Pause von einem Vierteljahr schreibt Richard Wagner am 21. September aus Dresden:

„Verehrter Freund! Ich habe nun immer gehofft, Sie eines Tages in Dresden begrüßen zu können, wo Sie Ihrem letzten Briefe gemäß diesen Sommer eine Zeit lang sich aufhalten wollten; in dieser Voraussicht ließ ich den eben erwähnten Brief unbeantwortet und muss nun endlich, da ich ersehe, dass meine Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen ist, wieder mit dem Schreiben anfangen. Und zu Schreiben habe ich wiederum nichts, als mein Bedauern auszudrücken, dass ich mich nicht einmal bei einem längeren persönlichen Umgang mündlich über mancherlei habe besprechen können. Zumal hätte ich gern etwas von Ihren neuen Kompositionen und davon nun wieder hauptsächlich Ihre Peri kennen gelernt; ich gestehe, dass Sie mich schon mit der bloßen Nachricht und Nennung Ihrer Komposition erfreut haben. Ich kenne dies wundervolle Gedicht (von Thomas Moore) nicht nur, sondern es ist mir auch schon durch meinen musikalischen Sinn gefahren; ich fand aber keine Form, in welcher das Gedicht wiedergeben zu sei, und wünsche Ihnen daher nun Glück, die richtige gefunden zu haben. Sie haben Recht! Der Konzertsaal, wenn Ihr ihn so ausstattet, wie in Leipzig, kann noch der einzige Zufluchts- oder Kulturort der musikalischen Kunst werden. Am Theater verzweifle ich fast trotz meiner Erfolge auf demselben. Was wird nicht alles aus diesen verfluchten Brettern applaudiert! Kann man sich auf einen dort errungenen Erfolg etwas zugute tun? Kaum! Bei dem Theater ist es das Unglück, dass das Publikum aus Leuten besteht, die 1 Tlr. 8 Gr., 16 Gr., 8 Gr. und 4 Gr. zahlen. Bei euren Konzerten zahlen alle 16 Gr.
Das ist ein großes Glück; Ihr habt es mit einer Klasse zu tun und wir mit vielen, wovon die 1. Tlr. 8 Gr.-Klasse die schlechteste und die 4. Gr.-Klasse nicht die beste ist. Es ist ein Grauen, für ein solches Gemisch Musik machen zu sollen und die einzige Rettung ist, sich gar nicht um sie zu kümmern. Seien Sie glücklich mit Ihrer „Peri“, ich begleite Sie mit meinen besten Wünschen. – Sobald die Aufführung bestimmt ist, sind Sie wohl so gut, mich davon wissen zu lassen; denn wenn es nur eine Möglichkeit ist, so komme ich dazu nach Leipzig. Ich habe seit meinem Liebesmahl nicht eine Note gemacht; sowie ich nun hier häuslich eingerichtet bin, geht es mit meinem Tannhäuser los. Von Wien aus habe ich nun wieder die erneuerte Aufforderung erhalten zu einer Oper für 1844/45; ich soll meinen Sujetenwurf einschicken; seit sechs Wochen zögere ich nun schon damit! Ein wahres Grauen hält mich ab, mich mit diesem verwahrlosten Wien einzulassen! Gehört denn diese Stadt noch zu Deutschland? – Es ist mir gerade, als sollte ich eine Oper für Kleinaffen schreiben! Lassen Sie bald etwas von sich hören! Wie lässt sich Hiller (Ferdinand Hiller vertrat für den Winter 1843/44 Mendelssohn in der Leitung der Leipziger Gewandhauskonzerte) an? Vergessen Sie nicht, mir zu schreiben, wenn die Peri aufgeführt wird! Leben Sie wohl und behalten Sie in gutem Andenken Ihren Richard Wagner.“.

Wagner als Komponist von Goethes Faust
Dass Wagner neben seinen großen Meisterschöpfungen auch kleinere Werke geschaffen hat, ist allgemein bekannt; besonders seine fünf Gedichte werden ja viel gesungen. Völlig überraschend, auch für den Wagnerkenner, aber kommt die Veröffentlichung von sieben Kompositionen zu Goethes Faust die Wagner im Jahre 1832 in Leipzig als Op. 5 niederschrieb. Unter diesen Stücken befinden sich u. a. Branders Lied „Es war einmal ein König“ und „Was machst du vor Liebchens Tür“, „Meine Ruh ist hin“ und ein Melodram „Ach neide du Schmerzenreiche“. Diese Kompositionen, denen allerdings manches Skizzenhafte anhaftet, ans Tageslicht gezogen zu haben,ist das Verdienst Michael Ballings, des Herausgebers der großen Wagner-Gesamtausgabe, die der bekannte Leipziger Verlag Breitkopf u. Härtel herausgibt. Bisher lagen diese Schätze im Wahnfried-Archiv und sind nun erstmalig im 15. Bande der Gesamtausgabe (Preis 30 M.) – Subskriptionspreis 15 M – veröffentlicht worden. Der Band enthält noch Bérangers „Les Adieux des Marie Stuart“, sowie Jean Rebouls „Was du hier siehst, sind flücht‘ge Träume“ und auch drei Kompositionen für eine Singstimme mit Orchester; darunter Einlagen zu Bellinis „Norma“ und Marschners „Vampyr“. Auch in dem bereits erschienenen 16. Bande der Gesamtausgabe (Chorgesänge) sind einige bisher völlig unbekannte Kompositionen Wagner, u. a. eine Neujahrskantate für gemischten Chor mit Orchester, sowie ein Huldigungsgesang auf Friedrich August den Gerechten für Männerchor und Orchester veröffentlicht.