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Deutschenhass

Schreckenstage in Brüssel

In Belgien fachte die Nachricht, die Deutschen hätten Brunnen vergiftet, den Deutschenhass noch weiter an. Die Belgier schreckten nicht davor zurück, deutsche Kinder aus dem Fenster zu stürzen. Für die Deutschen auf der Flucht war erst hinter der deutschen Grenze der Schrecken vorbei.

Am Sonntag fuhren die deutschen Heerespflichtigen noch mit großer Begeisterung und selbst begrüßt von den zahlreichen, am Bahnhof anwesenden Belgiern aus Brüssel. Montag vormittag um 10 Uhr wurde durch belgische Extrablätter die Nachricht verbreitet, dass Deutschland die kriegerischen Unternehmungen gegen Belgien begonnen und die Grenze überschritten habe. Die vorher freundliche oder wenigstens wohlwollende Stimmung der belgischen Bevölkerung gegen die Deutschen schlug sofort in wilde Erbitterung um. Es ereignete sich, dass Belgier ihre deutschen Freunde auf der Straße mit geballten Fäusten bedrohten. Auf dem Konsulat, das sofort von einer ungeheuren Menschenmenge belagert wurde, sagte man allen Deutschen, dass sie sofort abfahren sollten. Die zahlreichen Bankiers, Kaufleute, Industriellen konnten nichts als das Notdürftige von ihren Geschäftspapieren retten, und der Zug, der Montag um 1 Uhr Brüssel verließ, wusste eine große Anzahl der anstürmenden Herren und Damen und die sehr zahlreichen Kinder zurücklassen.

Alle belgischen Zeitung, selbst die gemäßigten, schürten dann sehr schnell die Erbitterung bis zum ungezügelten Zorn. Dienstag früh geschah es schon, dass Deutsche auf der Straße angehalten und verprügelt wurden. Sogar Belgier, die man für Deutsche hielt, entgingen diesem Schicksal nicht. Auf den Boulevards wurden die zahlreichen deutschen Geschäfte und Restaurants vollständig demoliert. Weine, Bier und andere Getränke, Speisen, alle Möbel, Luxusgegenstände, Waren jeder Art wurden vernichtet. Ich hatte vormittags einen deutschen Freund mit seiner Frau ins Metropolhotel begleitet, das im Zentrum der Stadt liegt. Der Fahrstuhlführer verweigerte den Dienst mit dem Wort: „Ich bediene keinen Deutschen!“ Ein Portier hatte die Demonstranten auf der Straße wahrscheinlich aufgewiegelt und binnen einer Viertelstunde hatten sich vor dem Hotel tausende von Menschen angesammelt, die den Deutschen im Hotel zu Leibe wollten. Mein Freund und seine Frau fürchteten sich, das Haus zu verlassen. Ich konnte ungefährdet durch eine Seitentür eine kleine Straße erreichen. Auch belgische Geschäftsleute und Restaurateure kamen in den Verdacht Deutsche zu sein. Um zu verhindern, dass ihre Häuser demoliert wurden, klebten sie an die Scheiben den Heimatschein oder den Trauschein, aus dem hervorging, dass sie zur belgischen Nation gehören.

Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch verbrachte ich nicht mehr in meinem Haus, das den Demonstranten auch gekennzeichnet worden war. Ein belgischer Freund hatte mir Gastfreundschaft angeboten. Gegen die Mitternachtsstunde, als wir schon zur Ruhe gegangen waren, erscholl plötzlich durch die Straßen der Alarmruf: „Die Deutschen haben das ganze Wasser der Stadt vergiftet, schlagt die Deutschen tot!“

Dieser Ruf verursachte eine ungeheure Panik. Alle Türen öffneten sich, die Menschen kamen in dürftigen Nachtgewand auf die Straße. Die Frauen zeterten. „Wir sind vergiftet, wir sind vergiftet! Wo sind die Deutschen, die uns das angetan haben?“ Die Männer trösteten ihre vor Furcht zitternden Frauen indem sie ihnen sagten: „Wir werden unseren Mördern, den Deutschen, die Köpfe abschneiden.“ Aber das war ein sehr schwacher Trost für die erschrockenen Mütter, an die sich ihre Kinder klammerten und die noch in den allgemeinen Lärm hineinzeterten: „Wir haben eben Tee getrunken, wir haben eben Kaffee, wir haben eben Wasser getrunken! Wir werden jetzt gleich tot sein!“ Dann, nach einer Viertelstunde der Panik ein wildes Sturmläuten von allen Glocken; eine Mannschaft des des Roten Kreuzes lief hastend durch die Straßen, und es wurde verkündet, dass die Nachricht falsch sei. Die Frauen wollten noch nicht glauben, und sie verlangten von den Boten, dass sie vor ihren Augen erst ein Glas des gefährlichen Wassers leerten, was denn auch geschah.

Mit einem besonderen Pass des belgischen Justizministeriums konnte ich nach Antwerpen fahren, obgleich von dort die Deutschen schon ausgewiesen waren. In Antwerpen hatte der Pöbel nicht nur gegen die Geschäfte gewütet, sondern auch gegen die Privatleute. Man hatte die Häuser erbrochen, die Möbel auf die Straße geschleppt und zerschlagen. Im Hafenviertel stürzte man Klaviere in die Schelde. Einer deutsche Mutter sind ihre beiden Kinder vom zweiten Stockwerk auf die Straße geschleudert worden. Die Kinder liegen jetzt tödlich verwundet im Spital. Um drei Uhr morgens wurden alle Antwerpener Deutschen aus dem Schlaf getrieben, mit der Botschaft, dass sie innerhalb zwei Stunden Belgien verlassen müssten. Doch die Züge, die für die Flüchtenden bereitstanden, konnten bei weitem nicht die große Anzahl der Ausgewiesenen fassen. So kam es, dass die Leute weinend vor den Bahnabteilen baten, man möge sie doch hineinlassen. Kranke, Frauen und Säuglinge, die erst wenige Tage alt waren, wurden aufgehoben und auf die schnell zusammengerafften Bettstücke niedergelegt. In den Korridoren der Züge standen die Leute sich buchstäblich auf den Füßen. Man kletterte auf die Gepäckstücke hinauf, um Raum zu gewinnen. Und als man dann bei Hammont die belgische Grenze erreicht hatte, musste man sich die Gepäckstücke aufladen oder sie für teures Geld einigen Kerlen anvertrauen, um zu Fuß die holländische Grenze zu gewinnen. An der Grenze bei Dübel brachte eine Frau vor Schrecken zu früh ihr Kind zur Welt. Unter strömendem Regen, weinend und hungern, saßen Tausende von Flüchtigen, von denen die meisten Österreicher waren, die als Diamantarbeiter in Antwerpen ihr Brot verdient hatten. Nach sechsstündigem Warten wurden dann endlich in Viehwagen und selbst in Sträflingsabteilen aufeinander gepackt. Von der holländischen Grenzstation Venlo nach der deutschen Grenze bei Dalheim neue Wanderung zu Fuß; viele alte Frauen waren so müde, dass sie auf Karren geladen und gefahren werden mussten. Mitten im Walde wurde von deutschen Gendarmen dann endlich eine Kontrolle vorgenommen, damit nur Deutsche und Österreicher die ersehnte Grenze überschritten. Hunderte von Russen, die sich ebenfalls geflüchtet hatten, bettelten, dass man sie hinüberlasse. Sie waren alle zerlumpt, hungrig und durstig und standen schon seit mehreren Tagen bettelnd an der deutschen Grenze. Das Kriegsrecht aber gebot, dass man ihnen das Mitleid versagte.

Der Wirrwarr, der von 10 Uhr abends bis 4 Uhr morgens in den Bahnhofsräumen von Dalheim herrschte, ist unbeschreiblich. Diese Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag ist eine schreckliche Nacht gewesen. Die vielen Kinder, die vom Zusammenhocken, von der Fußwanderung, von der Feuchtigkeit des Regens, von der Müdigkeit gequält waren, weinten und klagten. Man hörte deutlich ein Kind, das immer wieder zu seiner Mutter wimmerte: Ich will nach Hause, ich will nach Hause!“ Alle Beruhigung half nichts. Das Brot, das man am Bahnhof gehabt hatte, war längst aufgegessen. Die wenigen Liter Milch, die wenigen Flaschen Selters waren schnell getrunken; auf den Tischen und Bänken, am Fußboden, auf den Steinfliesen, auf den Eingangsstufen der Bahnhofshalle war kein Platz mehr. Im Freien mussten sich die Wartenden lagern, während einer feuchten Nacht, und frieren. Um 4 Uhr morgens kam endlich der ersehnte Zug, der die Auswanderer nach Deutschland weiterbringen sollte. Die Parole erscholl: „Erst die Frauen und Kinder, dann die Männer!“ Diese deutsche Ordnung war sehr nützlich. So kamen wenigstens die Schwächsten eine Weile zur Ruhe. Aber ein zwei Monate alter Säugling hatte die Strapazen in der Leidenszeit nicht überwinden können. Bei Soest ist er seiner Mutter sterbend aus den Armen genommen worden. Aber die Gastfreundschaft, die die Flüchtigen von der deutschen Grenze ab gefunden hatten, war so groß, dass man im Laufe des Donnerstags und Freitags bald all die überwundenen Schrecken und Strapazen vergaß. An allen Bahnhöfen reichliche, sogar überreichliche Verpflegung, dargeboten von freundlichen und lächelnden jungen Mädchen. Die Glücklichen, die den Misshandlungen und vielleicht den Massakern entgangen waren, wurden überall mit lauten Freudenrufen aufgenommen und begrüßt, und die jungen Leute, die in Belgien ihr Hab und Gut am Dienstag und Mittwoch hatten zurücklassen müssen, meinten voll guten Mutes: „Über kurz oder lang sind wir wieder in Belgien, um alles zurückzuholen!“