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Kriegsgefahr

„Schritte“ in Serbien

Gegenüber Serbien übt sich Österreich in einer ungewohnten Zurückhaltung. Das könnte ein gutes Zeichen sein. Doch in Österreich steigt täglich das Gefühl der Unruhe. Schon das kleinste Ereignis könnte weitreichende Folgen haben.

Aus Wien wird uns vom 14. Juli geschrieben:

Was planen die österreichischen Machthaber? Die äußeren Vorgänge unterscheiden sich diesmal sehr auffällig von dem, was man während der zwei großen Konflikte mit Serbien, dem nach der Annexion und dem in Frage der Räumung der besetzten Küstengebiete nach den Balkankriegen, erlebt hat. Während der Ballplatz (Sitz des Außenministeriums Österreich-Ungarns, d. Red.) damals mit dem Aufgebote eines argen Lärms arbeitete, kein Mittel zur Erregung der Leidenschaften verschmähte und seine „Entschlossenheit“ in den grellsten Farben malte, befleißigen sich die offiziellen Kreise diesmal einer Zurückhaltung, die man loben müsste, wenn man hoffen dürfte, dass sie echt sei.

Irgend eine offizielle Mitteilung darüber, was man in Belgrad unternehmen werde, ist nicht gegeben worden; genau betrachtet, ist eigentlich auch niemals in einer amtlichen verpflichtenden Weise angekündigt worden, dass überhaupt etwas unternommen werden wird. Als die sich als „inspiriert“ gebärdenden Blätter über den letzten gemeinsamen Ministerrat und über die sich daranschließende Audienz in Ischl allerlei bedrohliche Mitteilungen zu veröffentlichen begannen, erfolgte sofort von Wien und von Budapest aus ein schroffes Dementi. Graf Tisza, der einzige Minister, der seither gesprochen, hat sich, ganz gegen seine sonstige Losgehermanier, nüchtern und besonnen vernehmen lassen. Das alles würde zu dem Schlusse verführen können, dass sich die Forderung Österreichs, wenn sich aus der Untersuchung über die Mordtat für sie überhaupt ein Anlass gewinnen lässt, in verständigen Grenzen halten werde. Auch sieht man sich vergebens nach der treibenden Kraft für ein zum Kriege führendes Vorgehen um. Der alte Kaiser wird dafür ganz bestimmt nicht in Anspruch genommen werden können; ebenso wenig aber auch der junge Mann, der jetzt den Thronfolger darstellt.

Auch die Minister, Berchtold auf der einen, die Stürgth und die Tisza auf der anderen Seite, sehen nicht gerade danach aus, als ob sie fähig wären, sich in Abenteuer, deren Ende nicht abzusehen ist, zu begeben. Bleibt die Soldateska, der freilich jede Ausschreitung zuzumuten ist. Indes kann nicht übersehen werden, dass die Militärs, die allerdings mit Serbien schon seit langem und eigentlich immer „blutige Abrechnung“ halten möchten, gerade durch die Mordtat in Sarajewo ihres Hauptes beraubt wurden, und dass das militärische Großmachtsbewusstsein, das sich so gerne in einem Kriege entladen möchte, durch den Heimgang Franz Ferdinands um seine bewegende Energie gekommen ist. Danach könnte man sich wohl entschließen, die Dinge mit kühler Ruhe zu betrachten. Dennoch aber liegt es auf der Stimmung in Österreich wie eine schwere Gewitterwolke und das Gefühl der Unruhe, die Sorge der Beklemmung will nicht weichen, verstärkt sich eher von Tag zu Tag.

Die Bangigkeit hat vor allem ihren Grund in der Empfindung, dass der geringste Zufall in der angesammelten Spannung verhängnisvoll wirken könnte. Am Sonntag ist unter den in Belgrad lebenden Österreichern eine regelrechte Panik ausgebrochen. Man sprach von einem sich vorbereitenden Attentat auf die österreichische Gesandtschaft, von einem Überfall auf die österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen; und alle diese wilden Gerüchte, die offensichtlich an den Tod des russischen Gesandten anknüpfen, wurden geglaubt. Die Österreicher flüchteten teils in die Gesandtschaft, teils nach Semlin, und der Gesandte selbst bereitete sich, wie sein Sohn erzählte, der sich gleichfalls nach Semlin „gerettet“ hatte, auf einen Heldentod vor. Es war zwar alles nur blinder Lärm; aber wie wäre es gewesen, wenn ein paar zuchtloser Leute, wie ihrer gerade die serbische Hauptstadt nicht wenige beherbergt, gegen die Österreicher wirklich etwas unternommen hätten? Ein paar Steinwürfe gegen das Gesandtschaftsgebäude, eine Attacke auf irgend welche österreichische Staatsangehörigen: und der Konflikt wäre da! Denn in der Erregung über die Mordtat, die von der gewissenlosen Presse, die in Franz Ferdinand ihren Schutzheiligen sieht und ihm zu Ehren gar nicht ungern die Hekatombenopfer eines Krieges schlachten möchte unablässig geschürt wird, könnte das kleinste Ereignis zu unabsehbaren Folgen führen. Würde man die Sachlage nach der Stellung der offiziellen Faktoren beurteilen dürfen, so brauchte man sich besonderer Besorgnis nicht hinzugeben; sind doch alle drei Kriegsminister dieser Tage demonstrativ auf Urlaub gegangen! Aber das bange Gefühl, dass im Dunklen eine schwere Gefahr lauert, will nicht weichen.

Welche Forderungen Österreich-Ungarn nun in Belgrad zu stellen gedenkt, ist nicht abzusehen; sie können sich von dem bloßen Ersuchen, den Mordspuren in Serbien nachzugehen und die Mitschuldigen der Bestrafung zuzuführen, bis zum drohenden Ultimatum bewegen. Es wird wohl sicher sein, dass die Spuren des Attentats nach Belgrad reichen und wenn es selbst nicht der Fall wäre, wird die strafgerichtliche Untersuchung, der man natürlich jede Richtung geben kann, diesen Beweis schon „erbringen“. Wenn sich Österreich auf das Begehren beschränken sollte, dass man in Serbien diejenigen, die zu der Sarajevoer Mordtat Beihilfe geleistet haben, zur Verantwortung zieht, so wäre dagegen nichts einzuwenden und könnte dagegen niemand einen ernstlichen Einwand erheben. Aber damit wird sich der von der militaristischen und christlichsozialen Kriegshetze gepeitschte Ballplatz leider nicht begnügen, vielmehr wird er irgend welche „Bürgschaften“ gegen die großserbische Agitation erhalten wollen. Nun möchten wir es mit aller Deutlichkeit wiederholen, dass wir diese Agitation, die auf die Vereinigung aller serbischen Gebiete zu einem Staate ausgeht, gleichgültig welche „idealen“ Motive ihr zu Grunde liegen mögen, für eine der schwersten Bedrohungen des Friedens in Europa halten, denn dass ihre Verwirklichung nur in einem Weltkriege möglich wäre, ist wohl klar. Es wäre deshalb sehr nützlich, wenn man sich überall entschließen wollte, die großserbischen Ideen mit der nötigen Kühle zu betrachten und Licht und Schatten in der Beurteilung des Verhältnisses zwischen Österreich und Serbien gleichmäßiger verteilen wollte; der österreichischen und der ungarischen Hetzpresse steht um Beispiel die Belgrader Schundpresse ganz ebenbürtig zur Seite. Aber welche „Bürgschaften“ kann Österreich verlangen und welche könnte Serbien geben? Der nationale Drang wird durch diplomatisch abgezirkelte Versicherungen nicht beschworen und je stärker die großserbische Tendenz in Serbien betont wird, je schreiender sie sich gibt, und je offener sie sich zu ihren Zielen bekennt, desto größer muss die Neigung in den österreichischen Kreisen werden, sich des Feindes, der nie ruhen will, mit einem Schlage zu entledigen. Dies ist auch unzweifelhaft das, worauf die militärimperialistischen Kreise drängen und wobei sie nicht zum wenigsten darauf rechnen, dass die serbische Überheblichkeit die Spannung bis zur Unerträglichkeit verschärfen wird. Es ist also jedenfalls nicht angemessen, die Überhebung der serbischen Soldateska – denn die ist es, die in Belgrad ausschlaggebend ist – durch Betrachtungen zu steigern, in denen die Serben der Welt als das bedrückteste aller Völker in Europa vorgeführt und ihre imperialistischen Absichten in höchst kurzsichtiger Weise gerechtfertigt und verherrlicht werden.

Die Friedenskräfte, die sich in Österreich zweimal so glänzend bewährt haben und denen nicht zum wenigsten die Bewahrung des Friedens trotz der zweimaligen Kriegshetze zu danken ist, – wobei den Sozialdemokraten aller Nationen das allergrößte Verdienst zukommt – sind diesmal und zwar einesteils durch die Mordtat, anderenteils durch die Ausschaltung des Parlamentes und die Zerfetzung des gesamten politischen Lebens eher gelähmt. Aber von einer wirklichen Leidenschaft und Empörung ist außerhalb der schwarzgelben Presse so wenig vorhanden, und der österreichische Staat ist in jeder Hinsicht so geschwächt, dass die Hoffnung wohl berechtigt ist, der Konflikt werde auch diesmal in einem diplomatischen Aufgebot landen. Aber man muss auch den Serben ins Gewissen reden; denn dieser unruhvolle und unruhstiftende Staat hat wahrlich nicht wenig auf dem Gewissen.