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Britischer Außenminister

Sir Edward Greys Erklärungen

Der britische Außenminister Sir Edward Grey will mit einer Botschafterkonferenz über die kritische Lage zwischen Österreich-Ungarn und Serbien beraten. Dafür fordert er allerdings eine Waffenruhe für die Zeit der Beratungen.

London, 27. Juli

Das Parlament war heute Nachmittag stundenlang von Abgeordneten dicht besetzt. Man erwartete die Erklärungen, die Sir Edwartd Grey über die Haltung Englands im Falle eines Krieges abgeben sollte. Das diplomatische Korps war vollzählig anwesend, auch der deutsche Botschafter Fürst Lichnowsky war erschienen. Als sich Sir Edwartd Grey erhob, herrschte im ganzen Hause tiefe Stille; man hätte eine Nadel fallen hören können.

In Beantwortung einer Anfrage Bonar Laws erklärte Grey, dass die Zeit zu kurz gewesen sei, um eine Antwort aus Berlin, Rom oder Paris zu erhalten; er stehe mit den Regierungen der drei Staaten in Verbindung. Gestern Nachmittag habe er bei diesen Reigerungen anfragen lassen, ob sie geneigt seien, ein Einvernehmen dahin zu treffen, dass ihre Botschafter in London mit Staatssekretär Grey zu einer Konferenz zusammenträten, um die Mittel zu prüfen, wie die gegenwärtige Schwierigkeit beizulegen sei. Gleichzeitig habe er den englischen Vertretern in Wien, Petersburg und Belgrad die Anweisung erteilt, diesen Regierungen den Konferenzvorschlag mitzuteilen und sie zu ersuchen, die militärischen Operationen einzustellen, bis das Ergebnis der Konferenz bekannt sei.

Grey sagte, wenn nur Österreich und Serbien in den Krieg verwickelt wären, würde England nicht eingreifen. Wenn eine andere Macht in den Konflikt hineingezogen würde, werde die Lage kritisch werden. Man werde dann vor einer Frage stehen, die den Frieden Europas berühre, und vor einer Angelegenheit, die alle europäischen Nationen angehe. Es scheine ihm nötig, fuhr Grey fort, dass Deutschland, England, Italien und Frankreich sich in gemeinsamer Arbeit in Petersburg und Wien bemühen sollten, Grundlagen für eine Verständigung zu schaffen und eine Einstellung der kriegerischen Aktionen zu erwirken, solange ihre Beratungen dauerten. Das Zusammenwirken der vier Mächte, so fügte Grey in ernsterem Ton hinzu, sei von großer Wichtigkeit. Es sei offenbar, dass bei einem Scheitern der Verständigung die Krisis zu der schwersten Katastrophe für das europäische Konzert führen werde, deren Folgen unberechenbar sein würden. Der deutsche und der italienische Botschafter hatten lange Besprechungen mit Sir Edward Grey im Auswärtigen Amt. Grey hatte auch mit dem russischen und dem österreichischen Botschafter Besprechungen. Heute Abend hat bei Asquith ein außerordentlicher Kabinettsrat getagt, um über die europäische Lage und die irische Frage zu beraten. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Auffassung in den Kreisen der Diplomatie optimistischer ist, in Handelskreisen dagegen herrscht noch Panikstimmung.