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Zwei Fälle vor Gericht

Soldatenmisshandlung bei der Garde

Sie sollen ihre Untergebenen geschubst, schikaniert pder geschlagen haben: Wegen zweier Fälle von Soldatenmisshandlungen mussten sich Unteroffiziere vor Gericht verantworten. Die Strafen fielen eher milde aus.

Vor dem Kriegsgericht der 1. Gardedivision und vor dem Oberkriegsgericht des Gardekorps fanden zwei Prozesse wegen Soldatenmisshandlungen statt. In dem ersten Falle hatte sich der Unteroffizier Böttcher von der 4. Kompagnie des Gardefüsilierregiments wegen Misshandlung und vorschriftswidriger Behandlung eines Untergebenen in dreizehn Fällen zu verantworten. Nach der Anklage sind die Misshandlungen zum Teil unter Missbrauch der Waffe und während der Ausübung des Dienstes begangen worden.

Dem Angeschuldigten wurde zur Last gelegt, den Rekruten Marx einmal am Kragen gefasst und mit solcher Wucht zurückgestoßen zu haben, dass er gegen das Fenster taumelte und eine Scheibe zertrümmerte. In einem anderen Falle hat der Unteroffizier den Untergebenen mit dem Gewehrkolben absichtlich heftig auf die Fußspitzen gestoßen. In fünf weiteren Fällen hat Böttcher den Rekruten auf die Füße getreten. Ferner ließ er den Rekruten mit dem Kohlekasten um den Tisch herumlaufen. Das Kriegsgericht verurteilte den Angeklagten zu drei Wochen Mittelarrest.

Schwerer lag ein Misshandlungsfall, mit dem sich das Oberkriegsgericht des Gardekorps in der Berufungsinstanz zu befassen hatte. Angeklagt war der Unteroffizier Damerow von der 1. Batterie des 3. Gardefeldartillerieregiments. Der Misshandelte ist der Kanonier Meier, dessen Geschützführer der Angeklagte ist. Meier musste aus nichtigen Gründen zwischen den Pferdeständen in die Kniebeuge gehen, auf der Stelle marschieren und andere Befehle des Unteroffiziers ausführen. Auch einen Fußtritt bekam er, als er die Beine beim Marschieren auf der Stelle nicht hoch genug schwang. Dann wurde dem Untergebenen befohlen, von neuem die Stallgassen auf und ab zu laufen. Der Misshandelte wurde dabei von Übelkeit befallen, worauf er sich auf die Stallbank niedersetzte. Der Angeklagte befahl ihm aber, von neuem nach der Stube hinauf zu laufen. Auf dem Zimmer brach der Rekrut besinnungslos zusammen und wurde auf einer Tragebahre nach dem Lazarett gebracht, wo er nach einiger Zeit wieder zum Bewusstsein kam. Er soll auch in seinem Fieberwahn den ihn behandelnden Lazarettgehilfen als den Unteroffizier angesehen und gerufen haben: „Herr Unteroffizier, lassen sie mich doch! Schlagen Sie mich doch nicht mehr, ich kann ja nicht mehr!“

Nach den Bekundungen des Oberstabsarztes erster Instanz hatte der Kanonier damals eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen. An der rechten Kopfseite befand sich in Folge des Schlages mit dem Zaumzeug eine Druckstelle, die angerötet war. Das Oberkriegsgericht hielt es nicht für völlig erwiesen, dass der Schlag mit dem Zaumzeug von dem Angeklagten herrühre, und es erkannte infolgedessen nur wegen vorschriftswidriger Behandlung auf vier Wochen Mittelarrest. Der Vertreter der Anklage bedauerte es, keine höhere Strafe beantragen zu können, weil der Gerichtsherr keine Berufung eingelegt hat.