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Erhaltung der Existenz

Sozialdemokratische Minister in Frankreich

Die Auswirkungen des Krieges in der französischen Regierung.

Die alles Alte umwälzenden Wirkungen des Weltkrieges beginnen sichtbar zu werden. Die Führer der französischen Sozialdemokratie sind in das Ministerium eingetreten und nehmen an der Regierung teil, in der die Vertrauensmänner aller republikanischen Parteien sitzen. Die Radikalen, Sozialistisch-Radikalen und Sozialdemokraten, also die Partei, die mit der Friedensparole den Sieg bei den letzten Wahlen errangen, besitzen trotz der Teilnahme der rechtsstehenden Republikaner eine starke Mehrheit, während ausgesprochener Chauvinisten, wie Clemenceau, an der Regierung nicht teilnehmen. Die sozialdemokratischen Führer, die in das neue Ministerium eingetreten sind, sind nicht etwa rechtsstehende, dem Ministerialismus zuneigende Genossen. Es sind die bedeutendsten Männer der französischen Bruderpartei, der geistreiche, von revolutionärem Temperament sprühende Marcel Sembat, sie stärkste Stütze von Jaurés in dem Kampf für die Verständigung mit Deutschland, und Jules Guesde – Guesde, der alte Kampfgefährte von Marx und Engels, der Begründer und Organisator der marxistischen Richtung in Frankreich, der schärfste und rücksichtsloseste Verfechter des Klassenkampfes, der unermüdlichste Bekämpfer jeder Kompromisspolitik, der ebenso wie Sembat die Spaltung der Billigung des ministerialistischen Experiments vorzog, der unversöhnlichste Feind kapitalistischer, ministerialistischer, imperialistischer Politik. Wie weit Guesde wie auch Sembat entfernt sind und stets entfernt waren von chauvinistischer Kriegsbegeisterung Deutschland gegenüber, das zeigte noch wieder die Rede, die Sembat am Tage der Kriegserklärung in einer großen Pariser Versammlung hielt. Er wandte sich dagegen, dass der Krieg irgend welchen Rachegelüsten dienen dürfe; auch nicht die Zerstörung deutscher Kultur dürfe sein Ziel sein, und wenn ein siegreiches Russland Deutschland zerstückeln und die Kosaken seine berühmten Hochschulen zerstören wollten, so werde das Frankreich nicht zugeben. Dass diese Männer, an deren Gesinnung internationaler Solidarität und Freundschaft für die deutsche Arbeiterklasse ein Zweifel nicht erlaubt ist, in das Ministerium eingetreten sind, das den Krieg führt, beweist, dass die Ereignisse Wirkungen zeitigen, die bei Ausbruch des Krieges nicht gewollt und von manchen nicht geahnt waren.

Versuchen wir in dieser Stunde, wo über die Motive der französischen Genossen noch kein Bericht vorliegt, die Tatsache selbst zu deuten.

Die französischen Armeen haben eine Niederlage erlitten. Der Eindruck in Frankreich, in dem in den letzten Jahren immer mehr die Furcht vor dem Kriege mit der übermächtigen deutschen Militärorganisation sowie das Friedensbedürfnis der arbeitenden Massen den Revanchegedanken verdrängt hatte, muss außerordentlich stark sein. Das französische Volk sorgt um seine Existenz, um seine nationale Einheit und Unabhängigkeit. Die herrschenden Klassen, die die Verantwortung für diesen Krieg tragen, wenden sich an die, die bis zur letzten Minute und mit aller Kraft den Ausbruch des Krieges zu hindern suchten. Denn in dieser furchtbaren Krise erscheinen die Tatsachen in ihrer ganzen Härte. Der französische Militarismus war im Frieden eine Kriegsgefahr und ein Herrschaftsmittel für die Besitzenden. Aber das moderne Heer ist zugleich das Volk in Waffen. Der Krieg, einmal ausgebrochen, verlangt die begeisterte und hingebendste Tapferkeit und Opferwilligkeit des Volkes. Und deshalb der Appell an die Vertrauensmänner der arbeitenden Klassen.

Unsere Genossen haben sich in der Stunde furchtbarer Gefahr der schweren Verantwortung nicht entzogen. Sie haben sich wohl gesagt, dass die Unabhängigkeit und Unversehrtheit der Nation die erste Verbindung der demokratischen und sozialen Befreiung ist, und der Selbstbehauptung der Nation können sie ihre Hilfe nicht entziehen.

Der Eintritt der sozialdemokratischen Führer wird seinen Eindruck auf das französische Volk nicht verfehlen, und diese Tatsache gilt es als klar ins Auge zu fassen. Die Teilnahme der Sozialdemokraten am Ministerium bedeutet für das französische Volk ein Sturmzeichen, ein Sturmzeichen, das aufruft zur Aufbietung aller Kräfte zur Abwehr. Es wandelt den Krieg, der ein Krieg der Regierung gegen den Willen des Volkes war, zum Volkskrieg um die Erhaltung der Existenz.

Das deutsche Volk muss mit dieser Auffassung rechnen. Unsere französischen Genossen wären nie in das Ministerium eingetreten, wenn sie die Meinung hätten, dass der Krieg im jetzigen Stadium ein Krieg zur Unterstützung des Zarismus, ein Krieg gegen die Kultur und politische Freiheit wäre. Die Niederlage lässt ihnen den Krieg als Kampf um die nationale Selbstständigkeit erscheinen. Sie fürchten Annexionen.

Auf der anderen Seite dürften wir nicht daran zweifeln, dass die Männer, die heute die französische Regierung bilden, in ihrer Mehrheit für einen Frieden, der die nationale Sicherheit und Integrität gewährleistet, einzutreten bereit sind. Guesdie und Sembat, aber auch Augagner, Malvy, David und andere kennen keine Solidarität mit Zarismus und Moskowitertum. Ihr Eintritt in Ministerium stützt also die Friedensaussichten, wenn dieser Friede ein solcher ist, wie ihn auch das deutsche Volk wünschen muss: ein Friede ohne Eroberung, ein Friede, der zur Verständigung mit dem französischen Volke führt. Dann hätte auch der Zarismus seine Schiedsrichterrolle für immer ausgespielt.

Der Krieg ist mit der Parole für Freiheit und nationale Unabhängigkeit eröffnet worden. Gelänge eine Verständigung mit Frankreich, so wäre die Freiheit und Unabhängigkeit Polens und Finnlands gesichert, der Zarismus gebrochen, der europäische Frieden gewährleistet. Das muss aber auch das Ziel deutscher demokratischer Politik sein.