Kultur & Gesellschaft > Die Frau >

Trauerbewältigung

Überwindung

Wenn der Mann in den Krieg ziehen muss, ist das für viele Frauen ein harter Schicksalsschlag. Doch eine Genossin wusste sich zu helfen: Gleich eine ganze Schar Nachbarskinder halfen ihr über ihre Trauer hinweg.

Am Sonnabend hatte ich die Genossin getroffen. Ihr Mann musste schon am Sonntag weg. Ihre Augen waren rot und als ich nur ein paar Worte sagte, schluchzte sie fast verzweifelt auf: „Warum das alles! … Vorige Woche hat er gerade wieder Arbeit bekommen!“ Was tut man bei einem solchen Verzweiflungsausbruch – man schneuzt sich und das tat ich.

Am Donnerstag besuchte ich die Genossin. Schon an der Korridortür hörte ich lautes Stimmengewirr – Kinderstimmen. Ich wusste, die Genossin hat nur ein Mädchen. Woher auf einmal die vielen Kinder. Ich schellte und wurde eingelassen. Nicht lachend und glückstrahlend, aber mit einem Gesichtsausdruck tiefster Zufriedenheit und Ruhe begrüßte mich die Genossin:
„Kommen Sie nur mal rein und schauen Sie sich meine Gesellschaft an. Das ist eine Rasselbande!“

Ich trat in die Küche. Um den Tisch saßen fünf Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Jedes hatte ein Töpfchen vor sich und löffelte den Milchreis daraus heraus. Aber trotzdem gingen die kleinen Mäulchen munter im Erzählen. Auf meinen fragenden Blick meinte die Genossin:
„Bei der Gesellschaft überwindet mans schon! Die machen einem Arbeit und plaudern einem die schweren Gedanken aus dem Kopf. Ich hab mir von der Pächteln zweie genommen, die hat ja sechs und muss noch zur Arbeit. Der Krauskopf ist der Müllern ihrer, die hat am Sonnabend vor lauter Schreck eine Frühgeburt gekriegt. Die Genossin Schmidt ist bei ihr und hilft ihr. Die Zwei sind dem Genossen Heinrich seine – der hat am Dienstag weggemusst – und vorige Woche hat er seine Frau begraben.“
„Und Ihr Mädchen?“ fragte ich.
„Das ist mit der Schmidten bei der Müllern.“
Die Kinder lärmten mehr – die Töpfchen waren leer. Die Genossin kommandierte munter: „Raus jetzt und ein bisschen nunter auf den Platz! Wenn ich abgespült hab, gehen wir in den Wald und holen Holz für alle.“
Die Kinder gingen hinunter. In meinem Blick muss unwillkürlich eine Frage gelegen haben, denn die Genossin erklärte mir:
„Vorläufig langts noch und wenn es nicht mehr langt, dann wird auch Rat werden. Und heutzutag muss ein dem anderen helfen, sonst geht ja alles zugrunde. Übrigens, sie wissen gar nicht, wie dankbar ich den Kindern bin. Gewiss, ich habe meine Bertha. Aber ich wär wahnsinnig geworden, wenn ich nichts zu tun gehabt hätte, als immer nur so dahinbrüten. Und meinem Mann – ich habs ihm geschrieben – wird’s auch leichter, wenn er weiß, was ich tu.“

Ich drückte der Genossin stumm die Hand und ging. Hier war kein Trost mehr notwendig.