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Aufruf an alle Proletarier

Unsere Feinde

Können wir uns angesichts der Grausamkeit noch wie Klassengenossen benehmen?

Wir wollen uns menschlich und freundlich zeigen gegen diejenigen, die das Kriegsgeschick als Gefangene in unsere Hände spielte. Wir wollen aber auch menschlich sein gegen unsere Feinde im Felde. Wir haben mit ihnen zu kämpfen; auch wer grundsätzlich ein Gegner des Krieges ist, muss sich jetzt damit abfinden. Aber kämpfen heißt noch nicht morden, heißt nicht grausam sein.
Wir sollten ingedenk bleiben der Pflichten, die uns unsere Kultur auferlegt. Wir Proletarier zumal dürfen auch in diesen Kämpfen nicht vergessen, dass es Klassengenossen sind, die uns gegenüberstehen. Sie stehen wider uns, gewiss. Aber aus eigenem Willen? Wie viele von ihnen zogen wohl mit innerem Widerstreben in diesem Kampf, wie viele mögen ihm innerlich fluchen, mögen sein Unrecht einsehen, mögen wünschen, ihren Brüdern auf der anderen Seite viel lieber die Hand zu reichen als auf sie zu schließen.
Freilich, nun kommen Meldungen über Meldungen, in denen die Grausamkeit der Feinde geschildert wird. Man hat von dem Eingreifen der brügerlichen Bevölkerung und den Greueln, die sie begangen habe, ausführliche, blutrünstige Berichte schildern sie. Man wird nicht leugnen können, dass solche Greuel vorgekommen sind. Aber bei den Berichten über sie ist doch auch stets abzuziehen die augenblickliche Erregung des Schreibers, vielen, was er nur vom Hörensagen berichten kann – vom Hörensagen, das heißt in Kriegszeiten, selbst die Zurückgebliebenen wissen davon ja genug zu erzählen, das Unzuverlässigste ist, was man sich denken kann, selbst wenn es sich noch so selbstsicher und bestimmt gibt. Es ist wohl zweifellos, dass gewiss Übertreibungen entstanden sind. Und man soll auch nicht verallgemeinern. Wenn man die Presse durchfliegt, möchte beinahe glauben , dass so ziemlich die gesamte Bevölkerung in Feindesland mit Grausamkeiten gegen unsere Truppen wüte. Und doch ist Tatsache, dass es nur immer vereinzelte Ausnahmen sind, in denen wirklich Greuel der „Frankireure“ festgestellt wurden.
Es ist selbstverständlich, dass Grausamkeiten des Feindes, wo sie festgestellt werden, gebrandmarkt werden müssen und dass alles zu tun ist, um sie zu unterdrücken, ihre Wiederholung unmöglich zu machen. Aber es ist auch nötig, sich durch die Nachrichten über sie nicht in eine Art Vergeltungspolitik treiben zu lassen und mit dem Blut Unschuldiger sühnen zu wollen, was andere taten.
Was soll man dazu sagen, wenn sogar ein Organ wie das „Deutsche Offizierblatt“ seine Sympathie ausdrückt einer Forderung gegenüber, man soll die „Bestien“, die als Franktireurs aufgegriffen wurden, nicht gleich totschießen, sondern nur anschießen, um sie dann ihrem Schicksal zu überlassen, „jede Hilfe unmöglich machen“? Was dazu, wenn es dort weiter heißt, „die strafende Vernichtung selbst ganzer Ortschaften“ könne „kein volles Entgelt bilden für die Knochen eines einzigen hingemordeten pommerschen Grenadiers“ … Das sind Gelüste blutgieriger Fanatiker und man schämt sich ordentlich, dass es Menschen in unserem Volke geben kann, die eine solche Sprache führen. Derartige Äußerungen sind ganz dazu angetan, schon durch sich selbst, auch wenn sie keine Befolgung finden, unseren Kampf vor aller Welt ins Unrecht zu setzen.
Vielleicht würde man einer die Grausamkeiten, die von den Gegner, so besonders von den belgischen und französischen Franktireurs, verübt werden, auch ganz anders anschauen, wenn er genau wüsste, wie gewisse nationalistische Kreise jenseits der Grenzen die Deutschen von jeher verhetzt haben und jetzt erst recht verhetzen. Die Deutschen sind de Bevölkerung hingestellt ärger als die Kosaken in unserer Auffassung; sie sind die Barbaren, die da kommen, um zu sengen und zu plündern; man verbreitet vielhundertfach in Wort und Schrift Schandtaten, die von ihnen an schuldlosen Frauen und Kindern verübt sein sollen; man schildert, wie sie geraubt, Frauen geschändet, Kinder aufgespießt hätten, um künstlich in den friedlichen Bürgern ein Gefühl von Angst und Hass aufzupeitschen, das an die Stelle der eigentlichen Kriegsbegeisterung, die den breiten Massen fehlt, treten soll.
Nicht vergessen soll man doch auch, dass in jenen Bauern und Bürgern, die hinterlistig auf deutsche Truppen schießen, das Gefühl lebt, sie verteidigen Haus und Herd Wir denken an das preußische Landsturmgesetz vom 21. April 1813 (vergl. „vorwärts“ vom 15. April dieses Jahres). Ist der Landsturm berufen, so ist danach der Kampf „ein Kampf der Notwehr, der alle Mittel heiligt“. „Es ist daher die Bestimmung des Landsturms, dem Feinde den Einbruch wie den Rückzug zu versperren, ihn beständig außer Atem zu halten; seine Munition, Lebensmittel, Kuriere und Rekruten aufzufangen, seine Hospitäler aufzuheben, nächtliche Überfälle auszuführen, kurz, ihn zu beunruhigen, zu peinigen, schlaflos zu machen, einzeln und in Trupps zu vernichten, wo es nur möglich ist.“ Dabei war jenem Landsturm ausdrücklich eine Uniform versagt, weil „sie den Landsturm kenntlich machen“ könnte … Scharnharst und Ernst Moritz Arndt priesen begeistert diesen Landsturm. Sie sahen in seiner Einrichtung eine gerechte Sache, in seinem Kampf , auch wenn er hinterhältig war, einen guten Kampf. Weil auch sie überzeugt waren, er ginge gegen Barbarei und Knechtschaft, weil auch sie meinten: Hier muss der Zweck die Mittel heiligen.

Gewiss, der Vergleich hinkt. Die Verhältnisse sind heute anders als vor hundert Jahren. Aber die Erinnerung an jene Zeit von 1813 gibt doch den Schlüssel, um manches zu erklären, was anderenfalls in seiner Brutalität und Gemeinheit schier unglaublich dünken müsste.

Wir sind hinaus über die Zeit von 1813. Wir glauben, auch wenn wir hier für eine Sache kämpfen, die uns gerecht scheint, es doch nicht mehr nötig zu haben, durch Nichtuniformierte, durch Franktireurs heimtückisch und hinterlistig, grausam und skrupellos den Feind bekriegen zu müssen. Gut, wenn es so ist. Aber beweisen wir auch, wie weit wir in unserer Entwickelung gekommen sind, indem wir in der Front, als Kämpfer in Uniform, uns gleichfalls menschlich geben. Suchen wir, soweit es möglich ist, dem Kampf das Rohe und Gemeine zu nehmen. Zeigen wir Ritterlichkeit, auch wenn wir Proletarier sind, oder auch gerade deshalb, weil wir Proletarier sind! Sorgen wir so dafür, dass, wenn est einmal der Kampf durchgekämpft ist, es auch nicht mehr so schwer ist, wieder brüderlich mit unseren Klassengenossen jenseits der Grenze zusammenzuwirken!