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Die herzoglich braunschweigische Forstverwaltung gegen die Arbeiterkinder

Verbotene Waldspaziergänge

Offenbar hat ein Forstbeamter des Herzogs von Braunschweig Angst bekommen, dass Kinder im Wald das Jagdwild des Herzogs scheu machen. Arbeiterkindern wurden Waldspaziergänge jedenfalls verboten, während andere dort militärische Übungen abhalten dürfen.

Braunschweig, 22. Juli
Große Erregung, die weit über die betroffenen Kreise hinausgeht, verursacht eine Verfügung der herzoglichen Forstbehörde, die die Ferienausflüge von Arbeiterkindern in die benachbarten herzoglichen Forsten verbietet. Um den zahlreichen Arbeiterkindern, die in den engen Straßen der Altstadt Braunschweig unter der Hitze und der Staubbildung besonders leiden, während der Ferien den Genuss von Spaziergängen in Wald und Feld zu ermöglichen, veranstalteten die Gewerkschaften im Verein mit der sozialdemokratischen Partei Nachmittags- und Tagesausflüge von Arbeiterschulkindern, die sich seit einigen Jahren schon großer Anteilnahme erfreuen nicht nur der Kinder, die zu vielen Hunderten unter Aufsicht von Erwachsenen allnachmittäglich aus der Straßen enge Zeile hinausschwärmen in die Natur, sondern auch der Menschenfreunde, die, gleichgültig welcher politischen Richtung sie angehören, mit Geld und Geldeswert diese Ausflüge der Kinder unterstützt haben, denen Milch und Kuchen auf diesen Ausflügen gratis verabreicht wird. Dieser Tage hat nun – bemerkenswerterweise ohne Angabe von Gründen – die herzogliche Forsten verboten, eine Anordnung, die die Ausflüge unmöglich macht, denn ein Wandern auf den Landstraßen ist in der sommerlichen Hitze natürlich keine Erholung für die Kinder. Über die Gründe des Verbots ist man im Unklaren.

Bei dem Schikanierungssystem, das die braunschweigischen Behörden der Sozialdemokratie gegenüber anzuwenden pflegen, vermutet man vielfach, dass man durch dies Verbot der Kinderausflüge die sozialpolitisch so unklug wie möglich ist, denn man pflanzt in die Kinderherzen einen Hass, der später sie unwiederbringlich in die Arme der Sozialdemokratie treibt. Wir glauben besser unterrichtet zu sein, wenn wir annehmen, dass ein übereifriger Beamter in diesem Falle, wie so oft, päpstlicher als der Papst sein wollte und die Ausflüge verboten habe, um dem Herzog Ernst August, der ein eifriger Jäger ist, einen Gefallen zu tun. Durch die Spiele und Gesänge der Kinder im Walde könnte das Wild unruhig werden und dem Herzog die Jagdfreude verdorben werden.

Das Verbot erregt bis weit hinein in die bürgerlichen Kreise Entrüstung. Man weist darauf hin, dass „Wandervögel“ und Jungdeutschlandbündlern der Wald für ihre Spaziergänge und ihre die Ruhe des Waldes störenden militärischen Übungen nicht nur offen steht, sondern dass deren Bestrebungen noch behördliche Unterstützung finden, während die Ausflüge der Arbeiterkinder, denen die Erholung bitter nottut, schlankweg ohne Angabe von Gründen verboten werden.