Zentralbild 1. Weltkrieg. Westfront 1916. Deutscher Soldat eines Sturmtrupps.

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In einem Dorf in an der Ostfront

Von den letzten Kämpfen im Osten.

Unsere deutschen Soldaten stehen an der Ostfront einer Armee gegenüber, die sich weder der Ehre, noch dem allgemeinen Kriegsgebaren verpflichtet fühlen.

Ein Feldpostbrief.

„…Wir langten am Donnerstag nach 48-stündigem durch Ruhe nur wenig unterbrochenem Marsch in einem kleinen verlassenen Dorf an. Es war gegen 11 Uhr vormittags, und wir bekamen plötzlich lebhaftes Artilleriefeuer. Der Feind hatte sich auf das erwähnte Dorf eingeschossen und offenbar unsere Ankunft erwartet.
Jeder Schuss traf genau in unsere Höhe, ohne jedoch großen Schaden zu machen, da die Körper nicht explodierten. Die Schrapnells sind ja weniger gefährlich; hin und wieder traf eine solche Kugel einen Kameraden. Von etwa 100 aufschlagenden Sprengkörpern, die ich sah, explodierte auch nicht ein einziger. Nachdem nun unsere Artillerie in Stellung gefahren war, schwiegen die russischen Kanonen sehr bald, ein Beweis, wie gut unsere Kameraden von der Artillerie ihr Ziel zu treffen wissen. Jetzt ging die Infanterie vor. Als wir uns die etwa 1200 Meter, die uns vom Feinde trennten, in kürzeren oder längeren Sprüngen hindurchgearbeitet hatten, immer im dichtesten Kugelregen, und vom Bajonett (wir haben kurze, breite Seitengewehre) Gebrauch machen wollten, – siehe da, da kamen wir gar nicht dazu. Die Russen erhoben sich, hoben die Hände und bettelten um Gnade. Gewehre und Patronen warfen sie zur Erde. Einer, der ein wenig Deutsch konnte, sagte: „Wir wollen nicht schießen, aber wir müssen, die Herren, die Herren!“ Der russische Infanterist liegt in einem Erdloch wie eine Katze. Die Beine und Arme zieht er ganz dicht an den Körper heran, den Kopf zieht er ein und hat den Gewehrkolben, (wie ich selbst gesehen habe) nicht an der Backe resp. Schulter, sondern unter dem Arm. Er kann also unmöglich zielen und treffen. Dies haben wir ja auch empfunden. Die Kugeln gingen über uns hinweg; diejenigen, welche trafen, waren ohne Zweifel Zufallstreffer. Ich kann nicht beurteilen, wie groß unsere Verluste waren, jedenfalls keineswegs erheblich, von meiner Kompagnie fehlten etwa 15 Mann. Ein banges Gefühl beschlich uns beim Anblick der Toten und Verwundeten. Einer der ersten Toten, die ich sah, war ein Kamerad, der am 2. Mobilmachungstage von Berlin aus mit mir in demselben Abteil nach Insterburg fuhr. Er hatte einen Schuss ins Herz. Eine gnädige Kugel. Der schwerverwundeten Kameraden waren weniger glücklich; sie wurden in der Nacht samt und sonders mit ihrem Lazarett in die Luft gesprengt. Die Russen denken gar nicht daran, die Rote-Kreuz-Fahne zu respektieren. Unsere …te Kompagnie erbeutete 2 Geschütze; außerdem fiel eine Menge Munition in unsere Hände. Diese wird sofort vergraben; die Gewehre zerschlagen wir auf Steinen oder werfen sie ins Wasser. Die russischen Gefangenen machen einen unangenehmen Eindruck. Die Hände falten sie zusammen vor der Brust, den Kopf ziehen sie dicht an die Schultern, und man hat den Eindruck, dass sie immer in der Erwartung sind, gezüchtigt zu werden. Im Übrigen muss man bei der Gefangennahme sehr vorsichtig sein. Es ist vorgekommen, dass die Kerle nachher noch geschossen haben; natürlich macht in solchen Fällen ein Stich mit dem Bajonett ihrem Leben ein schnelles Ende. Ihre verwundeten Kameraden tragen sie auf dem Buckel mit zu uns herüber, und unsere Ärzte verbinden auch diese, natürlich erst nach uns. Alles in allem: Wir können beruhigt gegen einen Feind ziehen, der so schlecht schießt und der so feige ist, es nicht auf einen Nahkampf ankommen zu lassen, sondern sich auf der ganzen Linie ergibt.“