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Berlin

Wahrsagen, Kartenaufschlagen und Traumdeuten in Berlin

Wer sich in Berlin zu einer Wahrsagerin begibt, bekommt außer seiner Zukunft auch skurrile Erlebnisse geliefert. Ein Tag unter Vertreterinnen einer umstrittenen Kunst.

Der Wille und der heiße Wunsch, in die Zukunft zu blicken, besteht seit Menschen die Erde bewohnen. Im Altertum wurde die Kunst des Wahrsagens aus den Sternen dem Rauschen der Bäume und Flüsse, aus den Eingeweiden geschlachteter Opfertiere vielfach in Anspruch genommen und reich belohnt.
Da ich wissen wollte, ob unsere als nüchtern und aufgeklärt bezeichnete Zeit in Berlin, in einer der nüchterndsten und aufgeklärtesten Städte, Vertreterinnen dieser so angefeindeten, von ihren Anhängern aber so heiß verteidigten Kunst, besitzt so begab ich mich auf den Weg.

Ich stieg in einem Gartenhaus vier Treppen hoch, wurde in einen Salon mit Plüschmöbeln geführt und nach kurzem Warten zu einer Dame vorgelassen. Es war heller Mittag. Sie hatte in dem Zimmer die Rouleaux herabgelassen, zwei brennende Kerzen standen auf dem Tisch. Ich nahm Platz. Sie richtete ihre großen Augen forschend auf mich und als ich den Wunsch aussprach, in meine Zukunft zu blicken, griff sie nach meiner Hand und blickte lange und gespannt hinein. Sie nahm ein kleines, feines Stäbchen und begann mit diesem gewisse Linien nachzuziehen, zu zählen und solchen, die sich kreuzten oder vereinigen wollten, gehörig auf den Grund zu gehen. Nachdem das Bild, das die Hand bot, zur Entwirrung meines ein wenig verworrenen Lebens nicht vollkommen ausreichte, holte sie ein Bündel verschmutzter Karten und legte sie auf. Ich kam eben in die notwendige Bangigkeit, die die Nähe unserer guten und bösen Geister hervorruft, als irgendwo im Zimmer ein Telephon rasselte. Ich schrak zusammen. Was war das? Scheute ein gerufener Geist die Hitze wegen dem weiten Weg? Sie nahm den Hörer ab. Ihr Gesicht wurde ernst und bekam einen gespannten Ausdruck. Sie holte schnell andere Karten, lege sie auf und sagte einer Kundin: „Ihr Bräutigam ist bloß verstimmt … hallo … wie … Ja – natürlich – er ist gestern direkt nach Hause gegangen … ja … da können Sie ganz beruhigt sein …“.

Und nachdem sich die Dame auf der anderen Seite scheinbar nicht ganz beruhigen ließ, so wurde ihr geraten: „Nehmen Sie etwas Petersilie, Salz … hallo … Salz zwischen zwei Finger … und für 5 Pfennig Kümmel … und geben Sie das Ihrem Bräutigam, unbemerkt in die rechte Rocktasche … dann werden Ihre Wünsche in Erfüllung gehen!“. Nun schien die Dame beruhigt, das Gespräch war zu Ende. Leider wurde unsere Séance noch dreimal durch Anfragen auswärtiger Kunden unterbrochen und gestört. Ich hörte eine aufgeregte Stimmte, eine weinende Stimme und eine, die scheinbar immer nach rückwärts sagte: „Siehst du, Emil, wir bekommen die Erbschaft doch!“.

Zwei Stunden später saß ich im Wartezimmer einer anderen Wahrsagedame. Sie ließ uns warten, da die Schneiderin eben bei ihr war und ein neues Kleid nicht recht passen wollte. Es waren viele Wartende da, die ins Gespräch kamen. Sie erzählten hauptsächlich kreisten ihre Fragen und Antworten um den Grund Ihres Hierherkommens. Ich erfuhr viel Interessantes. Ein schmieriges Mädchen, das zur Anmeldung hier war, rutschte auf dem Boden umher, wischte Staub mit einem Tuch von den Vorhängen und fuhr mit einer Kleiderbürste über die Politur der Möbel. Sie hatte die Ehren auch bei dem Gespräch, das um den Tisch geführt wurde und aus den befriedigten Mienen der später Fortgehenden entnahm ich, dass dieses fleißige Mädchen ihrer Dame das Wahrsagen ziemlich erleichtern half.

Da ich wirklich Interesse für meine Zukunft hatte, Wirbelstürme, Volkskrankheiten, Attentate auf mich, wie Ausdrücke feuerspeiender Berge nicht fürchtete, erblickte ich mich am gleichen Nachmittag in dem grünen Spiegel eines anderen Wartezimmers. Verstohlen sah ich mich an: ich war ernst, hatte ein blasses, eingefallenes Gesicht. Das Haar, das ich sonst aufgekämmt trage, hatte ich heute gescheitelt, um besser konstatieren zu können, wenn es sich sträubte und zu Berge stieg.

Ich wurde eingelassen. Gleich bei der Tür ergriff mich die Frau bei der Hand: „Psst … hören Sie …?“ … Sie deutete nach einem Vogelbauer. „Er singt!“ Und nachdem sie erkannte, dass ich doch nicht eingeweiht, erklärte sie: „Wenn der Vogel beim Hereinkommen eines Kunden singt – ist es gut! … Ihre Wünsche werden in Erfüllung gehen.“ Auf dem Tisch saß eine schwarze Katze und schlief. In einem mit Weingeist gefüllten Glase war ein Bandwurm (oder sollte das eine Schlange gewesen sein?).
Sie begann mich zu fragen und horchte bei meinen Antworten, ob der Vogel einen Laut von sich gab. Piepste er, plusterte er im Badehäuschen, oder schärfte er an dem Steingutnapf seinen Schnabel, so sah sie mich vielsagend an und wies mit der Hand nach dem Bauer. Als ich die mir am wichtigsten dünkende Frage an sie richtete, ob ich bald ein berühmte Dichter sein werde, ließ der Vogel, auf dem obersten Hölzchen sitzend, mit deutlichem Klatsch etwas fallen.

Darauf erhob ich mich sehr rasch, zahlte und verließ spornstreichs das Zimmer.

Sie meinte, dieses Zeichen wäre gut gewesen – ich war anderer Meinung. Wer also in Berlin einen Blick in seine verschleierte Zukunft tun will, vermag dies auf vielfache Art. Er muss sich nicht mit dem Legen von Karten begnügen (das ist durch Köchinnen, die sich widerrechtlich dieser Kunst bemächtigt haben, schon sehr diskreditiert). Sie kann Damen finden, die ihm eine schale Kaffee vorsehen und dann auf dem zurückbleibenden Kaffeesatz seine Zukunft sehen. In diesem Satz entstehen Kränze. Ist der Kranz offen, so bedeutet er Hochzeit, ist er geschlossen, bedeutet er Trauer. Der Satz zeigt Vögel (einer bedeutet Reise, mehrere Mühseligkeiten und Beschwerden). Auch sieht die Frau aus dem Satz deutlich, ob eine Verlobung oder gar eine Hochzeit im Anzuge ist.

Der neugierige Lebenwanderer kann sich aus den Linien der Hand sein Schicksal offenbaren lassen. Seine Hand wird durch ein Seenglas betrachtet, auf Lebenslinie, auf die Linie des Verstandes, Glückes, auf die Erbschafts-, Krankheits- und Kinderlinie hin geprüft. Er kann sich das Horoskop stellen lassen, er erfährt, unter welchem Stern er geboren ist. Er kann Geister bannen lassen. Ich mache ihn aber gleich aufmerksam, dass diese Geister bloß dem Auge der Wahrsagerin sich zeigen, während sein stumpfes Auge sie nur als einen Schatten hinter einem Schrank oder als einen vom Luftzug bewegten Vorhang ansieht. Sein stumpfes und mit Taubheit für alle überweltlichen Erscheinungen gestraftes Ohr wird die Stimme des Geistes für das Schnarchen des kleinen Popöchens dort auf dem Sofa halten.

Der Wanderer kann Fragen an eine alte Bibel richten. Diese Bibel bekommt er nicht in die Hand. In die Hand bekommt er einen sogenannten „Erbschlüssel“, der in der Bibel gelegen und mit ihr durch einen roten Bindfaden verbunden ist. Dieser rostige Schlüssel wird zwischen zwei Finger genommen und antwortet auf die an ihn gestellten Fragen, indem er sich bewegt oder nicht bewegt. Der Wissbegierige kann Tische rücken lassen (kostet eine Mark mehr). Ich habe bei einer vierten Wahrsagefrau einen Geist zitieren lassen, der mir (jedenfalls aus Bosheit, oder weil er mich selbst für einen Geist ansah) auf die Frage nach einer reichen Heirat die Antwort verweigerte. Er wurde, nachdem er seine Arbeit nicht einmal zur Hälfte geleistet, von der Dame mit der Formel weggeschickt: „Wir danken dir für deine Freundlichkeit – geh wieder – lass keinen Gestank zurück!“.

Nachdem ich leider zu lachen begann, erhob sie sich zürnend, verlangte drei Mark und warf mich hinaus.
Ich war bei einer fünften Dame, in deren Wartezimmer sich Menschen aller Stände befanden. Man trank hier Selterwasser, Bier Pilzbrause zu 20 Pfennig und hatte für die Benutzung eines gewissen Ortes fünf Pfennig zu entrichten. Diese Dame „besprach“ Krankheiten und „bannte“ sie. Vor mir kam ein Herr an die Reihe, der an geschwollenen Füßen litt. Er zeigte uns nachher freudestrahlend einen Zettel, den er bekommen und auf dem geschrieben stand:
„Birginie, Balthasar und Kirstophus Blut, ist für geschwollene Füße gut“.

Einer Dame, die an häufigen Zahnschmerzen litt, wurde anbefohlen, ein Fußbad vor Sonnenaufgang zu nehmen und das Wasser nach Sonnenuntergang auszuschütten. Sie hatte einen Zettel mit dem Spruch:
„Wenn das Abendrot erbleicht, Zahnschmerz weicht.“
Eine andere wieder sagt aus dem Geburtsdatum Glück und Unglück vorher. So ist zum Beispiel der 25. August in der Astrologie ein Tag, der weder Glück noch Unglück bedeutet. Er sagt: „Wer hier geboren ist, wird seine Früchte beizeiten einheimsen!“
Der 10. Dezember ist ein ausgesprochener Glückstag. Wer an diesem Tage geboren ist, „hat ein sonniges und heiteres Leben, muss sich aber vor Feuer in acht nehmen.“

Die Preise, die hier in Berlin von den verschiedenen Wahrsagefrauen in Empfang genommen werden, sind verschieden. Die Behörde, die das „Wahr- und Klarsehen“ nicht als Gewerbe ansieht, gestattet nicht, dass die Frau für ihre Bemühung etwas verlangt. Aus diesem Grunde kann sie nichts tun, als böse Blicke schießen und die Zähne auf die Lippen beißen, wenn ihr einmal eine unzufriedene oder erzürnte Kundin am Schluss nichts bezahlt. Das gewöhnliche Honorar jedoch schwankt, je nach dem Stand, dem der Wissbegierige angehört, zwischen 20 Pfennig und 25 Mark. Der hohe preis wird für das Stellen des „Horoskopes“, das viel Arbeit, Reflexion und Berechnung erfordert, gern entrichtet.

Manche Frauen wissen sich, ohne gegen das Verbot zu verstoße, zu helfen, indem sie auf den Tisch neben dem man Platz nimmt, eine Tafel legen, auf der geschrieben steht:
„Für meine Bemühung erhalte ich 60 Pfennig. Ein Gottesbrief ist hier zu haben. Preis 50 Pfennig.“

Der „Gottesbrief“ ist nämlich eine mit Tinte geschriebene Abschrift aus dem Alten und Neuen Testament, enthält irgendeinen Spruch gegen oder für die Korinther und soll die Kraft haben, wenn er auf der Brust getragen wird, gegen Diebstahl, Todesfall, Erbschleicherei, Krankheiten, gegen Hieb und Schuss und alles sonstige Widerwärtige, dass das Leben bringt, unbedingt zu schützen.

Die „astrologisch“ Arbeitenden sagen einem die Deutung des Sternbildes, unter welchem man geboren ist. Man erfährt zu seinem Staunen, dass man „unter den Fischen geboren“ eine Heilkraft besitzt, von der man bis jetzt nichts gewusst und mit der man nichtsahnend umhergegangen ist. Man erfährt, dass man eine bestimmte Farbe zu tragen hat und wenn man z. B. im April geboren ist, „hellblau, hellgrau und weiß“ zu präferieren hat und an der Hand einen Ring mit einem „Achat oder Saphir“ tragen soll.
Wer in der Klassenlotterie gewinnen will, muss vorerst das früher gespielte, nicht glückliche Los zerreißen, verbrennen und dessen Asche zwischen 11 und 12 Uhr nachts zu sich stecken. Will man aber für den gewünschten Gewinn die letzte Sicherheit haben, so ist es erforderlich, am siebenten, sechsten und fünften Tag vor der Ziehung zu fasten, am vierten, dritten und vorletzten den Armen Geld zu geben und am letzten hierher (zu der Wahrsagefrau) zu kommen. Da wird dann „Fortuna zitiert, die auf einer Tafel aufgeschrieben die glückbringende Nummer zeigt.

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass es auch Wahrsagefrauen gibt, die in die Häuser gehen. Unter diesen befinden sich hauptsächlich Zigeunerinnen, vor deren Schwindel die Behörden immer und immer wieder mahnen. Die Zigeunerin kommt, bietet Spitzen oder irgendetwas anderes an und sagt dann, dass sie in die Zukunft sehen könne. Stimmt man zu, so verlangt sie drei Silberstücke in verschiedener Größe. Nickel ist ausgeschlossen (in Deutschland also mindestens ein 50 Pfennig Stück, eine Mark und ein Zweimarkstück). Sie sagt, dass sie dafür vorerst eine Messe lesen lasse und in wenigen Tagen werde man die gute Wirkung sehen.

Auch Männer befassen sich mit der Wahrsagekunst, scheinen aber nicht dieselbe Autorität zu besitzen (im Gegensatz zum Altertum). So erschien eines Tages in unserer Wohnung ein alter Mann mit einem langen, wallenden Bart. Er bat meine Schwester, die ihm geöffnet hatte, wahrsagen zu dürfen. Sie willigte ein und berichtete ihm auf sein Befrage von dem letzten Traum, den sie gehabt, dass sie aus einem Haus gekommen, über eine schöne Wiese gegangen und dann in einen kleinen Bach gestiegen sei. Bei dieser Stelle wurden seine Mienen gespannt, er unterbrach sie, hob den Finger und frug: „Woar das Wasser kloar, oder woars trüab?“

Nachdem meine Schwester nicht sofort Bescheid wusste, half er ihrem Gedächtnis nach, indem er mit gehobener Stimme und sehr bedeutungsvoll frug:
„Kam‘s Ihnere Fünß g‘sehn – oder ham‘s es net g‘sehn?“
Glücklicherweise hatte meine Schwester ihre Füße gesehen. Deshalb lebt sie auch heute noch, ist sehr gut verheiratet und hat vier Buben und zwei Mädels.