Politik > Deutsches Reich > Kultur & Gesellschaft > Theater & Musik >

Von einer Legende, die nicht sterben mag

War Richard Wagner jüdischen Stammes?

Hat der Verfasser von "Das Judentum in der Musik" sein eigenes Blut verleugnet?

Es gibt Legenden, die nicht sterben können. Sie mögen noch so oft und noch so gründlich wiederlegt werden, sie leben immer wieder auf. Das gilt namentlich von „genealogischen Legenden“. Denn noch immer ist die „Genealogie“ für die Vertreter der „zünftigen Wissenschaften“ das Stiefkind. Genealogisches braucht „man“ nicht zu lesen und von Genealogie braucht „man“ nichts zu verstehen; in genealogischen Fragen urteilen kann vermeintlich jeder! Nicht sterben kann infolgedessen vorläufig auch die Legende Richard Wagner sei eigentlich jüdischen Stammes gewesen. Es ist ja auch zu reizvoll, von dem Verfasser von „Das Judentum in der Musik“ behaupten zu können, er habe sein eigenes Blut verleugnet.Ich weiß mich meinerseits in dieser wie in allen anderen „Abstammungsfragen“ frei von jeder Tendenz. Abstammungsfragen sind für mich Fragen rein tatsächlicher Natur, die durch die Mittel der wissenschaftlichen, genealogischen Forschung und Kritik zu beantworten sind, oder bei denen, gegebenenfalls, diese Forschung und Kritik zu einem ehrlichen und unzweideutigen „non liquet“ zu gelangen hat.
Weil ich mich hinsichtlich der Frage, ob Richard Wagner tatsächlich eigentlich jüdischen Stammes gewesen ist, aber von jeder Tendenz frei weiß, habe ich mich mit dieser Frage schon seit langem eingehend beschäftigt. Meine diesbezüglichen Veröffentlichungen sind jedermann zugänglich. Eine Wiederlegung ist von seiner Seite bisher auch nur versucht worden. Aus diesen Tatsachen leite ich das Recht und die Pflicht ab, hier ein offenes, und wie ich hoffe, einigermaßen abschließendes Wort zu sprechen.
In Betracht kommt zunächst die Mutter. „Über die mütterlichen Ahnen Richard Wagners“ habe ich im „Richard-Wagner-Jahrbuch“, herausgegeben von Ludwig Frankenstein, Bd. II, Bln. 1907, S. 19 ff., eingehend gehandelt. Ich konnte zunächst den Nachweis führen, dass die Mutter eine, Weißenfels, 19. September 1774 geborene, Johanna Rosina Päß, Tochter eines dortigen Bürgers und Weißbäckermeisters, also eines angesehenen Handwerkers, gewesen ist, während sie bis dahin in den allgemeinen Nachschlagewerken und den großen Lebensbeschreibungen des Meisters meist als eine geborene Berß oder Berthis bezeichnet wurde. Manchen Schriftstellern hat es nachher, wie hier eingeschaltet werden muss, gefallen, den vorgenannten ehrsamen „Bürger und Weißbäckermeister“, ┼ 1802, aus einem solchen in einen „Mühlenbesitzer“ zu verwandeln. Das klingt für Unkundige vornehmer und ist höchstwahrscheinlich auch nicht unwahr; wird Meister Päß doch voraussichtlich in einem kleinen ihm gehörigen Mühlenbetriebe das Mehl für sein Gewerbe eines Weißbäckers selbst erzeugt haben. In den mir vorliegenden Urkunden heißt er jedenfalls „Weißbäckermeister“. Das wichtige für mich war damals, dass ich nicht nur die vier Großeltern, sondern auch die vier Urgroßväter der Mutter, also nicht nur die vier mütterlichen Urgroßeltern, sondern auch die vier mütterlichen Urgroßväter des Tondichters selbst hatte auffinden können. Es ergaben sich die vier Urgroßväter Richards als: ein Zimmermann, ein Posamentiermeister, ein Lohgerbermeister und ein Weißgerbermeister. Die beiden mütterlichen Urgroßväter Richards als: ein Weißbäckermeister und ein Lohgerbermeister. Und zwar waren diese, mit Ausnahme des Zimmermanns Johann Heinrich Päß, des väterlichen Urgroßvaters der Mutter Richard Wagners, alle Angehörige des ehrsamen Handwerks: zu Weißenfels. Daraus waren zwei Schlussfolgerungen zu ziehen. Das alle diese Ahnen, als Bürger und Meister in ihrem Handwerke, sich eines gewissen Wohlstandes, einer gewissen Behäbigkeit erfreuten. Zweitens, dass sie alle Weißenfelser und Weißenfelserinnen des 17. und 18. Jahrhunderts waren, d.h. Einwohner und Bürger jener Stadt, in der die Musik damals eine ihrer hervorragendsten Pflegestätten in Deutschland fand. Diese kleine Ahnentafel gestattet aber auch noch die weitere Schlussfolgerung, dass Richard Wagner jedenfalls vom Mutterstamme und überhaupt von der mütterlichen Ahnenseite her sicher keinen Tropfen jüdischen Blutes gehabt hat. Die mütterliche Ahnenseite Richard Wagners weißt nur rein deutsches Blut auf.
Die Behauptung, Richard Wagner sei jüdischen Stammes, wird ja nun freilich nicht auf die Abstammung seiner Mutter gestützt, auch nicht auf die Abstammung seines Vaters, des Leipzig, 22. November 1813 verstorbenen „[Stadtgerichtsaktuarll]“ Friedrich Wagner, der also genau sechs Monate nach der Geburt des späteren Tonmeisters gestorben ist, da dieser 22. Mai des gleichen Jahres zur Welt kam. Denn dieser „bürgerliche“ oder „gesetzliche“ Vater – wie hier ausdrücklich gesagt werden muss – soll ja angeblich nicht Richard Wagners Erzeuger gewesen sein.
Die Abstammung und die Ahnen Friedrich Wagners sind schon längst hinreichend aufgeklärt. Insbesondere die Stammreihe „Wagner“ steht bis in den Beginn des 17. Jahrhunderts hinauf vollkommen fest. Ich verweise hierfür zunächst auf die große, vielbändige und ausgezeichnete Lebensbeschreibung von Glasenapp. Man hat hiernach in diesem Geschlechte Wagner ein ursächliches, ein ausgesprochenes Geschlecht von Schullehrern, Organisten und Kantoren zu erblicken. Was die „Ahnen“ Friedrich Wagners betrifft, so hat im Maihefte der „Familiengeschichtlichen Blätter“ 1913 (Leipzig, 11. Jahrgang, Nr.5, S.70f.) der umsichtige und bewährte Genealoge Werner Constantin v. Arnswald in einem Aufsatze „Richard Wagners Ahnen“ die Ahnen Friedrich Wagners bis zu dessen Acht-Ahnenreihe vollständig, die Ahnenreihe der nächstoberen Geschlechtsfolgen noch einigermaßen vollständig gegeben, übrigens die Acht-Ahnenreihe der Mutter Richard Wagners, gegenüber meiner oben erwähnten Veröffentlichung, auch noch vervollständigen können.
Auch von der Ahnentafel Friedrich Wagners kann man hiernach mit Sicherheit behaupten, dass sie rein deutsches Blut aufweist.
In Bezug auf den angeblichen Erzeuger Richard Wagners: Ludwig Geyer, der in Pötewitz bei Zeiß 21. August 1814 (Bournot, S.30, hat: Bödewitz bei Weißenfeld und 14. August) der zweite Gatte der Witwe Wagner wurde, bin ich ebenfalls der erste gewesen, der die Ahnenverhältnisse Geyers genauer untersucht und ziemlich weit zurück aufgeklärt hat. Es ist dies in einem Aufsatz „Über die Abstammung und die Ahnen Ludwig Geyers. Ein Beitrag zur Richard-Wagner-Frage“ geschehen, der bereits 1908 veröffentlicht worden ist, und zwar im „Wagner-Heft“ (Nr. 20 und 21) der Zeitschrift „Bühne und Welt“, S. 874 ff. Ich kann bei dieser Gelegenheit dem neusten Biografen Ludwig Geyers: Dr. Otto Bournot (Magdeburg), den Vorwurf nicht ersparen, dass er, obwohl ein Anverwandter Geyers, diese meine Veröffentlichung in seiner Schrift: „Ludwig Heinr. Chr. Beyer, der Stiefvater Richard Wagners“ (Leipzig 1913) nirgends ausdrücklich angeführt hat. Dadurch hat er aber mittelbar dazu beigetragen, dass in dem Referate „Richard Wagners Abstammung“ in der Zeitschrift „der Türmer“ (Heft 2 v. Novbr. 1913, S. 318) wieder unter Übersehen meiner vorerwähnten Veröffentlichung, die „Zurückverfolgung der Vorfahren der Familie Geyer bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts „ als eine „wichtige“ Entdeckung Bournots gepriesen wird. Da Bournot aber über die Vorfahren Ludwig Geyers, dieser meiner Veröffentlichung gegenüber, genealogisch nichts wesentlich Neues und namentlich nicht wesentlich mehr hat, so stelle ich hiermit ausdrücklich meine Priorität fest.