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Ein offiziöser Kommentar

Warum Italien neutral blieb

Viele Deutsche dürften von der Nachricht enttäuscht worden sein, dass Italien nicht auf deutscher Seite in den Krieg zieht. Doch Italien hat gute Gründe, seine Neutralität zu wahren.

München, 6. August

Zur Neutralität Italiens schreibt die offiziöse „Korrespondenz Hoffmann“: „Wenn in schweren Zeiten ein Freund mannhaft zu uns steht und dies vor aller Welt verkündet, so hat das noch allemal in jedem Herzen ein moralisches Hochgefühl ausgelöst; aber freilich in dieser Welt in der die Dinge hart aufeinander stossen, sind uns solche frohe Entscheidungen nur selten beschert, und kein Politiker darf damit rechnen. „ Nur nach den Interessen seines Landes kann ein Staatsmann die Politik orientieren, auch dann, wenn damit vielleicht so manche Illusionen beim Nachbar endgültig zerstört werden. Und als die Neutralitätserklärung Italiens in diesen Tagen offiziell verkündet wurde, wird ohne Zweifel in Millionen von deutschen Herzen ein Gefühl solcher Art aufsteigen, wird eine Enttäuschung über den italienischen Freund empfunden worden sein.

Aber seien wir gerecht: bedenken wir die langgestreckte, zu dreiviertel von Meere umspülte Lage der italienischen Halbinsel, bedenken wir die Empfindlichkeit der im Osten und Westen, von Süd nach Nord laufenden Bahnlinien, vergegenwärtigen wir uns der relativen Schutzlosigkeit dieser wichtigen Verkehrswege des Königreichs gegen die Einwirkungen der übermächtigen vereinigten französischen und den englischen Flotten, und wir werden anerkennen müssen, dass in diesem Augenblick sehr ernste gewichtige Interessen für den Leiter der auswärtigen Politik Italiens vorlagen, als er die Neutralität seines Landes verkündete. Bei einer solchen Betrachtung der Dinge könnte es keinem verständigen Deutschen beikommen, die Haltung Italiens auf eine Linie zu stellen mit dem russischen Verrat, oder gar es die in unserem Lande zu vielen Tausenden beschäftigten Italiener fühlen zu lassen, dass die Politik ihres Vaterlandes sich nur von Interessen, nicht aber von moralischem Hochgefühl hat leiten lassen. Auch sie, alle diese fleißigen Arbeiter, seien dem gerechten Empfinden des deutschen Volkes in diesen kritischen Zeiten empfohlen.“