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Diplomatie

Wie die englische Regierung mit der russischen verhandelte

England und Russland haben doch miteinander verhandelt. Insofern ist es etwas verwunderlich, wenn aus England Deutschland "ehrloses Anerbieten" unterstellt wird. Denn Deutschland hat mit offenen Karten gespielt.

In der Rede des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg, in der Kriegssitzung des Reichstages, hieß es: „Wir haben der englischen Regierung die Erklärung abgegeben, dass, so lange sich England neutral verhält, unsere Flotte die Nordküste Frankreichs nicht angreifen wird, und dass wir die territoriale Integrität und Unabhängigkeit Belgiens nicht antasten werden.“ Der englische Premierminister Asquith hat jetzt, wie berichtet wird, im Unterhause den Vorschlag der deutschen Regierung, die Integrität und Unabhängigkeit Belgiens zu verbürgen, falls England in dem drohenden Kriege zwischen Deutschland und Frankreich neutral bleiben wolle, ein „ehrloses Anerbieten“ genannt. Ob die Anwendung solcher Worte im gegenwärtigen Augenblick von staatsmännischer Überlegung zeugt, wollen wir nicht erörtern. Aber um die Methode der Herren Asquith und Sir Edward Grey klarzulegen, sei folgendes festgestellt:

Anfang Juni veröffentlichten wir hier die ersten Artikel, in denen wir auf Grund sicherer Informationen mitteilten, dass zwischen England und Russland Besprechungen über einen russischen Flottenententevorschlag im Gange seien. Am 11. Juni entgegnete der englische Staatssekretär des Äußeren, Sir Edward Grey, auf eine Anfrage des Abgeordneten King, der an die Mitteilungen über russisch-englische Flottenverhandlungen anknüpfte, es beständen keinerlei Vereinbarungen, welche die freie Entschließung der englischen Regierung oder des englischen Parlaments darüber beschränken könnten, ob England an einem Krieg zwischen anderen Mächten teilnehmen solle oder nicht. Keinerlei Verhandlungen über ein solches Abkommen seien im Gange oder beabsichtigt.

Die ganze Zweideutigkeit dieser Erklärung ergibt sich aus der Tatsache, dass, wie wir positiv wissen, bei dem Besuche des Königs Georg in Paris auf Anregung des Herrn Iswolth der Vorschlag, eine Marinekonvention zwischen Russland und England abzuschließen, tatsächlich dem englischen Minister des Äußeren unterbreitet worden ist. Und wir wollen heute hinzufügen, dass auf Befürwortung Sir Edward Grey der englische Ministerrat den Beschluss fasste, dieser Anregung Folge zu geben. Daraufhin kam es zwischen der englischen und der russischen Admiralität tatsächlich zu Verhandlungen über eine Kooperation der englischen und der russischen Streitkräfte zur See. Gleichwohl behauptete am 13. Juni die zu der englischen Regierung in engsten Beziehungen stehende „Westminster-Gazette“ auf das entschiedenste, es würde keine Verhandlungen über eine russisch-englische Flottenkonvention geführt. Wer den Charakter Sir Edward Greys kenne, werde auch nicht einen Augenblick geglaubt haben, dass seine Erklärung darauf berechnet gewesen sei, über den wahren Sachverhalt hinwegzutäuschen.

Es scheint uns überflüssig, diesen Tatsachen einen Kommentar hinzuzufügen. Jeder objektiv Urteilende muss, wie es sich zu einzelnen Fragen auch stellen mag, erkennen, auf welcher Seite die Unaufrichtigkeit – Worte, wie Herr Asquith sie gebrauchte, vermeiden wir – zu suchen ist. Auf der Seite der deutschen Regierung, die der englischen frei und offen erklärt: „Wir verbürgen die Integrität Belgiens, falls England neutral bleibt?“ Nein, aber auf der Seite der englischen Regierung, die in der dargestellten Weise das eigene Land irregeführt hat.