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Tipps für eine gute Erziehung

Ein aus sich rollendes Rad

Kinder sollten eine Erziehung genießen, die sich zwischen Freiheit und Zwang bewegt. Doch nicht alle Eltern sind dieser Anforderung gewachsen.

Friedrich Nietzsche sagt im „Zarathustra“ ein schönes Wort über das Kind: „Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Jasagen“.

Wer sich auf das Wesen des Kindes wahrhaft versteht und die Feinheiten der Erziehungsgesetze kennt, wird in Nietzsches Worten einen schönen Inbegriff hoher Erziehunglehren erkennen und ein Vergleich vom Rade, das auch sich selbst rollt, begreifen. Er knüpft an das Kräfteverhältnis der Kinderseele an und zeigt das natürliche Grundgesetz von dem Triebe der Selbstbetätigung.

Das Kind besitzt eine außerordentliche Flüssigkeit des Nervensystems, die sich schon bei dem kleinen Wesen in seinem Zappeln und Strampeln kundgibt. Das Kind folgt in seinen Spielen und bei seiner Arbeit seinem physiologischen, seinem natürlichen Bewegungsdrange. Dabei handelt es sich um ein Versuchen und Einüben der Kräfte für die Aufgaben des späteren Lebens.

Wer das Kind kennt, weiß, dass ihm nur diejenigen Errungenschaften zugute kommen, die es aus sich selbst gewonnen hat. Nur hierbei ist von luftbetontem und deshalb erfolgreichem Gewinn die Rede. Alles andere bleibt äußerlich vielleicht angenommener, aber nicht innerlich verarbeiteter, also fremder Lehrstoff, dem das Kind aus seiner ganzen Artung heraus sogar einen geheimen oder offenen Widerspruch entgegenzusetzen pflegt.

Man kann dies alles beim Kinde in kleinen und kleinsten beobachten. Alles, was es auf dem Spaziergange sieht, will es Vater und Mutter zeigen. Daher dieses von den Eltern oft nur mit Ungeduld hingenommene, zahllose Male wiederholte: „Vater, Mutter, sieh mal!“ Keine Belehrung bringt das Kind hiervon ab, weil es erst auf diese Weise – „aus sich rollend“ – die Erscheinungen seiner Umgebung, sie gleichsam den anderen erst entdeckend, wahrhaft in sich aufnimmt. Wer seine Kinder in solchem Falle abweist, nimmt ihnen wertvolle Quellen der Erkenntnis.

Den Spaziergang mit den Eltern macht das Kind auf seine besondere Weise. Durch Voraneilen und Zurückbleiben, durch Um- und Seitenwege legt das Kind die gesamte Wegstrecke doppelt und dreifach zurück. Neben dem starken motorischen Bedürfnisse zum Laufen betätigt sich hierbei des Kindes Eigenart in einer Selbstgestaltung der vom Erzieher vorgeschriebenen Aufgabe

Das Kind lernt eine Aufforderung zum Spaziergang mit den Eltern, wobei es sich nicht immer nach Willkür bewegen darf, häufig als „langweilig“ selbst dann ab, wenn dabei eine Einkehr mit Verzehrung von Kuchen winkt. Aber bei dem Spiel mit Kameraden, bei dem sich das Kind nach seinem Belieben geben kann, erfährt es willkommene Anregungen der motorischen Nerven, die sich seinem ganzen Nervensystem wohltätig mitteilen.

Die Selbstbetätigung des Kindes anzuregen und zu befriedigen, ist eine Hauptaufgabe des Spiels, das hierin seinen erzieherischen Wert findet. Unsere Mütter klagen heute vielfach darüber, dass die Kinder nicht mehr recht u spielen verstehen. Hieran trägt zu einem Teile die Schuld das moderne, in gewissem Sinne zu vollkommene Spielzeug, welches der nach Selbstbetätigung dürftenden kindlichen Phantasie keinen Spielraum mehr gewährt.

Unsere ältere ,in der Zeit des unvollkommenen Spielzeugs aufgegangene Generation entfaltete auch einen regeren Spieltrieb. Wenn Stühle, umgelegt und aneinander geschoben, als Eisenbahnwagen angesehen werden, so kann dies nur mit Hilfe einer lebhaft arbeitenden Phantasie geschehen. Meine persönliche Spezialität war, eine altertümliche, mit schwarzem Leder überzogene und mit blanken Nägeln beschlagene Fußbank als – Leichenwagen durch das Zimmer zu fahren.

Meine achtjährige Tochter rollte eines Abend an einer Leine eine große, leere Zwirnrolle herum und erklärte auf Befragen dieser Rolle sei ihr Hundchen. Als sie sich zum Abendbrot an den Tisch setzte, nahm sie den rollenden Vierfüßler auf den Arm, um ihn, da er Hunger habe, zu füttern. Das geschah in der Weise, dass sie unter anderem Wurstschalen durch die Höhlung der Zwirnrolle zog. Wenn sie die Wurstschale durch die Höhlung hindurch gezogen hatte, so versicherte sie, der Hund habe sie „gefressen“. Als ich mir diesen nicht ganz appetitlichen Hausgenossen am Abendbrottische verbat, erkannte ich an dem schmerzerfüllten Gesicht meines Kindes, wie ernsthaft es ihm mit seiner Fürsorge war.

Dabei besaß meine Tochter Hunde verschiedener Gattung aus Stoff, Holz und Papiermaché, die zum Teil fahrbar und mit Stimmlaut ausgestattet waren. Niemals hatte sie den Versuch gemacht, einen dieser gut nachgemachten Vierfüßler zu füttern oder gar mit Zärtlichkeit zu bedenken. Angesichts dieses Beispiels wurde mir klar, wie bei der Zwirnrolle die selbsttätige Phantasie, diese Leiterin des Spiels, so sehr auf ihre Rechnung kam, wem sie heute einen Spitz oder Pinscher, morgen einen Pudel oder Mops vor sich sehen konnte, während sie bei dem vollkommenen Spielzeug völlig gebunden war.

Dieser Drang zur Selbstbetätigung erweist sich also immer mehr als ein dem Kinde von der Natur eingepflanztes Gesetz. Wer dieses Rad „aus sich selbst“ zu rollen befähigte, verlieh im auch eigene Ursachen im Maße und Wechsel seines Umlaufes. Ehe der Erzieher plump in diese Speichen greift, lerne er das Gesetz dieses Umlaufes ergründen und verstehen!

Dieser Wille zur Selbstbetätigung muss, nur ein kurzsichtiger sieht das nicht ein, mit einem unerzieherlich gestalteten Zwange in Zwiespalt treten. Eine Hauptaufgabe der Erziehung besteht in der psychologischen und besonnenen Ausgestaltung jenes pädagogisch ganz gewiss nicht entbehrlichen Zwanges.

Das Kind befindet sich in einer vollständigen Abhängigkeit von seinen Erziehern in Haus und Schule. Man glaube ja nicht, dass diese Abhängigkeit dem Kinde nicht zum Bewusstsein käme. Ihr gilt mancher unterdrückter, kindlicher Seufzer. Die Erziehung selbst soll dem Kinde ihren eigenen Zwang erleichtern. Verbiete nicht zu viel und nichts unnötig! Die kindliche Selbstbetätigung lehnt sich gegen einen zu gehäuften Zwang auf. Es liegt in ihrer organischen Veranlagung.

Man erteile einem Kinde in nicht weiter gewählten Worten den Auftrag, eine nützliche Arbeit, zum Beispiel die Besorgung eines Briefes – schnell zu erledigen. Je öfter und energischer man dem kleinen Buben zuruft: „Geh schnell!“ – „Schneller“ Viel Schneller!“ – „Du sollst, sage ich dir, dich beeilen!“, desto weniger wirkungsvoll erweist sich der Befehl. Man kann die Wirkungslosigkeit fast organisch beobachten. Bei jedem neuen Zurufe erfolgt vor unseren Augen eine neue psychische und physische Verlangsamung. Hier verkündet sich ein Naturgesetz, dass ein zu gehäufter Befehl oder Zwang im kindlichen Nervensystem unmittelbare Hemmungserscheinungen erzeugt.

Man setze dagegen den Fall, der kleine Bote trifft auf seinem verzögerten Weg einen Kameraden. Sowie er dessen ansichtig wird, kommt in die motorischen Nerven Leben. An Stelle des Zwanges, der abgeschüttelt werden kann, tritt jetzt das selbstgewählte Ziel der freien Betätigung. Die Schritte werden beflügelt und hierbei kann auch der Befehl mit zur schnellen Ausführung gelangen.

Ein Kind läuft im Spiele zehn Mal die Straße auf und ab; beim elften Male soll es der Mutter etwas mitbringen, sofort ist es müde. Der eingeschobene Befehl stört die freie Selbstbetätigung.

Noch andere, weniger erfreuliche Wirkungen haben Befehl und Verbot. Man verbiete einem Kinde, einen gewissen kostbaren und leicht zerbrechlichen Gegenstand zu berühren. Dann wird das disponierte Kind – so machen Mutter hat es gesehen – vor unseren Augen den Gegenstand doch berühren, ganz vorsichtig mit der Fingerspitze und uns hierbei triumphierend ansehen. Das also ganz überflüssige Verbot hat in dem Kinde erst ein Unlustgefühl ausgelöst, das es in Luftgefühl umzuwandeln einen Nervenreiz verspürt.

Das Kind folgt bei seinem Selbstbetätigungsdrange demselben Grundgesetze wie der Erwachsene. Auch wir befinden uns zufolge unserer Verhältnisse in Familie, Beruf und sozialer Gesellschaft in fortwährender Abhängigkeit von unserer Umgebung. Auch wir seufzen und lieben es nicht, wenn der uns umgebende äußere Zwang zu lästig auf uns drückt.

Was tun wir selbst, um diesem äußeren Zwange, dessen Notwendigkeit wir völlig einsehen, innerlich zu überwinden?

Wir verwandeln unser müssen psychologisch in ein Wollen, indem wir was wir zu müssen eingesehen, freiwillig zu wollen uns auferlegen.

Auf diesem Grundsatze beruht unser ganzes Prinzip der sittlichen Selbsterziehung, indem wir den Imperativ „Du musst, denn du sollst“ in ein „Du musst, denn du willst“ verwandeln. Auch das Kind folgt bereits instinktiv, man erkenne es nur, diesem Grundsatz gewahrt zu wissen wünschen, dürfen wir dem Kinde nicht mit Ungeschick und Eigensinn rauben.

Wer dieses Erziehungsgrundgesetz begriffen hat, steht inmitten der pädagogischen Erkenntnis. Er begreift, dass die Arbeitsschule, die das Kind in jene so wertvolle Selbsttätigkeit versetzt, an die Stelle der Lernschule zu treten hat, und dass der militärische Drill, in dem man jetzt die Jugend hineinstecken will, ein ungeeignetes Erziehungsmittel ist.

Zwischen Freiheit und Zwang soll das Kind erzogen werden. Diese Bewegung zwischen Freiheit und Zwang verläuft auf ihren Höhepunkten in einem harmonischen, einem glücklichen Spiel. Dem Kinde diese glückliche, diese harmonische Spielbewegung im besten Sinne des Wortes zu geben, ist die wahre Aufgabe der sittlichen Erziehung. Nur der feinfühlige Menschenfreund wird dieser Aufgabe nahekommen.