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Flucht aus Ostende

Wie wir uns retten!

Eine Mutter, deren Mann bereits eingerückt ist, muss Hals über Kopf aus Belgien fliehen. Uns schildert sie ihre Flucht mit zwei kleinen Kindern und Gouvernante. Die Flucht wäre ohne Beschützer in der aufgebrachten Stimmung wohl nicht gut gegangen.

Noch am 2. August befand ich mich mit meinen beiden kleine Söhnen im Alter von drei und acht Jahren und der jungen Gouvernante ahnungslos in einem kleinen Hause nahe Ostende, die letzten Deutschen zwischen Franzosen, Engländern und Belgiern. Wenig war bis hierher gedrungen, keiner hatte uns eine Warnung gesandt, niemand war orientiert – die Sonne lachte, das Meer war blau und friedlich, und an eine Gefahr hier in Belgien dachte niemand. Mein Mann war am 2. August morgen nach der Kriegserklärung mit Russland sofort abgereist, um sich zu stellen, und hatte uns in gutgemeinter Fürsorge zurückgelassen, auf dem neutralen Boden, wo nichts passieren könne und wo wir in frischer Luft und Ruhe, fern von den Kriegswirren, leben konnten. Wir erhielten die Weisung, hier zu bleiben und weitere Bestimmungen abzuwarten.

Und die Kinder zogen ihre Schiffchen im Wasser – und die Zurückgebliebenen schlossen Freundschaft – eine plötzliche, seltsame, fieberhafte Freundschaft, die jäh mein Misstrauen wachrief, besonders als man uns immer dringender zum Bleiben riet.

Alles ging nun furchtbar schnell. Ich sah die fluchtartige Abreise sämtlicher Engländer und Franzosen, man zeigte mir von Hügeln die englischen Kriegsschiffe, ich sah die Gesichter der Belgier. … Ein Deutscher, der als Friseur dort tätig war, der letzte, der reiste, um sich zu stellen – trat plötzlich abends, als ich vor dem Hause stand, auf mich zu und flüsterte mir einige Worte zu, so grausam erweckend, dass ich in das Haus schwankte, an den jetzt merkwürdig verbissenen Wirten vorbei, in mein Zimmer, wo mir die verzweifelte Lage klar wurde: ohne Papiere, nur mit belgischem Geld versehen, das bereits Tage vorher nicht einzuwechseln war, und mit dem großen Gepäck, das sozusagen unser Vermögen bedeutete, da es auch die schriftlichen Arbeiten enthielt, an denen wir monate-, ja, jahrelang gearbeitet hatten. – – In dieser Nacht schlief ich nicht und machte meinen Plan.

Am 3. August morgens früh war ich bei dem deutschen Konsul in Ostende. Ich habe neun Stunden auf der Treppe gesessen zwischen Hunderten von Einberufenen – als ich endlich den Konsul sprach, war er fertig mit den Nerven und verjagte mir jedwedes Papier, da auch ich keines bei mir hatte. Doch ich erzwang mir schließlich auf Grund einer „Carte de circulation“ des Kursaals Ostende ein amtliches Schreiben an die Behörden.

Nun kaufte ich mir eine Brüsseler Zeitung und las das deutsche Ultimatum.

Darauf stürmte ich in die wiedergeöffneten Banken. Unmöglich das Geld zu wechseln. Doch nach Stunden fand ich einen Bankbeamten, der mich für eine Engländerin hielt. Er ließ mich heimlich in einem Zimmer warten und verschaffte mir etwas Geld.

In dieser Nacht packten wir, am nächsten Morgen fuhren wir nach Ostende. Jetzt lasen wir, dass die Grenze „Verviers“ bereits geschlossen und erfuhren, dass nur ein Entkommen über Antwerpen und Holland möglich, dass es aber zweifelhaft sei, ob der Zug noch in Antwerpen einlaufen würde. …  Wir bestiegen den Zug. Kurz vor der Abfahrt nahm in unserem Coupé noch ein junger Mann Platz, ein holländischer Offizier, der sich schleunigst zu stellen hatte. Er riet uns, in Antwerpen das Gepäck stehen zu lassen und die Zeit zu benutzen, den uns befreundeten österreichisch-ungarischen Konsul aufzusuchen und seinen Rat betreffs Weiterreise einzuholen.

In Antwerpen fanden wir eine wildbewegte Menschenmenge vor, einen ungeheuren, drohenden, noch erstickten Lärm – der Generalkonsul rief uns nur mit heiterer Stimme zu: „Sofort fliehen, alles Gepäck im Stich lassen, seit zwei Stunden sind die Deutschen ausgewiesen!“ … Nun standen wir wieder auf der Straße. …

Ich gab jetzt den Kindern und der Gouvernante strengsten Befehl!: Kein Wort mehr sprechen! Vor allem nicht deutsch!

Selbst der kleine dreijährige Junge gehorchte und öffnete das Mündchen nicht mehr. Lächelnd und schweigend, vollkommen gefasst gingen wir durch den drohenden Pöbel, der infolge unserer Haltung vor uns zurückwich. – – – Drei Stunden verbrachten wir in dieser krampfhaften aufrecht gehaltenen, ruhigen Haltung in dieser tobenden, hasserfüllten Stadt; wir nehmen noch einen Imbiss bei dem Hotelier Weber, welcher in dieser Nacht ermordet wurde. …

Es gelang mir dann, noch holländisches Geld zu bekommen. Jetzt galt es das Gepäck. Ich dachte nicht daran, es preiszugeben. Ich suchte mir einen Gepäckträger aus. Ich redete ihn leise an und gab ihm ein Geldstück und versprach ihm mehr – es kam darauf nicht mehr an. Der Mann gehorchte mir und ermittelte mir den nächsten abgehenden Zug. Wir versteckten die Gouvernante und die Kinder in einem Winkel des Bahnhofes und suchten das bereits fast verlorene Gepäck. Es war das einzige, welches in den Zug kam … ich brachte es selbst mit ihnen. Wir setzten und in ein Coupé. In der letzten Minute vor der Abfahrt sprang der holländische Offizier wieder zu uns hinein.

Um Mitternacht trafen wir in dem belgischen Grenzort ein. Hier war ein wahnsinniger Tumult. Unzählige Flüchtlinge mischten sich mit den belgischen Bauern, es entsand im Dunkel der Nacht ein unheimlicher Lärm und Gewaltszenen, es wurde mir sofort bedeutet, dass kein Gefährt vorhanden, dass das Gepäck dableiben, wir zu Fuß mit dem Schwarm über die Grenze müssten. Es war mir klar, dass ich die zarten Kinder nicht preisgeben konnte, um sie nicht zertreten zu lassen. Ich hatte meine Koffer so gepackt, dass ich sie als Betten für die Kinder benutzen konnte, und entschloss mich, äußersten Falles die Koffer auf die Landstraße stellen zu lassen, die Kinder hineinzubetten und mit der Gouvernante bei ihnen zu wachen, die gleich den Knaben bewundernswerte Haltung bewahrte: kein lautes Wort, keine Träne, kein Zeichen der Angst! Plötzlich sprach der Holländer mit den Leuten. Im Nu veränderte sich die Haltung um uns. Man gab ihm gute Ratschläge, die anderen erst abziehen zu lassen usw. ich erfasste in plötzlicher Erleuchtung seine Hand und flüsterte: „Ja, lassen Sie uns mit den Kindern hierbleiben, nehmen Sie uns als Ihre Familie unter Ihren Schutz, das allein kann uns noch retten!“ Der Offizier sah mich an und begriff – und von diesem Moment an waren wir als seine Familie geschützt.

Da keine Möglichkeit mehr war in der Nacht menschenwürdig fortzukommen und am Morgen ein Zug direkt über die Grenze ging, beschlossen wir, dort zu übernachten. – Ein armer Belgier, dessen Frau in Wehen lag, führte uns – alle Gasthöfe waren geschlossen, da man keine Deutschen aufnehmen wollte, er führte uns ins Land hinein, er hörte die erschöpften Kinder nun deutsch sprechen – ich gab ihm Geld – seine Frau lag in Wehen, vielleicht, dass er uns nicht verriet …

„Morgen früh, wenn wir im Coupé sitzen, bekommen Sie noch etwas“, flüsterte ich aus Vorsicht. Dann öffnete sich uns ein Gasthof. Der belgische Bauer und seine Frau nahmen die schweigsame holländische Familie auf. Die Gouvernante und die Kinder bekamen ein Zimmer und fielen erschöpft in die Kissen. Wir blieben unten im Gastzimmer. Der Bauer fluchte auf die Deutschen „we hate them, we hate them“, lebendig käme keiner mehr aus seiner Tür. – – – Draußen rotteten sich die Bauern zusammen und tobten und sprachen vom Morden der Deutschen. Endlich löschte der Wirt die Lampe, setze ein Licht auf den Tisch und ging schlafen. Draußen zogen schwer die belgischen Pferde und Soldaten vorbei. … Wir wachten die ganze Nacht, unzählige Male sah der Offizier nach den Kindern, setzte sich vor ihre Zimmertür. …

Am Morgen holte ich meine beiden Söhne herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und ließ sie ihn küssen. Der Belgier kam und triumphierte: Er hatte in der Nacht einen Jungen bekommen! Diesem kleinen Wesen haben wir wohl zu verdanken, dass er uns nicht verriet.

… Als wir in der Bahn mit dem vollzähligen Gepäck saßen, gab ich ihm den versprochenen Lohn als Tauschgeschenk. Dann setzte der Zug sich in Bewegung nach Holland. …

Je näher Roermond kam, die Station, an welcher unser ritterlicher Beschützer uns verlassen musste, desto banger, desto stiller wurden wir. Nach meinen Versicherungen, dass ich mich fähig fühlte, uns nun allein weiter zu bringen, verließ er fast widerstrebend das Coupé. Seine Hoffnung war, für Deutschland eines Tages mitkämpfen zu dürfen …

Diese Gesinnung fand sich überall. Ganz Holland steht an Deutschlands Seite. Meine Tasche ist voll von Karten gütiger Helfer, die alle wissen wollen, wie wir in Berlin eingetroffen sind, denn einfach war die Fahrt nicht. In Hamond wurde mein amtliches Papier für nicht ausreichend gehalten. Um nicht wieder 24 Stunden zu verlieren, versuchte ich es nicht erst an dieser Grenze, wo ein enormer Massentransport stattfand und mein Gepäck gefährdet war. Wir fuhren direkt zurück zur letzten offenen Grenze – nach Venloe, wo, wie man uns sagte, Offiziersposten ständen, die uns durchließen, auch ohne Pass. Wir fuhren in einem Coupé mit acht belgischen Priestern, die sich geweigert hatten, uns hineinzunehmen. Zwei holländische Offizieren drohten, sie aus dem Zuge zu werfen, wenn sie und nicht Platz machten und uns beschützten. Inzwischen telefonierte der Offizier an die Grenzstation zu unserem Schutz. Dort kamen wir gegen 12 Uhr nachts an – bei furchtbarem Gewitter. Zuerst gingen wir wieder, wie wir es immer getan hatten, zum Gepäckwagen, ich stieg hinein und holte selbst mit meine Koffer heraus. Und ehe wir es uns versahen, hatten wir wieder einen Beschützer, einen älteren Herrn mit einer kleinen Schleife im Knopfloch – von Kaiser Wilhelm vor Vlissingen erhalten! Er trug meine Kinder in strömendem Regen in ein Hotel, er besorgte uns Räume und Essen, er bestellte die Wagen, die uns am nächsten Morgen über die Grenze fahren sollten – er sorgte wie ein Vater für seine Kinder, wie er für die ärmsten Leute vorher gesorgt hat, die er in seiner Wohnung bettete. Wir konnten vor Kanonendonner nicht schlafen, denn Lüttich wurde in dieser Nacht beschossen, aber ich war selten ruhig und glücklich. Ich hatte uns in absolut letzter Stunde durch Geistesgegenwart gerettet, denn nach der Beschießung Lüttichs wären wir von oben am Meer, weit entfernt von Antwerpen, nicht mehr herausgekommen.

Am nächsten Morgen, als wir deutschen Boden betraten und jubelnd empfangen wurden, segneten wir diese Reise, weil wir so viel reicher geworden waren an Vertrauen und Liebe zu den Menschen.

Und dann kam die Fahrt in Militärzügen durch Deutschland!!! In Gemeinschaft mit Offizieren und Freiwilligen hausten wir in einem eingeschobenen Wagen, unvergessliche Menschen darunter, unvergessliche Stunden! Wir begegneten allen Truppentransporten zur Grenze und waren überwältigt von der Frische, Begeisterung und Siegesgewissheit der mutigen Jungen. Auf jedes Lachen, das wir erweckten, waren wir stolz, jeder dankbare Blick beglückte uns, jede harte Hand, die sich uns treuherzig entgegenstreckte, haben wir ergriffen, geschüttelt und vollgepfropft mit irgendetwas, das wir an den Bahnhöfen als Flüchtlinge zugesteckt erhalten haben, Brot, Süßigkeiten, Zigaretten und Zigarren. – – –

Ich dachte dabei an meinen Mann, der sich freiwillig und so schnell gestellt hatte, dass er uns darüber hätte verlieren können, und die Gouvernante dachte an ihren Bräutigam, der schon „mit“ ist, und die so um ihre Kriegstrauung kam.

Sechs Tage und sechs Nächte hat unsere Reise gedauert, und es waren furchtbare Strapazen: Tage ohne Essen, Nächte in Eisenbahnen, endlose Stunden auf Bahnhöfen –; aber wir sind dankbar, dass wir es erleben durften, da wir uns jetzt imstande fühlen, noch größeren Gefahren zu trotzen. Und darauf müssen wir uns vorbereiten! Denn darauf kommt es jetzt an!

Nicht mit der Wimper zucken in der Gefahr!
Und nicht verloren geben, was nicht verloren ist!