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Eine Ferienbetrachtung

Wir schlafen zu viel

Ärzte empfehlen acht Stunden Schlaf pro Nacht. Dabei ist wissenschaftlich gar nicht bewiesen, dass wir so viel Schlaf brauchen. Eine Entgegnung auf Professor Schleich, Berlin.

„Schlaf ist zum Leben wichtiger als Nahrung, und Schlaflosigkeit tötet sicherer als Verhungern“ – das ist so ungefähr die Formel, auf die wir unsere Kenntnis vom Schlaf gebracht haben. Im Allgemeinen erzählen uns die Poeten und die Mystiker mehr und lieber vom Schlaf, der „Nachtzeit des Körpers und der Tageszeit der Seele“, als die Wissenschaft es tut. Von den 30 000 Seiten der britischen Enzyklopädie handeln gerade knapp zwei vom Schlaf. Das praktische Interesse der Mediziner beschränkt sich im Allgemeinen auf das Studium der Schlaflosigkeit, und in medizinischen Büchern wird der Schlaf stets nur vom therapeutischen Standpunkt abgehandelt, selten oder nie vom ätiologischen.

Das immer wieder schablonenhaft wiederholte Rezept vom Achtstundenschlaf und der Ärzte Eifer gegen jede Verkürzung der Schlafration wird von uns natürlich mit der größten Sympathie hingenommen, mit derselben Sympathie, mit der wir etwa eine ärztliche Vorschrift aufnehmen würden, die uns Kaviar, so mild und großförmig wie nur möglich, und Hummer, so zart wie nur möglich, verordnet. Aber gegen diese wohlgefälligen Medikamente sträuben wir uns schweren Herzens aus ökonomischen Gründen, während wir den viel kostspieligeren Achtstundenschlaf noch immer hinnehmen. Schon eine zweistündige tägliche Schlafersparnis würde uns eine ganz andere Lebensführung erlauben, und die Frage, ob der heutige Standpunkt der ärztlichen Wissenschaft zum Schlaf der richtige ist, hat deshalb allergrößte Bedeutung. Das Eintreten der Ärzte für einen langen Schlaf ist eine alte Tradition, die immer wieder vom Lehrer auf den Schüler überkommen ist und die sich auch im Publikum als Fundamentalgrundsatz festgesetzt hat. Man kann gerad zu sagen, dass heute eine der gewöhnlichsten Ursachen der Schlaflosigkeit, die Furcht vor dem Nichtschlafenkönnen ist. Das arme Opfer stellt sich vor, welche Schrecknisse – vom Wahnsinn angefangen bis zum Tod – seiner warten, wenn es eben nicht schlafen kann, und solche Gedanken wirken natürlich nicht einschläfernd. Aber von dieser Nervosität und dieser Furcht abgesehen, ist überhaupt noch nichts bewiesen für die Gefahren der Schlaflosigkeit. Jeder kennt doch unter seinen Bekannten Beispiele normal langlebiger Menschen, die sehr viel weniger als acht Stunden Durchschnittschlaf gewohnt waren. Sonst ist ja auch Humboldt bekannt, der nur drei Stunden täglich schlief, Edison und John Hunter mit drei bis vier Stunden, Patrick und Gilbert hielten drei gesunde junge Leute durch neunzig Stunden – nahezu vier Tage – wach, und am Ende dieser Zeit genügte ein zehnstündiger Schlaf, um eine vollkommene Erholung herbeizuführen.

Andere Versuche wieder haben bewiesen, dass der Schlaf am Tiefsten während der ersten beiden Stunden ist, und dass er dann von Stunde zu Stunde oberflächlicher und unruhiger wird. Schon dies legt also die Vermutung nahe, dass eine ganz erhebliche Einschränkung des Schlafs, etwa auf zwei oder drei Stunden, uns, einmal gewöhnt, dieselben Dienste leisten würde, wie jetzt der achtstündige. Wir müssten zum Beispiel viel mehr über den Schlaf der verschiedenen Tierarten wissen, um festzustellen, ob der lange, menschliche Schlaf etwa nur eine bequeme Angewohnheit ist. Die Ornithologen erzählen uns, dass die Vögel, trotz ihrer außerordentlichen Beweglichkeit und ihres intensiven Stoffwechsels, sehr wenig schlafen. Der Hund, der ja an sich viel zu schlafen scheint, hat dafür wieder seinen leichten Schlaf, dem er den Ruf seiner Wachsamkeit verdankt. Der Mensch ist ohne Zweifel der tiefste Schläfer im Tierreich, er ist unter allen Kreaturen am schwersten zu erwecken.

Wenn man also auf Experimente, die am meisten überzeugen würden, verzichten muss, so wünschte man wenigstens eine genaue physiologische Erklärung vom Schlaf und den Gefahren der Schlaflosigkeit zu haben. Aber auch da gibt es nur einige sehr verschiedene Theorien, von denen keine unwidersprochen geblieben ist. Die bekannteste ist jene von den Ermüdungs-Milchsäureprodukten im Blut, die im Übermaß die Gehirnzellen stören und Bewusstlosigkeit herbeiführen sollen. Der Beweis hierfür ist nur auf dem Umweg geführt worden, dass man Milchsäure oder milchsaures Salz, zwei Chemikalien, die allerdings in leichten Dosen typische Ermüdungserscheinungen hervorrufen, in die Blutbahn einführte und damit schließlich Bewusstlosigkeit erzielte. Man sieht, dass dies nur ein indirekter Beweis ist, der selbst bei völliger Übereinstimmung der Vergleichspunkte nicht zu überzeugen brauchte. Zudem zeigt nun aber dieser narkotische Schlaf in einem wesentlichen Symptom schon eine Abweichung vom normalen. Das ist jenes, dass man im Normalschlaf sofort nach dem Erwachen ermuntert und im Besitz seiner Sinne ist, während ein so „operierter“ Schläfer nach dem Erwachen noch ohne Bewusstsein ist. Eine andere Theorie ist jene, dass der intramolekulare Sauerstoff der Gehirnzellen sich im Zustand des Wachen schnell verbraucht, und dass nur im Schlaf die notwendige Ergänzung durch das Blut stattfinden kann. Man hat experimentell ziemlich einwandfrei festgestellt, dass sich im Schlaf weniger Blut im Gehirn befindet. Die Blutlosigkeit kann also mindestens als eine Begleiterscheinung des normalen Schlafs gelten; aber man weiß auch hier noch nicht, ob dies eine Ursache oder eine Wirkung des Schlafes ist.

Diese Beobachtung über die Blutverteilung im Schlaf führt übrigens zu einer Abart des Schlafes, für die man sich gerade jetzt sehr interessiert. Im hypnotischen Schlaf ist nämlich gerade umgekehrt das Gesicht gerötet, die Netzhaut des Auges mit Blut überfüllt und somit alle diese Merkmale des normalen Schlafes in das Gegenteil verkehrt. Auch spricht sich die besondere unvergleichliche Art des hypnotischen Schlafes weiter darin aus, dass dem Patienten keiner der Versuche im bewusstlosen Zustand nach dem Erwachen erinnerlich ist.

Vor allem ist es der Wissenschaft noch nicht gelungen, eine Erklärung für die Periodizität des Schlafes zu finden. Man hat zum Beispiel den Einfluss der Gestirne, des Tag- und Nachtrythmus unserer Erde wenig studiert. Nach Laboratoriumsversuchen mit niederen Tieren zeigt sich deutlich die Neigung, in der Dunkelheit zu schlafen und bei Licht wach und tätig zu sein. Diesen Experimenten könnte vielleicht mit der Zeit die allergrößte Wichtigkeit zukommen. Vielleicht erfahren wir dann, dass der Schlaf, der uns eines Drittels unseres Lebens beraubt, nur eine unglückliche Eigentümlichkeit, ein Fluch unseres Planeten ist? Wir müssten wissen, ob der Jupiter mit seinem Zehnstundentag (fünf Stunden Licht und fünf Stunden Nacht), mit seinen sechs Jahren Polartag und sechs Jahren Polarnacht und mit seinen Jahreszeiten, die jede über drei Jahre dauern einen dem unsrigen ähnlichen Schlaf hat. Wir wissen nichts über den Schlaf auf dem Saturn mit seinen leuchtenden Ringen und acht Monden, der ebenso fünf Stunden Tag und fünf Stunden Nacht hat. Oder was für einen Schlaf gibt es auf jenen Planeten mit zweifachen und dreifachen Sonnen; oder im Sonnensystem der Theta Orions mit ihren sieben Sonnen?

Für diese Theorie sprechen auch sonst viele Erscheinungen. Da ist zunächst der Winter- und Sommerschlaf gewisser Tierarten, die Überwinterung und Übersommerung. Dieser Schlaf nach dem Rhythmus der Jahreszeiten, wie ihn die Fledermäuse, die Igel, die Murmeltiere, die Kriechtiere und Lurche, die braunen und die Grizzlybären haben, ist physiologisch genommen nur eine Übertreibung des normalen Tagesschlafes. Hier wie dort sind die Körperfunktionen verlangsamt. Im Winterschlaf hören Atmung, Ernährung und Erektion völlig auf. Der Blutumlauf dauert an, ist aber außerordentlich herabgemindert. Auch die Erfahrung in arktischen Gegenden sprechen für diese Theorie von den physikalischen Einflüssen unseres Planeten auf den Schlaf. Die Eingeborenen der Arktis und Antarktis verbringen den größten Teil der arktischen Nacht im Schlaf. Nansen erzählt von sich und seinen Begleitern, dass sie oft 20 Stunden täglich geschlafen hätten. Sie hätten sich nur ermuntert, um zu essen und um ihre wissenschaftlichen Notizen zu machen.

Wir haben es nun zweifellos nicht nötig, diesen Rhythmus unseres Planeten mitzumachen. Schon der Nachtarbeiter unterbricht ihn mit Leichtigkeit, weil ihm die Ernährungsfrage zunächst einmal wichtiger erscheint. Und wenn es das Nahrungsbedürfnis erfordert, bekommen es schon heute Menschen und Tiere fertig, diesen Rhythmus zu brechen, bei Nacht tätig zu sein und am Tage zu schlafen. Vielleicht wird mit dem weiteren Fortschreiten der künstlichen Beleuchtung, mit der immer schärferen Anspannung des menschlichen Geistes der Schlaf immer mehr und mehr verkürzt und die Zeit für den Gebrauch der Geistigen Fähigkeiten immer mehr ausgedehnt werden. vielleicht ist schon die immer mehr wachende, heute noch beklagte Tendenz zur Schlaflosigkeit der Anfang eines neuen Zeitalters, in dem die Gewohnheit und die Willensstärke den Menschen dahingebracht haben, einen weit größeren Teil seines kurzen Lebens auszunutzen, statt ihn zu verschlafen.