Wissenschaft und Technik > Medizin >

Eine Ferienbetrachtung

Wir schlafen zu wenig

Das elektrische Licht sorgt dafür, dass wir nicht mehr dem Rythmus von Sonnenauf- und -untergang folgen. Dabei bräuchten wir den Schlaf nach diesem natürlichen Takt. Eine Entgegnung auf Professor W. A. Douglas, New-York.

Der Schlaf ist ein aktiver Zustand unseres Nervenmechanismus. Er tritt ein, wenn eine Hemmung einschnappt, welche das Bewusstsein für Zeit und Raum erlöschen lässt. Um alle Nervenapparate liegt ein Isolationsgespinnst, wie um jeden unserer elektrischen Drähte. Diese Hemmung garantierenden Gewebe sind teils stabil, definitiv, dem Willen unerreichbar, automatisch, aber sie können wie im Reich des Bewussten mehr oder weniger unter die Herrschaft des Willens treten. Im Reiche des Gehirns und Rückenmarks wird dieser Isolationsapparat vom dem Blute her in Szene gesetzt unter Leitung des Urnerven aller dynamischen Spannungen im Belebten, dem Nervus sympathicus. Dieser Urnerv ist der eigentliche Vater des Lebens und die eigentliche, alle Gefäße, alle Organe, auch alle Hirnganglien verfolgende oder umspannende Markoniplatte der Persönlichkeit. Von ihr greift auch die Faust des Weltraumrythmus in das Gefüge von Wachsein und Schlafen. Denn eine Starre aller dieser kleinen Markonibündel im Gehirn schieben die Hemmungen ein, welche genügen, um Willen und Vorstellen, Handeln und Denken so weit zu dämpfen, dass ihre brüderlichen Mitarbeiter in den tiefen Aderschächten der reparaturbedürftigen Organgehäuse ungestört zu Worte und zum Werke kommen. Im Bewussten ist die Unruhe, im Unbewussten der Ausgleich, die Pause, die Erholung. In dieser Definition des Schlafes als einer Lebensphase, eines Hemmungsvorganges zum Zweck des Ausgleichs liegt eigentlich schon der Beweise für die ungeheure Notwendigkeit, sich dem Rhythmus vom Sonnengang möglichst anzupassen, das heißt, eigentlich unendlich viel mehr zu schlafen, als es der Sohn des gestohlenen Sonnenlichtes (der Elektrizität) sich zubilligen möchte. Und das nach dem allgemeinen Gesetz des fettigen Verfalls der Funktionselemente aller Organe durch Missbrauch. Missbrauch ist es aber unter allen Umständen, seine Hirnganglien und seine Willenselemente sich gegen ein so universelles Grundgesetz, wie es der kosmische Rhythmus ist, stellen zu wollen. Wohl gestattet das Leben eine gewissen Freiheit, eine Art synkopischer Auflehnung gegen den Takt der Welt, aber der bewusste Missbrauch dieser Spielbreite führt zur Ausstoßung aus dem Takte, selbständig oder gezwungen, das heißt, Selbstmord oder Tod durch Krankheit muss die Folge einer Sünde gegen den heiligen Geist eines Weltallrhythmus sein. Das ist gewiss der Fall bei einer Auflehnung gegen das Gebot des Schlafens: „solange wie möglich!“ Man verschlafe ruhig die Hälfte des Lebens, man wird die andere Hälfte doppelt genießen.“ Das ist ein guter Satz, der den einzigen Nachteil hat, dass er von mir stammt. Ich füge hinzu, wer ausgeschlafen ist, arbeitet doppelt, dreifach so schnell und genießt hundertfach so intensiv. Das Glück ist geradezu eine Frage des Ausgeschlafenseins! Wieviel Eheglück zerstört der beiderseitige morgendliche Müdigkeitskater, wieviel Beleidigungen, ja Verbrechen wären vielleicht, ungeschehen, wenn das Gesetz des Ausschlafens höher stünde, denn alles Räsonnement! Was wollen soziale Forderungen, Geld, Ehre, Pflicht sagen gegen die oberste Pflicht gegen sich selbst, gegen das köstlichste, persönlichste und ökonomischste Gut: die Gesundheit! Unsere Gesundheit ist unter, des Staates, unserer Lieben, des Weltgedankens einziges Glück. Nur auf ihr beruht die Tüchtigkeit und Brauchbarkeit einer Nation, nur auf ihr die Kultur im letzten Sinne. Sie ist die naturgegebene Grundbedingung aller Werte. In welcher Weise ein verkürzter Schlaf sie schädigt, kann leicht an der doppelten Beziehung des Lebensurnerven (der sympathischen Nervengeflechte, die überall wirken) klargemacht werden, deren netzartige Gespensterfingerchen für die einfache Reizbarkeit und innere Sekretionstätigkeit der Zelle bis zum Aufleuchten königlichster Akkorde in unserer Hirnorgel die wundersamsten Klingelzüge umtasten. Im Schlaf stellen sie die wogende Klaviatur der Tagesnötigungen ab und begeben sich in die Schmiede- und Braustätten des mehr automatischen und vegetativen Lebens. Wer sie von hier verscheucht, um bewusstes Leben dem Schlafe abzulisten, tauscht Erschütterungen, Verschiebungen, Risse im Fundamente des Lebens ein. So wird allgemein die Regeneration beschädigt, namentlich die Neuerzeugung des Blutes.

Nachtarbeiter und Nachtbummler sind immer blass, und Bleichsüchtige haben ein intuitives, ständiges Schlafbedürfnis, weil sie sich nach der im Schlafe eingeleiteten Erneuerung des Blutes ahnend sehnen. Schlafentziehungskuren sind höchst gefährliche Abmagerungskuren, weil alle Anbilung, Neubildung, aller Ersatz durch die kleinen Nachtwächter des Sympathikus verhindert wird. Darum hat der jugendlich wachsende Mensch der Vollblüte einen so gottgesegneten Schlaf, weil leider bei ihm die Neulenze seiner Zellaussaaten nicht wiederkehren, ihre geheime Selbsterzeugung erschöpft ist, und das Greisenleben dem oft heroischen Ablauf einer wundervoll gearbeiteten Uhr (ohne Reparaturmöglichkeit) gleicht. Wir haben hier direkt korrespondierende Beweise dafür, dass der Schlaf die Zeit der Wiedergeburt des Lebens und seiner Millionen Maschinenrädchen ist – wer kann hier etwas kürzen wollen zugunsten dieses nimmer ruhenden Wirbelsturmes bewusster Gedanken, die doch immer gegen den Granit der Unbegreiflichkeiten anprallen?

Aber weiter: ein bisschen Nachlass in der Spannkraft der kleinen Greisenklauen des Nervus Sympathikus, und alle Blutgefäße büßen es an Prallheit und Elastizität: im schlappen Gummi des Gefäße aber sucht der Kalk, der leicht bröckelnde, das Leben brechende Kalk seine Dämonen der Herzqualen und des Schlaganfalles!

Ferner: ein bisschen Überstunden der sorgsamsten Detailarbeiter des Lebens (der trophischen Fasern jener Nerven) in den Werkstätten des Bewussten – und eine verminderte Qualitätsarbeit in allen Spinnstuben der Leben regulierenden, inneren Sekretion ist die Wirkung, Neurosen, Selbstvergiftungen, Zucker- und Steinbildung ist die Folge.

Es wird erzählt von Leuten, die mit drei bis vier Stunden Schlaf auskommen sollen. Nun, nirgends wird so viel geschwindelt wie bei Diskussionen über Nichtschlafenkönnen oder Nichtbrauchen, aber zum Beispiel Napoleon war stets blass und starb an Krebs, und mein großer Lehrer Rudolf Virchow, der sich wahrhaftig den Schlaf abzog, wo er konnte, war blass und blutleer, wie gelblich Pergament, und ermangelte gänzlich jener behäbigen, gemütlichen Behaglichkeit, die das Wesen eines Genies so herzerquickend und bezaubernd macht. Denn das eine ist sicher, zu den gemütlichen Temperamenten gehören die Kurzschläfer nicht, und wenn sie vermögen tadelloser Apparatüberlieferung seitens ihrer Ahnen ein langes, mehr vegetatives Leben trotzdem erreichen, so büßen es ihre Mitmenschen durch das Manko jener heiteren Harmlosigkeit, die wohl Shakespeare im Sinn hat, wenn er Cäsar sich nach „dicken Menschen und die gut schlafen“ sehnen lässt, wobei ich allerdings Korpulenz für weniger begehrenswert als ein ständiges Ausgeschlafensein halten würde.