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500 Schiffe gefechtsbereit

Zur Mobilisierung der britischen Flotte

England mobilisert einen beträchtlichen Teil seiner Flotte. Das könnte auch mit in England kursierenden Gerüchten über die Kampfbereitschaft der deutschen Marine zusammenhängen.

Am 18. Juli findet die Flottenparade auf der Spithead Reede vor König Georg statt. Sie ist nur ein äußerliches Prunkschauspiel, für das Volk inszeniert, das im Übrigen aber für deutsches Empfinden recht geringes Interesse für dergleichen bekundet. Weit wichtiger ist die mit der Parade eingeleitete Probemobilmachung der gesamten Heimatflotte. Während bei der Revue vor dem König nur ungefähr 200 Schiffe und Fahrzeuge aufmarschieren, weil die Reede von Spithead nicht mehr Raum gewährt, werden in den Tagen vom 15. bis zum 25. Juli insgesamt 493 Gefechtseinheiten mobilisiert sein, das heißt sich in gefechtsbereitem Zustand befinden.

Von den in heimischen Gewässern stationierten drei Flotten hat die erste, die das neueste Schiffsmaterial enthält, stets volle Besatzungen an Bord, die zweite wird für gewöhnlich mit größeren Stämmen in Dienst gehalten. Die nicht an Bord befindlichen Leute besuchen Schulen am Lande, sind aber stets derart zur Verfügung, dass die Schiffe in wenigen Stunden gefechtsklar in See gehen können. Die Mannschaften der ersten und zweiten Flotte sind aktives Personal. Die dritte Flotte, zu der die älteren Schiffe gehören, hat nur ganz kleine Stämme eingeschifft, die zur Instandhaltung des Inventars usw. dienen. Die Besatzungsetats werden bei der Mobilisierung durch Reserven aufgefüllt. Jedoch tritt auch noch ein gewisser Prozentsatz aktiver Mannschaften hinzu. Die jetzige Übung soll hauptsächlich, so wird gesagt, dazu dienen, die Gefechtsbereitschaft der Schiffe darzutun. Es soll gezeigt werden, dass die englische Flotte in ihrer Gesamtheit in kürzester Zeit dem Feind entgegen gesandt werden könne. Diese Probemobilisierung wurde im Übrigen durch Churchill im Unterhause bereits am 24. Februar dieses Jahres angezeigt. Die Admiralität verbreitet geflissentlich, dass die Mannschaftsreserven, die jetzt eingezogen werden, längst nicht die Reservoirs erschöpften. Und das ist in der Tat der Fall. Die Reservemannschaften beziffern sich insgesamt auf 64 095 Köpfe, nämlich 31 137 sogenannte „Royal fleet reserve“ und der Rest „Royal naval reserve“, „volunteers“ usw. Jetzt sind nur zwei Klassen der Royal fleet reserve zu den Übungen eingezogen, das heißt etwa 14 000 Feservisten. Diese Leute haben früher aktiv in der Marine gedient und sind als geschultes Personal zu betrachten, um so mehr, als sie regelmäßig Übungen absolvieren müssen. Für die zehn tage nun erhalten sie außer dem gewöhnlichen Sold ein Pfund Extravergütung. Bis zum 25. Juli werden die Schiffe strategische und taktische Manöver abhalten.

Was bezweckt Churchill mit diesem gewaltigen Aufgebot und dieser eigenartigen Probemobilmachung, die zum ersten Mal in dem Umfang vorgenommen wird? Soll die Schlagfertigkeit der britischen Flotte aller Welt bewiesen werden, oder soll, falls die Mobilmachung nicht glatt von statten geht, dem englischen Steuerzahler gezeigt werden, dass er noch weitere Mittel bewilligen müsse, um den Marinemannschaftsbestand erhöhen zu können? Die englische Panzerplattenpresse weist auf die deutsche Flotte hin, bei der stets sämtliche Schiffe mit vollem Besatzungsetat gefechtsbereit seien. Das ist natürlich eine arge Übertreibung, denn etwa ein Viertel unserer schiffe ist nicht gefechtsbereit, hat keine Mannschaften oder nur ganz geringe Stämme an Bord, oder liegt womöglich abgerüstet auf den Werften. Aber die Gerüchte, in Deutschland würde eine Flottengesetznovelle vorbereitet, die vornehmlich Mannschaftsvermehrungen bringen solle, genügen, um den Schachzug Churchills zu lancieren und ihn anzuspornen, seinerseits früher auf dem Plan zu erscheinen.

Churchill könnte unseren Flottenfanatikern keinen größeren Gefallen tun, als wenn er nun aus der „test mobilization“ die Notwendigkeit der Erhöhung des Personals ableitete. Dann verdiente er sich die Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Flottenvereins. Aber man wird nunächst abzuwarten haben, welches das Ergebnis der Probemobilisierung ist, das heißt, wie es der Öffentlichkeit unterbreitet wird. Davon wird es abhängen, ob die Rüstungsschraube erneut in Bewegung gesetzt wird.