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Brockensammlung

Das Kaufhaus der Ärmsten

Wer sich den Einkauf in einem normalen Kleidergeschäft nicht leisten kann, wird in der Brockensammlung in Berlin-Schöneberg fündig. Besuch in einem der Berliner Kaufhäuser für die Bedürftigen.

Kaum ist ein bescheidener Eindruck möglich, als ihn das kleine einstöckige, gelblich getünchte Häuschen mitten zwischen den prunkvollen Häuserkolossen des neuen Westens der Reichshauptstadt macht. Mit einer steinernen Vortreppe ruft es die Erinnerung an längst vergangene Zeiten wach, da Schöneberg noch ein Dorf vor den Toren war, und Berliner Bürger, die es billig haben wollten, dort auf Sommerfrische wohnten. Jetzt aber sieht es nur noch melancholisch verlassen aus und der Vorübergehende kann nicht begreifen, warum die Spitzhacke dieser neuen Zeit es denn allein so höhnisch übersehen hat.

Jedoch das kleine vergessene Haus aus Urväterzeiten hat eine ganz moderne großstädtische Seele. Zwar ist auch sie melancholisch, aber von einer durchaus nicht romantischen, sondern sehr realistischen Melancholie. Eine moderne Melancholie, die sich nicht mit gefühlvollen Rückblicken begnügt, sondern durch nützliche Werktätigkeit sich selbst zu überwinden sucht.

Auf der abgeblätterten, gelben Tünche neben der niedrigen Tür sehen wir: „Brockensammlung für die westlichen Vororte.“ Also ein letztes Asyl für alle Dinge, die von Menschen als wertlos aus ihrem Hausrat und aus ihrer Umgebung entfernt werden, und die doch in den Augen anderer ärmster Mitmenschen noch Hilfe und Rettung, Werkzeug und Freude werden können.

„Nicht in den Armenämtern, sondern die freundliche, weißhaarige Dame, die mich durch die niedrigen Stuben führt. Herrgott, was ist da für ein buntes Gerümpel zusammengekommen! Meine Begleiterin bemerkt mein Erstaunen. „Wir nehmen eben alles, was man uns gibt.“

„Mit Ausnahme alter Matratzen,“ tönt da eine kräftige Stimme aus dem Nebenraum. „Weil wir nämlich keine anständigen mehr bekommen. Aber Männerhosen, her damit!“

Jetzt entdeckte ich auch die andere, gleichfalls schon bejahrte Herrin des Hauses, die offenbar die hier nötige Energie vertritt. Sie hantierte in einem Haufen alter Kleider für jedes Alter und Geschlecht. Dabei war sie von allerhand alten, gebrechlichen Möbelstücken in eine seltsame Enge gedrängt.

„Sehen Sie, Herr, das heißt Not, wenn ein stellenloser junger Kaufmann – manchmal ist er auch gar nicht mehr jung – seit Monaten nichts Rechtes mehr im und allmählich auch nicht mehr auf dem Leibe hat. Wenn einer nun so ganz verzweifelt und so ganz verkommen ist, dass er sich nirgends mehr vorstellen kann, wird er wohl zu uns gewiesen, und wir geben dann, soweit der Vorrat reicht. Für Pfennige, nicht umsonst! Ein Hemd für zehn, Stiefel für zwanzig, Jacke, Hosen. Und dann die Mütter! Manchmal ist es auch komisch. Kommt da eine Kinderschar, wie die Orgelpfeifen. „Wir sin achte, Vata hat keene Arbeet nich. Geben Se uns Stiebel!“ Nun, acht Paar haben sie ja nicht bekommen. Um die zwei aber ging dann auf der Straße eine mörderisches Gebalge los.“

Ich lächelte mit und kramte dann unter dem Möbelzeug. Da lag auf einem wackeligen Regal ein Haufen von jenen schwarzen ovalen Bilderrahmen, aus denen früher in den Bürgerfamilien Vater und Großmutter freundlich auf die neue Generationen zu schauen pflegten.

„Manchmal gelangt auch eine richtige Antiquität zu uns, zum Beispiel dieser kleine japanische Götze. Was für Irrfahrten mag er erlebt haben! Das gibt dann etwas für die Kasse. Denn die Unkosten sind leider recht hoch.“

Eben meldete sich ein Teil der „Unkosten“ durch lebhaftes Gebell. Eine der charakteristischen Hundefuhren, mit denen die „gespendeten“ Sachen abgeholt werden, kehrte zum Stall zurück. Die energischen der Damen warf einen Blick auf den Inhalt. „Immer daselbe! Je vornehmer die Herrschaften, um so plundriger die Sachen.“ Das ist eine ihrer Erfahrungen, und dann erzählte sie mir auch, wie viele Leute ihren unbrauchbaren oder überflüssigen Kram jahrelang mitschleppen und in Böden und Kellern völlig verkommen lassen, anstatt ihn hierher zu schicken, wo er noch etwas nützen kann.

Ich verabschiede mich. Auf dem Hofe trocknete ein frisch lackiertes Küchenspind. „Ich weiß schon die Arbeiterfrau, die dadurch glücklich gemacht wird. Der Althändler, der hier war, hat es nicht bekommen.“

„Recht so, meine Damen, Adieu!“

„Adieu, und wenn Sie uns empfehlen, vergessen Sie nicht zu sagen, dass man uns Bücher schickt. Bilderbücher für die Kleinen, gute Bücher für die Großen. Ja, Bücher auch für die Ärmsten!“

Hinterher erfuhr ich, dass es noch viel größere Brockensammlungen in Berlin gibt. Aber in das kleine übriggebliebene Haus scheint sie besonders hineinzupassen, das dennoch in seiner Melancholie fast romantisch wirkt.