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Nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte

Die Frauen und der Staat

Frauen wird nicht nur in der Rolle der Mutter viel abverlangt. Nun wird es Zeit, dass sich die Pflichten der Frauen auch in ihren Rechten widerspiegelt, die der Staat ihnen einräumt.

Vor siebzig Jahren warf Robert Blum in seinen „Vaterlandsblättern“ die Frage auf: „Haben die Frauen das Recht an den Interessen des Staates teilzunehmen?“ Ein junges Mädchen aus bürgerlichen Kreisen beantwortete die Frage als sie schrieb: „Die Frauen haben nicht nur das Recht, sie haben die Pflicht, an den Interessen des Staates teilzunehmen.“ Damals erschien diese Antwort äußerst kühn. Sie wurde von einigen bewundert, von den meisten aber verurteilt. Würde heute die gleiche Frage in gleicher Weise beantwortet, so würde sie weder bewundert noch verurteilt werden. Würde man aber eine Umfrage veranstalten, welche Frauen es heute für ihre Pflicht halten, an den Interessen des Staates teilzunehmen, so würde man doch erstaunt sein, daß es in Deutschland noch unendlich viele Frauen gibt, die den Interessen des Staates gleichgültig gegenüberstehen.

Ein großer Teil der Schuld liegt bei den Männern, die die Politik als ihr eigenstes Gebiet betrachten und die es den Frauen verwehren wollen, ihnen in dieses Gebiet zu folgen. Auch das hatte Luise Otto erkannt: als in Berlin ein Arbeiterkongreß stattfand, da fand sie zu ihrer großen Freude zum erstenmal in den Satzungen die Bestimmung, daß die Frauen von den Forderungen nicht ausgeschlossen sein, sondern daß sie unter gleichen Pflichten gleiche Rechte wie die Männer genießen sollten. In einer Adresse an den Kongreß schrieb sie: „Arbeiter, Ihr habt die anderen Männer beschämt, die Männer der Wissenschaft, des Staates, des Geschäfts, welche niemals daran denken, daß neben ihnen noch eine große Zahl menschlicher Wesen existiert, welche auch zur Freiheit und Selbstständigkeit geboren sind, ebenbürtige Wesen.“ Auch diese Tatsache hat sich seit Luise Ottos Tagen wenig geändert, denn es gibt wohl keinen Beruf, keinen Stand, der den Frauen so uneingeschränkt gleiche Rechte und Pflichten zugesteht wie die Arbeiterschaft. Überall sonst werden sie mehr oder weniger als Konkurrentinnen angesehen, die lästing sind und deren Leistungen geringer eingeschätzt werden als die der Männer. Die Folge davon ist eben, daß man die Frauen der Politik fern zu halten strebt, um zu verhindern, daß sie Einfluß auf die Gesetzgebung bekommen, die heute noch manche Ungerechtigkeit gegen die Frauen enthält.

Daß es nicht nur das Recht, daß es auch die Pflicht der Frauen ist, an den Interessen des Staates teilzunehmen, geht schon daraus hervor, daß ja die ganze Gesetzgebung ebenso im Interesse der Frauen wie der Männer liegt. Schon zur Zeit der französischen Revolution erklärte ein preußischer Junker und Staatsman Th. von Kippel, daß es falsch wäre, die Frau bei allen öffentlichen Angelegenheiten für schwach und unvermögend zu erklären, denn, sagte er, „diese Schwäche hört auf, Schwäche zu sein, sobald von Verbrechen und Strafe die Rede ist. Dann werden beide Geschlechter mit dem gleichen Maß gemessen. Vor den Gerichtshöfen gibt es kein Ansehen zwischen Mann und Weib.“ Trifft die Frau also die ganze Verantwortung ihrer Taten, so ist es ungerecht, wenn nur der Mann das Recht zur Verurteilung hat. An einer gerechten Justiz hat die Frau das gleiche Interesse, aber auch das gleiche Recht wie der Mann.

Das gleiche Interesse hat die Frau auch an der Finanzverwaltung. Der Staat fordert von der erwerbenden Frau die gleichen Steuern wie vom Manne. Die Frau hat aber nicht das Recht über die Verwendung dieser Steuern mitzubestimmen. Der größte Teil dieser Steuern wird nicht im Interesse der steuerzahlenden Frau verwendet, ja sogar häufig im gegenteiligen INteresse. Ein drastisches Beispiel dafür ist die Summe, die die Mehrheit des Reichstages zur Ausbildung von Hebammen bewilligte. Es hatte sich herausgestellt, daß ein großer Teil von Frauen ohne Hilfe von Hebammen entbinden müsse, und daß die Folgen für Wöchnerin und Kind gleich verhängnisvoll sind. Um dem Mangel an Hebammen abzuhelfen und um eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, bewilligte die Mehrheit des Reichstages 100 000 M. Bald darauf erging an den Reichstag die Forderung, eine Summe zur Anschaffung von Remontepferden zu bewilligen. Die gleiche Mehrheit, die zur Ausbildung von Hebammen ganze 100 000M. bewilligt hatte, bewilligte 16 Milionen für Remontepferde. Nur noch ein Beispiel: Riesige Summen werden ausgegeben für militärische Zwecke, für Uniformen, für neue Regimenter, für Kanonen, für Kriegs- und Luftschiffe. Die Frauen, von denen ja immer gesagt wird, daß sie da sind, um mitzulieben, nicht um mitzuhassen, haben durchaus kein Interesse am männermordenden Krieg. Selbst wenn dieser Krieg zum Siege führt, sind viele von ihnen die Leidtragenden. Sie werden zu Witwen und Waisen und verlieren sehr häufig nicht nur den Gatten oder Sohn oder Vater, sondern auch den Ernährer. Da nicht der Krieg, sondern der Frieden im Interesse der Frauen liegt, ist es ihre Pflicht, an den Interessen des Staates teilzunehmen und dabei zu helfen, daß die Steuern, zu denen sie ihren Beitrag leisten, genau wie die Männer, mehr im Interesse der Frauen verwendet werden.

Es wird von den Frauen verlangt, daß sie möglichst viele Kinder zur Welt bringen; aber der Staat tut wenig genug, um ihnen die Mutterschaft zu erleichtern. Als die Forderung einer Mutterschaftsversicherung eingebracht wurde, auch da hat die Mehrheit des Reichstages selbst die bescheidenen Forderungen der Linken noch zuungunsten der Mütter abgeändert.

Es wird von den Frauen verlangt, daß sie möglichst viele Kinder zur Welt bringen; aber wie gering sind die Rechte, die den Müttern über ihre Kinder gesetzlich zustehen. Statt den Müttern die Möglichkeit zu geben, möglichst gute Erzieherinnen für ihre Kinder zu werden, wird in allen Schulgesetzen die weibliche Ausbildung gegenüber der männlichen vernachlässigt. Die Frauen, die Mütter haben keinen Einfluß bei der Schulgesetzgebung, die so wenig dazu tut, Mädchen zu guten Müttern zu erziehen. Die Mütter werden aber vom Staat gezwungen, ihre Kinder in Schulen zu schicken, auf deren Lehrplan sie keinerlei Einfluß haben. Auch die Schulpolitik sollte es den Frauen klar machen, daß es ihre Pflicht ist, an den Interessen des Staates teilzunehmen. Ebenso sollten die Frauen diese Pflicht in der Rechtlosigkeit erkennen, die die Gesetzgebung heute der unverheirateten Mutter zuweist. Auch da hört die Schwäche der Frau plötzlich auf, Schwäche zu sein, denn in diesem Falle trifft der größte Teil der Verantwortung die Frau.