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Krise

Die österreichisch-serbische Spannung

Die Lage in Wien ist angespannt, aber ruhig - auch, weil alle sich bemühen, die Krise mit Serbien klein zu halten. Unterdessen bereitet das ungarische Abgeordnetenhaus eine Erklärung zum Attentat von Sarejewo vor.

Wien hat gestern eine sehr schlechte Börse gehabt. Da heißt es, die Aufgeregten beruhigen. Und mit Recht. Denn trotz der Schwierigkeiten und Unklarheiten muss die Stellung Östrerreich-Ungarns in dem Verhältnis zu Serbien so stark erscheinen, dass zu ernsthaften Befürchtungen kein Anlass vorliegt. Die halboffiziöse Presse in Wien und in Budapest hat denn auch das Beruhigungswerk gründlich besorgt. Eine eindringlichere Sprache reden die Tatachen selbst. Das Befinden des Kaisers ist den Umständen nach ausgezeichnet; hat doch Kaiser Franz Joseph gestern sogar in früher Morgenstunde seinen ersten diesjährigen Tagausflug unternehmen können. Der Kriegsminister v. Krobatin geht heute in Urlaub, was, selbst wenn es nur eine Demonstration sein sollte, unter allen Umständen beruhigend wirken muss. Schließlich ist auch der gestrige Tag, gleich dem Sonntag, in Belgrad ohne Zwischenfall verlaufen.

Im übrigen dürften in aller Kürze, vielleicht heute bereits, im ungarischen Abgeordnetenhause authentische Erklärungen über die Bluttat von Sarajewo und ihre Konsequenzen abgegeben werden. Der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza ist gestern in Wien eingetroffen. Das „Fremdenblatt“ bemerkt hierzu, dass ein gemeinsamer Ministerrat nicht in Aussicht genommen war. Graf Tisza wollte Budapester Meldungen zufolge nur Informationen einziehen, da neue Interpellationen im ungarischen Abgeordnetenhause angekündigt sind. Vom Grafen Apponyi ist eine Interpellation über die Vorgänge in Serbien eingebracht worden, eine andre über das Sarajewoer Attentat und seine Beziehungen zum Belgrader Komplott und eine weitere in der Angelegenheit der Sicherung des Lebens und des Eigentums der in Belgrad ansässigen Ungarn.