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Krise mit Serbien

Die Zirkularnote

Die Botschafter Österreich-Ungarns haben sich mit einem erklärenden Schreiben an die Regierungen in Berlin, Paris, London, Rom, Petersburg und Konstantinopel gewandt. So will Österreich Verständnis für das Ultimatum an Serbien wecken.

Wien, 24. Juli
Die österreichisch-ungarischen Botschafter in Berlin, Paris, London, Rom, Petersburg und Konstantinopel sind von der österreichisch-ungarischen Regierung beauftragt worden, den Inhalt der österreichischen Note an die serbische Regierung zur Kenntnis der Regierung zu bringen, bei der sie beglaubigt sind, und folgendes hinzufügen:

„Am 31. März 1909 hat die königlich serbische Regierung an Österreich-Ungarn eine Erklärung gerichtet, deren Wortlaut in der hier mitgeteilten Note wiedergegeben ist. Fast am Tage nach dieser Erklärung hat die Politik Serbiens in Wege eingelenkt, die dazu führten, bei den serbischen Staatsangehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie subversive Ideen zu erwecken und dadurch die Loslösung jener Gebiete von Österreich-Ungarn vorzubereiten, die an Serbien angrenzen. Serbien wurde der Hort einer verbrecherischen Agitation. Es bildeten sich Vereine und Vereinigungen, die – sei es vor aller Welt, sei es nur geheim – dazu bestimmt waren, auf österreichisch-ungarischem Gebiet Unruhen hervorzurufen. Diese Vereine und Vereinigungen zählen zu ihren Mitgliedern Generale und Diplomaten, Staatsbeamte und Richter, mit einem Worte, führende Persönlichkeiten der offiziellen und nichtoffiziellen Welt des Königreichs. Die serbische Presse steht fast vollständig im Dienste dieser gegen Österreich-Ungarn gerichteten Propaganda, und kein Tag vergeht, ohne dass die Organe der serbischen Presse ihre Leser zum Hasse und zur Verachtung der Nachbarmonarchie oder zu Attentaten aufreizen, die mehr oder minder offen gegen die Sicherheit und Integrität der letzteren gerichtet sind. Eine große Anzahl von Agenzien ist damit beschäftigt, die Agitation gegen Österreich-Ungarn mit allen Mitteln zu fördern, und die der an Serbien angrenzenden österreichisch-ungarischen Gebiete zu verführen.

Der Geist der Verschwörung, der die politisierenden Kreise Serbien beherrscht und der seine blutigen Spuren in den Annalen der serbischen Geschichte hinterlassen hat, ist seit der letzten Balkankrise im Wachsen begriffen. Mitglieder von Banden, die bisher in Mazedonien Beschäftigung fanden, haben sich der terroristischen Propaganda gegen Österreich-Ungarn zur Verfügung gestellt, die serbische Regierung hat sich nicht bemüßigt gesehen, gegen die Umtriebe, denen Österreich-Ungarn seit Jahren ausgesetzt ist, in irgendeiner Weise einzuschreiten. Die königlich serbische Regierung hat sohin der feierlichen Erklärung vom 31. März 1909 nicht genüge getan und sich solchergestalt sind Widerspruch gesetzt mit dem Willen Europas und der eingegangenen Verpflichtung. Die Langmut, welche die k. k. Regierung der herausfordernden Haltung Serbien gegenüber Österreich-Ungarn beobachtete, war darauf zurückzuführen, dass sie sich frei von territorialem Eigennutz musste und die Hoffnung nicht aufgab, dass die serbische Regierung die Freundschaft Österreich-Ungarns schließlich richtig bewerten werde. Die k. k. Regierung hatte geglaubt, dass eine wohlwollende Haltung gegenüber dem politischen Interesse Serbiens das Königreich am Ende doch veranlassen werde, eine gleiche Haltung zu beobachten. Österreich-Ungarn erwartetet eine solche Evolution der politischen Idee in Serbien, insbesondere in dem Momente, als nach den Ereignissen des Jahres 1912 die k. und k. Regierung durch ihre desinteressierte, von jedem Übelwollen freie Haltung die so bedeutende Vergrößerung Serbiens möglich machte. Das dem Nachbar seitens Österreich-Ungarns bekundete Wohlwollen hat jedoch die Vorgangsweise des Königreichs nicht geändert, das fortfuhr, auf seinem Territorium eine Propaganda zu dulden, deren traurige Folgen am 28. Juni dieses Jahres der ganzen Welt offenbar wurde, an jenem Tage, da der Thronfolger der Monarchie und seine erlauchte Gemahlin einer in Belgrad entstandenen Verschwörung zum Opfer fielen. Bei dieser Lage der Dinge hat sich die k. und k. Regierung genötigt gesehen, einen neuen und dringenden Schritt in Belgrad zu unternehmen, um solcherart die serbische Regierung dazu zu bringen, einer Bewegung Einhalt zu gebieten, welche die Sicherheit und Integrität Österreich-Ungarns bedroht. Die k. und k. Regierung ist überzeugt, sich, indem sie diesen Schritt unternimmt, im vollen Einklang mit den Gefühlen aller zivilisierten Nationen zu befinden, die es nicht zugeben könnten, dass der Königsmord zur Masse wird, der man sich ungestraft im politischen Kampfe bedienen dürfe, und dass der Friede Europas unausgesetzt durch Umtriebe gestört werde, die von Belgrad ausgehen.“

Zur Unterstützung des Gesagten hält die österreichisch-ungarische Regierung ein Dossier zur Verfügung der fremden Regierungen bereit, das über die serbische Propaganda und deren Zusammenhang mit dem Morde vom 28. Juni Aufklärung gibt.