Franz Josef I. und Thronfolger Karl Franz Josef
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Krise zwischen Österreich und Serbien

Eine Note Österreichs an die Mächte

Österreich-Ungarn hat viel Geduld mit Serbien gehabt, doch die Ermordung des Thronfolgerpaares hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Sollte es zum Krieg kommen, wird die deutsche Regierung hinter Österreich stehen - aber alles tun, um ein Überspringen des Konfliktes auf ganz Europa zu vermeiden.

Die österreichisch-ungarische Regierung hat sich – endlich! Muss man sagen – in ihrem Konflikt mit der serbischen Regierung zu einer kräftigen, aber durch die Umstände bedingten Sprache aufgerafft. Dass sie durch ihre bisherige Taktik des Zauderns und Zögerns viel verloren hat, darüber besteht wohl nirgends ein Zweifel; soviel, dass die serbische Regierung mit dem großen Nachbar wie mit einer nicht ernst zu nehmenden Figur umzuspringen sich erlauben konnte. Darüber musste man sich auch in Österreich-Ungarn nicht erst seit gestern, auch nicht erst seit dem verabscheuungswürdigen Attentat vom 28. Juni klar sein. Die Note selbst weist darauf hin, dass schon am 31. März 1909 Serbien nach langen und peinlichen Verhandlungen sich zu der formellen Verpflichtung bekannt hatte, künftig mit Österreich-Ungarn auf dem Fuße freundnachbarlicher Beziehungen zu leben, eine Versicherung, die natürlich genauso auf dem geduldigen Papier stehen blieb, wie alles, was von Serbien dem österreichischen Nachbar an freundschaftlichem Entgegenkommen verheißen worden ist. Aber es ist erklärlich, dass die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Gattin, deren Ursprünge offenkundig in Belgrad gesucht werden mussten, das Gefäß der österreichischen Geduld zum Überlaufen brachte.

Die österreichische Regierung hat sich auch in dieser Situation nicht von einer augenblicklichen Aufwallung hinreißen lassen. Sie hat zunächst einmal alles gesammelt, was geeignet ist, die großserbische Agitation auf österreichischem Gebiet zu kennzeichnen. Nun aber, wo alle Fäden bloßgelegt waren, schien ihr die Zeit gekommen, Klarheit zwischen beiden Ländern zu schaffen und zugleich Klarheit vor Europa über die wirkliche Lage der Dinge zu verbreiten. Insofern ist die Darstellung der österreichischen Note zwingend. Niemand, der ohne Vorurteile an die Prüfung der Tatsachen herangeht, wird auch nur einen Augenblick bestreiten können, dass Österreich-Ungarn zu seinen Beschwerden vollauf berechtigt und ebenso, dass es seiner Würde, seiner ganzen Existenz ein solches Hervortreten schuldig war.

Man wird auch die Forderungen, die von der österreichischen Regierung an die Feststellungen über die großserbische Agitation geknüpft werden, für durchaus begründet halten müssen. Ist sie einmal entschlossen, in das serbische Wespennest zu greifen, so musste es mit fester Hand geschehen. Es musste, vorläufig auf friedlichem Wege, versucht werden, die Störungen, die von serbischer Seite gegen Österreich-Ungarn ausgingen, ein für alle Mal unmöglich zu machen. Das Ziel konnte nur ein Ende sein so oder so. Ob die österreichischen Forderungen, wenn sie von Serbien in iherer Gesamtheit angenommen, und noch mehr, wenn sie selbst loyal durchgeführt werden sollten, zu einer dauernden Entspannung zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führen würden, darüber wird man verschieden urteilen können. Doch hat darüber letzten Endes die österreichische Regierung selbst zu befinden. Soviel ist gewiss, dass Serbien zunächst einmal seinen guten Willen offenbaren und der österreichischen Regierung gegenüber unbedingte Nachgiebigkeit zeigen muss.

Geschieht das, was uns freilich nicht sehr wahrscheinlich dünkt, dann ist wenigstens ein unmittelbarer Konflikt beseitigt; es wird dann darauf ankommen, dass die österreichische Regierung die Durchführung der serbischen Zugeständnisse überwacht und im gegebenen Falle zu ihrer Verwirklichung tatkräftig mitwirkt. Man kann auch nicht bestimmt genug erklären, dass in diesem Fall die der österreichischen Regierung gewährten Genugtuung ausreichen würde, um die Ruhe an der serbischen Grenze zu sichern. Denn es ist nicht im Mindesten daran zu denken, dass Österreich mit seiner Note irgendwelche weitgehenden Ansprüche verbindet. Nicht auf eine Vernichtung, auch nicht auf eine territoriale Verkleinerung Serbiens ist es bei dem jetzigen Schritt abgesehen, sondern einzig und allein auf die Herbeiführung ruhiger und geordneter Zustände in den serbischen Gebieten Österreichs, die jetzt durch die großserbische Agitation beständig in Verwirrung und Verhetzung gehalten werden.

Es wäre leichtsinnig nicht auch die andere Möglichkeit ins Auge fassen zu wollen, selbst wenn sie nicht mit Notwendigkeit eintreten muss. Sollte die serbische Regierung die österreichischen Bedingungen ablehnen, sei es, weil sie ein loyales Verhalten zur österreichisch-ungarischen Monarchie nicht herbeiführen will, sei es, weil sie dazu nicht imstande ist, so ließe sich allerdings eine Erzwingung der österreichischen Forderungen kaum vermeiden. Die österreichische Regierung hat sich, wie nicht verkannt werden darf, zu weit engagiert, als dass sie wieder, wie schon so manches Mal, umkehren oder auf halbem Wege stehen bleiben könnte. In diesem Falle muss sich eben zeigen, wer der Stärkere von beiden Teilen ist; ob die Doppelmonarchie wirklich so schwach ist, um sich von ihrem slawischen Nachbar auf der Nase herumtanzen zu lassen, oder im andern Falle, ob nicht die großserbischen Worte Serbiens durch die praktische Probe eine grausame Kritik erfahren. Was dann geschieht, darüber sich schon jetzt den Kopf zerbrechen zu wollen, das wäre verfrüht. Vorläufig muss die Frage entschieden werden, auf welcher Seite nicht bloß das internationale Recht – darüber besteht ohnehin kein Zweifel –, sondern auch die Kraft ist. Und wir glauben denn doch, dass Österreich-Ungarn noch immer mit einem Gegner wie Serbien fertig werden würde.

Etwas anderes ist ein serbisch-österreichischer Konflikt, etwas anderes eine europäische Auseinandersetzung. Wir halten dafür, dass eine Auseinandersetzung der serbisch-österreichischen Differenzen, ein Überspringen des Funkens auf die übrigen europäischen Mächte sehr wohl vermieden werden kann. Die deutsche Regierung hat schon seit der akuten Zuspitzung des Konfliktes keinen Zweifel daran gelassen, dass sie durchaus hinter ihrem österreichischen Verbündeten steht, dass sie aber alles tun wird, was in ihren Kräften steht, um den Konflikt zu lokalisieren. So lange der Streit nur zwischen Serbien und Österreich geht, wird das Deutsche Reich aus seiner Zurückhaltung nicht um einen Schritt herausgehen. Und man darf annehmen, dass Italien sich nicht anders verhalten wird. aber diese Reserve könnte natürlich nur so lange beobachtet werden, als auch die Mächte des Dreiverbandes sich der gleichen Zurückhaltung befleißigen. Sollte sich die Erwartung bestätigen, dass auch die Tripleentente sich mit der Rolle eines Beobachters begnügt, dann wird sich die österreichisch-serbische Auseinandersetzung in verhältnismäßig engen Grenzen abspielen können. Man darf auch annehmen, dass die Dreierverbandmächte nicht gerade das Bedürfnis haben werden, sich zu Schützern antdynastischer Unruhestifter aufzuwerfen. Es ist deshalb auch zu hoffen, dass diese schwierige Probe auf die Ruhe Europas vorübergehen wird, ohne dass die Großmächte direkt in den Kampf hineingezogen werden. auf deutscher Seite wird jedenfalls alles getan werden, um ein weiteres Umsichgreifen des lokalen Brandes zu verhüten. Würde freilich von der anderen Seite der Versuch gemacht die serbische Regierung zu stürzen und die österreichischen Forderungen zu vereiteln, würde weiter versucht werden, der österreichischen Regierung in den Arm zu fallen, dann wird man sich auch bei den Mächten der Tripleentente darüber nicht im unklaren sein, dass in diesem Fall der Bündnisfall für das Deutsche Reich eintreten würde. Und dann würde das Deutsche Reich seine volle Macht zugunsten der österreichischen Ansprüche in die Waagschale werfen. Doch wir glauben, die Dinge nicht allzu optimistisch zu beurteilen, wenn wir vorläufig an eine solche Möglichkeit noch nicht glauben. Jedenfalls liegt kein Grund vor, eine friedliche Lösung oder zu mindesten eine lokale Auseinandersetzung für ausgeschlossen zu halten. Und gerade weil die Mittel der Diplomatie noch nicht erschöpft sind, weil auch der Friedenswille der Großmächte als ein sehr starker Faktor berücksichtigt werden muss, wäre es unangebracht, die Gefahr der Lage zu übertreiben, so selbstverständlich es immer sein mag, dass wir den Dingen, die kommen können, aufmerksam mit festem Entschluss entgegensehnen müssen.