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Günstige Milch und Kinderkrippen wünschenswert

Säuglingsfürsorge

Ausgerechnet in der Reichshauptstadt Berlin lässt die Fürsorge für Kleinkinder und ihre Mütter zu wünschen übrig. Dabei zeigen Beispiele aus anderen Städten, wie sich die Säuglingssterblichkeit senken lässt.

Mit dem Einsetzen der Hitzeperiode beginnt in jedem Jahre für viele Frauen eine Zeit der Sorge und Angst. Wenn in den Familien mit einigermaßen auskömmlichen Lebensbedingungen sich alles auf die Sommermonate freut, auf das Wandern in der Natur, auf das Leben im Freien, und sei es auch nur ind en Laubengärten, denken die jungen Mütter der schlechterstgestellten Schichten mit Grauen an die Gefahren, die der Sommer für ihre Kleinen im Gefolge hat. Jahr für Jahr erleben sie es, wie in den Häusern, die sie bewohnen, die Säuglinge in den heißen Monaten von Darmkrankheiten befallen und oft genug unter qualvollen Leiden dahingerafft werden. Auf diese Weise gehen in Deutschland jährlich etwa 200 000 Kinder zugrunde, die ihren Eltern und der Allgemeinheit erhalten werden könnten, wenn sich die Säuglingssterblichkeit auf das praktsisch erreichbare Minimum von 7 Prozent herabdrücken ließe, 200 000 Kinder im ersten Lebensjahr werden geopfert, weil ihre Eltern zu arm sind, um ihnen das zu geben, dessen sie bedürfen um den Einflüssen der Hitze widerstehen zu können: die Muttermilch, Luft und Reinlichkeit.

Daß die hohe Säuglingssterblichkeit in engem Zusammenhang mit der sozialen Lage der von ihr betroffenen Schichten steht, wird heute kaum noch von irgend einer Seite bestritten. Gewiß trägt in einzelnen Fällen auch die Unwissenheit und Nachlässigkeit der Mütter die Schuld, aber im großen und ganzen ist doch die wirtschaftliche Not der unteren Klassen dafür verantwortlich zu machen, daß so viele Kinder alljährlich dem Tode anheimfallen. Will man den Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit aufnehmen, so ist die erste Vorbedingung, die Mütter zum Selbststillen ihrer Kinder zu veranlassen. Dazu ist in der Theorie jede, auch die ärmste Frau, in der Lage. Die Armut übt auf die Stillfähigkeit keinen nennenswerten Einfluß aus. Die Frage ist nur, wie in der Praxis die Mutter ihr Kind selbst nähren soll, wenn sie darauf angewiesen ist, so schnell als möglich Geld zu verdienen. Reichte der Lohn des Mannes schon vorher nicht zum Unterhalt der Familie, wieviel weniger dann, wenn sie wieder um ein Glied vergrößert ist und durch die notwendige Schonung der schwangeren Frau sowie durch die Geburt und die mit ihr verbundenen Anschaffungen die Ersparnisse aufgebraucht wurden oder gar ein Defizit im Haushaltsbudget entstand. Die Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit kurz nach der Geburt ist für die Frauen schlecht entlohnter Arbeiter eine Notwendigkeit, der sie sich nicht entziehen können, wenn ihnen nicht aus öffentlichen Mitteln zum mindesten ein Teil des Lohnausfalles ersetzt wird.

In einigen amerikanischen Staaten ist man dazu übergegangen, durch das Gesetz sogenannte Mutterpensionen einzuführen, das heißt, alleinstehenden Frauen (Witwen, Eheverlassenen und Frauen, deren Männer Gefängnisstrafen verbüßen) regelmäßig bis zur Erwerbsfähigkeit der Kinder gewisse Summen auszuzahlen, die sich mit steigender Kinderzahl erhöhen. Vorbedingung ist dabei, daß die Mutter keinem außerhäuslichen Erwerb nachgeht und sich um Erziehung und Aufzucht der Kinder bekümmert. Diese Unterstützung kommt den dauernd oder zeitweise alleinstehenden Frauen zugute und es wäre zu wünschen, daß auch in Deutschland ähnliche Gesetze geschaffen würden. Aber so wertvoll diese Hilfe auch wäre, so genügte sie doch bei weitem nicht, denn alle die gehen leer aus, deren Männer zwar erwerbstätig sind, deren Einkommen aber nicht ausreicht, um den Unterhalt der Familie ganz zu bestreiten.

Hier hat in manchen Orten die kommunale Fürsorgetätigkeit eingesetzt, und was sie zu leisten vermag, davon geben die Magdeburger und Breslauer Berichte ein anschauliches Bild. In Breslau war es möglich, die Säuglingssterblichkeit von 22,7 Proz. auf 15,4 Proz. herabzudrücken. (In Berlin beträgt sie in den Arbeitervierteln 42 Proz.) In Breslau wie in Magdeburg werden Stillprämien von 1,5 – 2 M. pro Woche an selbststillende Mütter gewährt, außerdem liefert Breslau für 12 Pf. pro Tag eine nach ärztlichen Angaben bereitete Säuglingsnahrung für die Kinder, die neben der Muttermilch noch ander Nahrung brauchen, oder die nicht von ihren Müttern gestillt werden können; und in Magdeburg erhalten Mütter oder Pflegemütter von Kindern, denen aus triftigen Gründen die natürliche Nahrung nicht gegeben werden kann, einen Ausweis, der sie berechtigt, besondere Kindermilch zum Marktpreise gewöhnlicher Mildch zu beziehen. Die Mehrkosten trägt sowohl in Breslau wie in Magdeburg die Stadt. In Breslau erstreckt sich die Fürsorge auf Familien mit weniger als 2000 M. Einkommen.

In Berlin dagegen werden Familien mit einem wöchentlichen Einkommen von 30 – 35 M., das sind 1560-1820 M. im Jahre, wie Genossin Wehl in ihrer Broschüre „Die Frau und die Gemeindepolitik“ berichtet, meist zurückgewiesen, wenn sie sich an die Säuglingsfürsorgestellen um Unterstützung wenden. Die Stillprämien sind in Berlin ebenfalls zu niedrig, sie betragen 1-1,76 M. wöchentlich, nur in den seltensten Fällen 3 M. So müssen die außerhäuslich erwerbstätigen Frauen darauf verzichten, bei ihren Kindern zu bleiben und die Säuglinge erhalten infolgedessen statt der Muttermilch im besten Falle die Flasche, weit öfter aber wohl irgendwelchen untauglichen Ersatz. Berlin bleibt also hinter anderen Städten in bezug auf die Säuglingsfürsorge erheblich zurück, während doch die Reichshauptstadt auf dem Gebiete der Fürsorgebestrebungen an der Spitze stehen sollte.

Mit der sorgfältigen Beobachtung der Ernährung allein ist aber noch nicht alles geschehen, um die Gefahren von den Kindern abzuwenden, wenn auch die Brustkinder den Einflüssen der Hitze besser widerstehen als Flaschenkinder. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Kinder in luftigen, sauberen Räumen untergebracht sind, und hier beginnt erst die eigentliche Schwierigkeit. Wie will man es fertigbringen, daß den dumpfen Wohnungen, die man richtiger mit dem Namen „Spelunken“ bezeichnete, frische Luft zugeführt wird? Selbst wenn die Fenster geöffnet werden und Gegenzug hergestellt wird, was in den meisten Fällen in den Hofwohnungen nicht einmal möglich ist, bringt in die Wohnungen statt reiner Luft ein mit üblen Gerüchen erfüllter heißer Dunst, kaum daß einmal am Abend eine Abkühlung eintritt.

Aber es bleibt noch eine Möglichkeit, den Kindern erwerbstätiger Mütter Aufsicht und entsprechende Pflege zu gewähren. Die Stadt müßte in den Arbeitervierteln eine große Anzahl von hygienisch einwandfreien Kinderkrippen bereitstellen, in denen die Säuglinge bis zum Abend blieben und verpflegt würden. Diese Krippen müßten von Fabrikanfang geöffnet werden und allen Familien offenstehen, die nicht über geeignete Wohnungen verfügen und in denen die Mütter miterwerben müssen. Die Stadt hätte dafür erhebliche Mittel bereitzustellen, so daß wirklich alle Unbemittelten die Einrichtung benutzen könnten.

Wenn auch selbstverständlich die Versorgung der Kinder mit guter Flaschenmilch in solchen Krippen die mütterliche Nahrung nicht ersetzen kann, so ist doch die Wartung durch geschulte Kräfte und die Unterbringung in gut ventilierten Räumen sicher geeignet, die Serblichkeitsziffer herabzudrücken. Daß die Aufklärungsarbeit unter den Frauen der unbemittelten Schichten nebenher fortgesetzt werden muß, bedarf keiner besonderen Betonung. Selbst da, wo es nur unter Opfern möglich ist, daß die Mutter einige Monate hindurch sich der Pflege des Kindes widmet, sollte es geschehen in dem Bewußtsein, daß diese Pflichterfüllung tausendfältige Früchte tragen wird. Leider muß aber unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen damit gerechnet werden, daß in immer steigender Zahl verheiratete Frauen einen Beruf ausüben und gleich nach der Geburt der Kinder wieder die Erwerbsarbeit aufnehmen müssen. Für diese Mütter müssen Staat und Kommune eintreten und versuchen, durch eine großzügige Fürsorge die Gefahren einzudämmen, die den Säuglingen von der Sommerhitze drohen.