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Wider der uniformierten Bureaukratie

Abrüstung

Ist es Hochverrat, oder Patriotismus, wenn man für die Abrüstung plädiert? Wollen wir eine Volksbewaffnung nach Schweizer Modell oder bleiben wir bei der mobilisierten Armee?

Mit tiefer innerer Genugtuung erfüllt es unsere Rüstungspresse erfüllt es die ganze Welt, die sich in Deutschland das Monopol des „Patriotismus“ aus höchsteigener Machtvollkommenheit beigelegt hat, daß sich in Frankreich eine Mehrheit für das Dreijahrgesetz wieder gefunden hat.
Wie in Deutschland sind es nur die Sozialisten, die entschiedene und grundsätzliche Gegner der Rüstungswut geblieben sind; wie in Deutschland die sogenannten Fortschrittler, so bleiben in Frankreich die Radikalen darin stecken, dem Gedanken der Erleichterung der Rüstungen eine höfliche Verbeugung zu machen, während sie praktisch keine Verwirklichung mit einigen banalen Redewendungen auf den Nimmermehrstag verschieben. Mit wohlwollender Herablassung versichern in holdester Übereinstimmung agrarische wie liberale deutsche Organe durch den Mund sogenannter Sachverständiger, daß man in Frankreich die Bedeutung überschätze, die wir der Abschaffung oder Fortdauer des Dreijahresgesetzes beilegen. Das würde in richtiges Deutsch oder richtiges Französisch übersetzt lauten: „auch wenn ihr abrüstet, wir rüsten weiter“. Darf man sich wundern, daß derartige Gedankengänge die europäische Welt mit Unruhe erfüllen und Deutschland im Lichte des Friedensstörers erscheinen lassen? Es ist ungefähr der gleiche Standpunkt, den unsere Flottenenthusiasten England gegenüber unentwegt eingenommen haben: „Wir bauen weiter, solange es uns Spaß macht und unsere Mittel reichen, und wenn‘s Euch nicht gefällt, dann justament gerade!“

Ich will nicht leugnen, daß neben dem materiellen Interesse der Waffen- und Schiffsindustrie, das allerdings sehr in die Wagschale fällt, bei vielen Deutschen ein starker, aber falsch verstandener Patriotismus die treibende Kraft ihrer Rüstungsbegeisterung ist. Bei den meisten jungen Leuten der gebildeten Stände wirkt in dem Untergrunde ihres Bewußtseins der alte Traum germanischer Weltherrschaft instinktiv mit; sie verwechseln die politische Macht des Staates, verwechseln dessen ausgreifendes Eroberungs- und Herrschaftspolitik mit der Wohlfahrt, dem Glück, dem Gedeihen des Volkes. Und insofern glauben sie wenigstens patriotisch zu sein, während sie in Wahrheit unreif sind und einen erschreckenden Mangel geschichtlicher Einsicht zeigen. Bei der Menge der Flotten- und Wehrvereinler ist es einfach Modesache, sie schwimmen mit dem Strom mit, um gute Kinder zu bleiben und sich mit den Mächtigen nicht anzulegen. Diese selbst aber bedürfen der Rüstungen, bedürfen der Furcht vor dem Kriege um ihrer eigenen Machtstellung willen.

Die Rüstungen sind gewiß nicht allein von Deutschland ausgegangen; jahrelang hat Frankreich nach dem unglücklichen Ausgange des Krieges von 1870/71 die Revanche gepflegt und für die Revanche sich vorbereitet. Aber dann wuchs eine neue Generation heran, dann kam eine friedliche Tendenz auf; es kam der Streit mit England um Faschoda, und es kam im Jahre 1905 das Zweijahrgesetz, durch das Frankreich endgültig dem militärischen Wettlauf mit Deutschland zu entsagen schien. Alle chauvinistischen Federn der deutschen Presse waren damals in eifrigster Arbeit, diese zweifellos friedliche Strömung in Frankreich mit dreister Stirn abzuleugnen; unsere westlichen Nachbarn wurden nach wie vor als unser Erbfeind hingestellt, mit dem eine Versöhnung unmöglich sei, weil man sie eben jenseits der Grenze nicht wolle. Man hatte auch bald einen neuen Zankapfel gefunden: Marokko! und zugleich das steigende Zerwürfnis mit England! Niemals ist die deutsche Politik so ungeschickt so herausfordernd, so von wechselnden Launen abhängig und unentschlossen gewesen. In den Jahren von 1905 und 1913 haben wir den Rest unseres Ansehens in der Welt verloren. Hinfort glaubte unsere gedankenlose Diplomatie es nur durch immer gewaltigere Rüstungen mühsam erhalten zu können.

Torheit, daß der Balkankrieg sie nötig gemacht hätte; nein, die Unfähigkeit unserer Leitung hat Deutschland die neuen gewaltigen Opfer auferlegt; sie hat auch die wachsende Deutschlfeindlichkeit in Rußland zum großen Teile mitverschuldet. Von hier, nicht mehr von Frankreich, droht – wenn überhaupt – der Fortdauer des Friedens die ernsteste Gefahr!
Aber die Franzosen glaubten sich durch unsere Wehrvorlage unmittelbar bedroht, und die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit war die unmittelbare Folge. Eine Antwort beinahe der Verzweiflung; denn die Kriegsstärke des französischen Heeres wird dadurch nicht um einen einzigen Mann erhöht, nur die Kriegsbereitschaft vermehrt. Aber welche ungeheuren Lasten hat das Volk damit auf sich genommen, finanziell wie wirtschaftlich, und mit welch unzureichendem Erfolge!

Jaurès hat sich das Verdienst erworben, in seiner „Humanité“ die außerordentlichen Lücken nachzuweisen, die Tod, Krankheit, Urlaub fortwährend in den Reihen des französischen Heeres reißen. Während seine Totalstärke im April dieses Jahres 725 836 Mann betragen sollte, waren tatsächlich nur 572 881 unter den Fahnen; es fehlten also nicht weniger als 152 955 Mann. Beiläufig gesagt beträgt die Durchschnittsstärke des deutschen Heeres 764 893 Mann, sie ist also um
192 012 Mann
größer als die tatsächliche Stärke des französischen Heeres im April 1914.
Und während nach Einführung des Dreijahrgesetzes dessen Totalstärke gegenüber dem April 1913 um volle 192 425 Mann sich hätte vermehren sollen, beträgt der tatsächliche Zuwachs nur 96 805 Mann; der Abgang hat sich also gegenüber dem Zweijahrgesetz um 95 620 Köpfe vergrößert.
Vielleicht hat Jaurès doch nicht ganz unrecht, wenn er meint, daß das Volksheer, das er zu schaffen wünscht, nicht nur billiger sei und geringere wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen, sondern zugleich einen höheren Nutzertrag bringen würde.

Aber auch für uns ergeben sich lehrreiche Betrachtungen. Zunächst ist es ja gar nicht wahr, daß der Beibehalt des dreijährigen Dienstes unseren Alldeutschen so gleichgültig ist. Seine großen Schäden verschweigen sie – natürlich nur aus freundnachbarlicher Rücksicht für die französischen Kameraden; so lange es aber besteht, gewährt es ihnen den glänzendsten Agitationsstoff für weitere Heeresvermehrungen in Deutschland. Man braucht ja nur die grotesk-phantastischen Zahlen mit denen Herr Reim seine gläubigen Zuhörer füttert, der nüchternen und grauen Wirklichkeit gegenüberzustellen, wie sie die obige Zusammenstellung der französischen „Humanité“ nachweist. Hätten jetzt die Franzosen eine Abschaffung des Dreijahrgesetzes in nahe Aussicht gestellt: nichts wäre unseren Rüstungsfanatikern unangenehmer gewesen.

Immerhin: in Frankreich hat man doch wenigstens die Möglichkeit zugegeben, unter gewissen Bedingungen zu einer Erleichterung der Dienstpflicht schreiten zu können. Bei uns leugnet man sie schlankweg und mit jenem Tone hoffärtigen Besserwissens, der eines der übelsten Kennzeichen unserer Bureaukratie ist. Unsere ganze sogenannte Jugendausbildung ist nichts anderes eine patriotische Spielerei zu alldeutschen Zwecken; einen praktischen Wert hat sie nicht. Und doch steht für uns noch mehr als für Frankreich die Sache so, daß wir ein Gleichgewicht oder gar ein Übergewicht unserer militärischen Kräfte nicht mehr durch die mobilisierte Friedensarmee, wie stark sie auch sei, sondern nur durch eine solide Organisation unserer zahllosen Reserven, d.h. durch eine Annäherung an das verpönte Milizsystem gewinnen können. Aber unsere uniformierte Bureaukratie ist vielleicht noch gedankenärmer als die nichtuniformierte. Und doch liegt die Aufgabe der Zukunft in der Verkürzung der Dienstzeit, in der militärischen Jugendausbildung und in der streng territorialen Gliederung des Heeres. Jeder Bezirk ein Regiment! Das ergibt nämlich zu gleicher Zeit die schnellste und glatteste Kriegsbereitschaft, eine viel bessere als unser gegenwärtiges System. Freilich müßte man dann auch die Waffen dem Manne in die Hand geben – wie in der Schweiz!

Doch ich will aufhören: vielleicht erblickt man in dieser Anregung bereits die Aufforderung zum Hochverrat! Bei uns und in Rußland ist alles möglich. In Wirklichkeit aber glaube ich, daß solche wahrhafte Volksbewaffnung nur der erste Schritt zur allgemeinen Abrüstung sein wird und sein soll. Je mehr die Völker Herren ihrer Geschicke werden, desto seltener wird die Notwendigkeit eines Krieges an sie herantreten.