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Arbeitskampf in der Tuchindustrie

Der Beginn des Kampfes in der Lausitz

Wegen der Aussperrung der Arbeitnehmer in den Tuchfabriken der Lausitz sind die Fronten im Arbeitskampf verhärtet. Dabei zeigt ein Vergleich, wie gering die Löhne der Tucharbeiter tatsächlich sind. Den Fabrikbesitzern geht es nur um Gewinnmaximierung.

Da zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Lausitzer Tuchindustrie eine Verständigung über die bestehenden Streitfragen nicht erzielt werden konnte, trat die Aussperrung von etwa 30 000 Arbeitern in 350 Betrieben der Niederlausitz gestern Abend in Kraft. Nicht ausgesperrt sollen werden die Musterweber, Kutscher, Wächter, Heizer, Meister, Untermeister und Meisterinnen.

Die Unternehmer wollen sich also die Leute im Beitriebe erhalten, mit deren Hilfe sie ihre Fabriken betriebsfähig durch die Zeit der Aussperrung zu bringen hoffen. Es fragt sich, wie die Gewerkschaften sich zu dieser Taktik stellen, namentlich, ob sie die Musterweber nicht aus den Betrieben herausziehen. Es beginnt jetzt die Musterzeit für die Sommerstoffe. Können die Fabrikanten die Muster für diese nicht herausbringen, so geht ihnen mindestens das Geschäft einer Saison verloren. Die Arbeiter dürften kaum geneigt sein, mit einem so rücksichtslosen Gegner Mitleid zu üben. Die Musterweber sind aber natürlich hochqualifizierte Arbeiter. Verlassen diese die Betriebe, so dürften die Fabrikanten in eine unerwartete Verlegenheit geraten. Durch Arbeitswillige lässt sich die Tätigkeit der Musterweber kaum ausführen. Wie die Maschinisten und Heizer, die Transportarbeiter usw. sich zu der Aussperrung der Textilarbeiter stellen, bleibt abzuwarten. Man darf wohl annehmen, dass die gesamte in Betracht kommende Arbeiterschaft nach einem einheitlichen Plan handelt und ihr eventuelles Eintreten in den Kampf erfolgt wie bei einem wohlorganisierten Räderwerk.
Soweit Nachrichten bisher vorliegen, sind in Kottbus in 50 Fabriken ungefähr 5000 bis 6000 Leute ausgesperrt. In Forst beläuft sich die Zahl der Ausgesperrten in 120 Fabriken auf die Städte Spremberg, Guben, Luckenwalde, Sommerfeld und Finsterwalde.

Ehe die Organisationen der Arbeiterschaft überhaupt zum Gegenschlage ausholen, werden sie natürlich abwarten, welchen Umfang die Aussperrung überhaupt annimmt. Die Taktik der Arbeiter wird völlig davon diktiert, wieweit der Vorstoß der Unternehmer gelungen ist.

Die Aussperrung ist um so frivoler, als die Löhne im Bezirk selbst die sonst im Textilgewerbe üblichen teilweise nicht erreichen. Trotzdem lassen die Herren von Geldsacks Gnaden erklären, die Löhne seien „angemessen“. Das sind sie nach herkömmlicher Logik auch dann, wenn sie nicht zum trockenen Brote reichen. In der Textilindustrie sind die Löhne nicht nur schauderhaft niedrig, im Vergleich mit den übrigen Gewerben sinkt ihr Niveau noch immer mehr. Nimmt man an, dass im allgemeinen die Lohnsteigerungen in den letzten Jahren die Verteuerung der Lebenshaltung ausgeglichen haben, dann kann das für die Textilarbeiter sicher nicht gelten. Die nachfolgenden Angaben beweisen das ganz zweifelsfrei. Wir stellen die Wochenlöhne aller gewerblichen Arbeiter nach den Angaben der Berufsgenossenschaften über „Zollarbeiter“ und „tatsächlich gezahlte Löhne“ mit den der Textilarbeiter nach denselben Quellen in Vergleich. Er sieht so aus:

Berufsgenossen- Zollarbeiter Wochenl. M. Wöchentl. Lohnzulage M.
schaften 1904 / 1912 1904 / 1912

alle gewerblichen zus. 6 808 486 / 9011 570 17,66 / 22,22 5,22
Nördliche Textil 127 401 / 137 023 13,58 / 17,30 3,72
Südliche Textil 101 211 / 122 178 14,- / 16,82 2,82
Schlesische Textil 60 989 / 58 820 9,12 / 13,- 3,88
Elsass-Lothr. Textil 66 836 / 71 649 11,53 / 15,25 3,62
Rh.-Westfäl. Textil 135 043 / 157 388 15,34 / 18,30 2,96
Sächsische Textil 201 585 / 273 240 14,- / 16,09 2,09
Seiden 66 733 / 76 893 15,19 / 18,55 3,36

Schon 1904 blieben die Löhne der Textilarbeiter unter dem des Durchschnitts für die sämtlichen gewerblichen Arbeiter. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dss hierin eingeschlossen sind die reinen Saisonarbeiter, deren Löhne niedrig sind, weil sie nur einen Teil des Jahres arbeiten können. Seit 1904 hat sich der Abstand zwischen den Löhnen der Textilarbeiter und dem Gesamtdurchschnittslohn weiter zuungunsten der ersteren verschlechtert. Trotzdem die Profitmacher erklären: Der Lohn ist angemessen! Aus den angegebenen Zahlen der Zollarbieter ist ersichtlich, dass die Textilindustrie sich in dem dargestellten Zeitraum ganz gut entwickelt hat. Einen Rückgang weist nur der Bezirk mit dem niedrigsten Löhnen auf: Schlesien! Da hat man einen Beweis dafür, dass nicht niedrige Löhne eine Industrie konkurrenzfähig machen.

Dass die Textilindustrie auch noch ganz annehmbare Dividenden herausbringt, das kann man aus der folgenden Übersicht ersehen. Es betrug die Dividende in Prozent bei den nebenstehenden Gesellschaften:

vorletzte letzte
Aachener Spinnerei 5 7
Berliner Jute-Spinnerei 0 6
Bremer Wollkämmerei 20 20
Deutsche Jute-Spinnerei 20 25
Düsseldorfer Kammgarn 8 8
Fein-Jute-Spinnerei 10 15
Mech. Weberei Sorau 6 0
Mech. Weberei Linden 30 20
Mech. Weberei Zittau 10 8
Merkur-Wollwaren 20 20
Norddeutsche Wollkämmerei 10 10
Pfersee, Spinnerei 10 10
Ravensberg, Spinnerei 0 5
Rheinische Möbelstoffweberei 9 9
Schedewitz, Kammgarnwerke 15 10
Tüllfabrik Flöha 14 16

Die Dividenden halten die Unternehmer wohl nicht für angemessen, sie sollen durch niedrige Löhne reichlicher fließen. Darum sperren sie aus. Ob wohl ein Staatsanwalt auf den Gedanken komt, durch den Beschluss einer Massenaussperrung und der Anreizung dazu werde aufgefordert, die Gesetze und die Staatsordnung zu übertreten? Wenn nicht, wo bleibt denn die Logik, wenn dieselben Stützen der Rechts- und Staatsordnung in die Erörterung der Massenstreikfrage solche Vergehen erblicken? Die Logik liegt im Klassenrecht!