Französische Soldaten in Wahl
Quelle: europeana1914-1918.eu: Collection Thillenvogtei, CC-BY-SA

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Wehretat

Der französische Militarismus

Der Militarismus verhindert die von der Bevölkerung gewünschte Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Dabei verbreiten vor allem französische Politiker die Angst, Frankreich sei nahezu wehrlos. Die deutsche Reaktion auf die französische Aufrüstung folgt prompt.

„Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen“, so wenn sie die, neuesten Erörterungen im französischen Senate lesen und die peinlichen Überraschungen sich ausmalen, die dem französischen Volke dadurch just zu seinem Nationalfeste bereitet wurden.

Wenn wir anderen ruhig und besonnen und ein wenig skeptisch dazu Stellung nehmen sollen, so werden wir nicht vergessen dürfen, dass der Senator Humbert, eifriger Mitarbeiter der chauvinistischen „La France Militaire“, zu den überzeugendsten Militaristen und Rüstungstreibern der französischen Volksvertretung gehört. Der neue Kriegsminister hingegen, Herr Messimy, gilt nur als lauer Freund der dreijährigen Dienstzeit und ist einer gewissen Hinneigung zu milizartigen Ideen verdächtig. Nicht gerade nach den Anschauungen von Jaures; doch wollte er früher zahlreiche, aber schwache Friedensstämme zu gewaltigen Kriegsmassen erweitern. Da galt es also, Feuer dahinter zu setzen und das Land mit der Drohung zu erschrecken, dass es nahezu verteidigungslos sei.

Die großen finanziellen Opfer, die das französische Volk im laufenden Jahre nach dem Vorgange Deutschlands nur mit Mühe und erheblichem Kopfzerbrechen bringen konnte, ermutigten an sich nicht gerade zu neuen Forderungen. Wer fühlt denn nicht, dass Frankreich wie Deutschland dicht an die äußerste Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind? Bei uns hat das Ergebnis des Wehrbeitrages enttäuscht, schon schwitzen die Finanzminister über einer neuen Finanzreform. Frankreich aber hat schließlich nach vielen vergeblichen Anläufen den ausgetretenen Pfad einer inneren Anleihe von neuem beschreiten müssen, und noch fehlen ihm 600 Millionen. Bei uns in Deutschland brauchen nun ja die Regierenden ihren Kopf nicht allzu sehr anzustrengen (woher nehmen, ohne zu stehlen?); man bedroht einfach das Parlament, man werde es im Falle der Widerspenstigkeit fortjagen – und die Sache erledigt sich wunderschön und glatt. In Frankreich geht es so einfach nicht. Man muss schon zu stärkeren Mitteln greifen, um das Volk zu überzeugen, dass es dem unersättlichen Militarismus noch immer nicht genug geopfert habe. Da stellte sich die Rede des Herrn Charles Humbert im Senat so ganz zur rechten Zeit ein; just im Augenblick, wo Herr Poincaré Väterchen Zar seine Antrittsvisite machen soll; fast, als hätte man diese Bombe in Petersburg selber fabriziert. „Müssen wir Russen auf Euer Verlangen mit unserer Schlamperei brechen und ausnahmsweise mit Ernst und Gewissenhaftigkeit arbeiten, nicht mehr ausschließlich in die Tasche der Beamten, dann sollt Ihr reichen Franzosen doppelt daran glauben“: so scheint man dort zu denken. Denn dass in Russland zwar gewaltige Summen von der Duma für Heer und für Flotte bewilligt wurden, dass man aber trotzdem noch nicht „bereit“ ist und auf lange Zeit hinaus nicht bereit sein wird, darüber ist man sich an der Newa ganz klar. Die Franzosen also sollen eintretendenfalls die Kastanien aus dem Feuer holen und nicht nur den ersten Ansturm der Deutschen abwehren, sondern selbst in eiligem Angriffe dem Rhein zustreben. Dazu bedarf man dann freilich reichlichen Belagerungsgeschützes und auskömmlichen Brückenmaterials.

Nicht, dass Herr Humbert alle seine Anklagen aus den Fingern gesogen hätte. Nein, auch diese leidenschaftliche Kammerdebatte beweise das, was ich im Verein mit allen besonnen Deutschen, mit allen wahren Vaterlandsfreunden, immer behauptet habe, dass in den Jahren 1905 bis 1911 in Frankreich eine wahrhaft friedliche Stimmung herrschte und dass man den militärischen Wettlauf mit Deutschland so gut wie aufgegeben hatte. Der immer tatendurstige Militarismus, der nach Beschäftigung sucht, wandte sich im Wesentlichen kolonialen Aufgaben zu. Da kam Marokko, da kam der sich mehr und mehr zuspitzende Gegensatz zwischen Deutschland und England, da kamen die Balkankriege und da kam endlich die große deutsche Militärvorlage.

Jetzt wurden auch in Frankreich die Furien des Militarismus von neuem entfesselt; schon lange hatten die Offiziere des Heeres über die zweijährige Dienstzeit geflucht, die ihnen vermehrte und schwere Arbeit auferlegte; schon lange Sturm gelaufen gegen die die Ausbildung hindernde Schwäche der Stämme, die doch nur die notwendige Folge davon war, dass man weit mehr Stämme gebildet hatte als der vorhandene Mannschaftsbestand erlaubte. Jetzt glückte es, die dreijährige Dienstzeit durchzudrücken, und man gewann dadurch eine Stärke des Friedensheeres, die die deutsche Zahl wenigstens auf dem Papier wiedererreichte. Die Masse war nun da, aber die Ausrüstung und Bewaffnung, die Bekleidung und alles sonstige Zubehör nicht. Es war einfach so, dass man auch auf diesem Gebiet mit Deutschland nicht mehr ernsthaft rivalisiert hatte – aus Ersparnisgründen. Wir haben den klaren Beweis vor uns, den für die Kenner freilich schon dir jährlichen Haushaltsentwürfe lieferten, dass auch auf diesem Gebiete Deutschland mit größeren Ausgaben, mit stärkeren Anforderungen an die finanzielle Leistungsfähigkeit der Nation vorangegangen war. Um das zu verdecken, hatten unsere Militaristen, hatten due offiziösen Stellen in trautem Verein mit den Keim, Liebert, Köster die famose pro Kopfberechnung der Wehrausgaben erfunden, den aufgelegtesten Schwindel, der je erfunden, aber von den patriotischen benebelten Hirnen der Alldeutschen mit Gier aufgenommen wurde.

Deutschland hatte ohne Unterlass gewaltige Summen sowohl für die Waffen wie für das technische Beiwerk für Festungen, Telegraphie, Geschütze, Schiffe ausgeworfen, Frankreich hatte gespart.so wird man ohne weiteres zugeben können, dass es auf einigen Gebieten in der Tat rückständige geblieben ist; aber man muss Herrn Humbert auch nicht gleich alles auf sein ehrliches Gesicht glauben. Gewiss ist ein Teil der französischen Grenzbeseitigung unmodern: die Aufgabe, den Feind auf Zugewinn verlangt man von ihnen nicht. Natürlich sind auch nicht etwa, wie Herr Humbert behauptet, alle deutschen Festungen modern. Das gibt es einfach nicht, das ist unmöglich; ebenso wie kein Staat nur moderne Schlachtschiffe und Kreuzer besitzt. Auf dem Gebiete der Bewaffnung hat Deutschland einen Vorsprung in der Ausrüstung mit Wurfgeschützen und vielleicht mit Geschossen erreicht, aber das französische Feldgeschütz ist immer noch eine vorzügliche Waffe. In den Festungen hat nicht nur Frankreich sondern haben alle Staaten der Welt ihr ältestes Material – natürlich neben neuesten Geschützen an wichtigen Punkten. Die Störung der Telegraphie ohne Draht in den französischen Grenzfestungen durch die übermächtige Radiostation in Metz ist der technischen Überlegenheit Deutschlands auf diesem Gebiete zuzuschreiben – aber man muss nicht glauben, dass davon das Schicksal eines Feldzuges abhängt. Und so weiter; die Klagen des Herrn Humbert sind zum Teil begründet, aber gewaltig aufgebauscht – zu ganz bestimmten Zwecken!

Es mag sein, dass der häufige Wechsel der französischen Kriegsminister manche Rückständigkeiten der Organisation und Ausrüstung mit verschuldet hat. Die verschiedenen Kriegsminister haben sich wohl die notwendigen militärischen Kenntnisse rasch angeeignet – oder zum Teil bereits besessen -, aber sie konnten nicht den genügenden Einblick in das innere Getriebe und in den Geschäftsgang, in das Räderwerk und die Reibungen der riesigen Organisation gewinnen, die ihnen anvertraut war. Dazu gehören Zeit und Erfahrung. Und so kam es, dass die „Bureaus“ allmächtig wurden und herrschten, sich gegenseitig befehdeten und hinderten. So kam es, dass in dem parlamentarischen Staate der Welt eine eigensinnige und eifersüchtige Bureaukratie, ein in seiner Anonymität tatsächlich unverantwortliches Beamtentum die Zügel an sich riss und den Minister zu seiner Puppe machte. Und weil es unverantwortlich war – vor dem Lande, vor dem Parlamente – fehlte ihm der schärfste Ansporn zu eifriger und gewissenhafter Pflichterfüllung. Ranküne und Schablone ertränkten den Trieb zum Fortschritt – alte Klagen in Frankreich, wo die Bureaukratie fast noch ausgebildeter ist – mit allen ihren Schwächen und Menschlichkeiten, als selbst in Deutschland. Aber man soll nicht glauben, dass im französischen Generalstabe, dass in den Bureaus des französischen Kriegsministeriums nur Nullen und unfähige Aufgeblasenheiten säßen. Das wäre der gefährlichste Irrtum, in den wir verfallen könnten. Es arbeiten auch dort sehr fähige, sehr eifrige und gewissenhafte Männer, die ihren Beruf kennen; was ihre Bemühungen gehindert hat, ist eben außer den inneren Fehlern der Organisation der Umstand, dass ihnen das Geld nicht in so reicher Fülle zufloss, wie den deutschen Kriegsministern. Kein Wunder, wenn unser Heer reicher und zum Teil besser ausgestattet ist. Das wäre noch toller, wenn unsere Verwaltung für das Geld, das ihr in nie versiegender Fülle zuströmte, nicht auch etwas geleistet hätte. Sie verdiente den Strick, wäre es anders.

Und da haben wir des Rätsels Lösung für die erbitterten Angriffe des Herrn Humbert und für die Hilfe, die ihm der gleichfalls chauvinistische Clemenceau bereitwillig leistete: auch das französische Heer schreit nach Geld, mehr Geld, viel Geld, noch mehr Geld! Die 1408 Millionen langen bei weitem nicht; dem geizigen Bauer und Kleinbürger sollen die Groschen aus den Strümpfen hervorgelockt werden. – die Ära der Rüstungen dauert mit ungeschwächten Kräften, mit immer vermehrter Erbitterung fort. Der Krieg im Frieden, der Versuch, den Ritualen oder die Rivalen ohne Blutvergießen zur Strecke zu bringen, sie mit trockenen Schröpfköpfen zu bearbeiten, bis Linderung erfolgt!

Der Notschrei wird sicher Erfolg haben, die Wut dieser Epidemie muss sich austoben!

Unsere Wehrvereinler, unsere Flottenvereinler sehen es nicht ungern! Je mehr in Frankreich gerüstet wird, desto sicherer blüht ihr Weizen in Deutschland. Schon kündigt man uns neue Forderungen für strategische Zwecke an, schon neue Vorlagen für Erhöhung des Mannschaftsstandes der Marine; an unseren Festungen wird unaufhörlich gearbeitet, nach Osten wie nach Westen streckt die deutsche Schildkröte den Gegnern einen lückenlosen Panzer entgegen. Und im nächsten Jahre oder spätestens 1916 kommt eine neue Mannschaftsforderung für das Heer – ich schätze von ungefähr 35 000 Mann – in Anbetracht der Finanzlage und zur Schonung so wenig! Im Osten wird ein neues Armeekorps aufgestellt werden, vielleicht deren zwei! Die Zahl der jährlichen einzuziehenden Mannschaften des Beurlaubtenstandes wird von Jahr zu Jahr erhöht werden und bald die erste Million erreichen.

Und dann werden die Humbert und Clemenceau ihrerseits wieder anfangen, ihre Kassandrarufe in Frankreich zu erheben!

Und so fort!

Wie lange noch? Wann wird endlich die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland erfolgen, die von der inneren Vernunft der Dinge, die von der menschlichen Gesittung gefordert wird?