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3 Mercedeswagen in Front

Deutscher Sieg beim Automobil-Grand-Prix

Lautenschlager erster, Wagner zweiter, Salzer dritter - so lautet das Ergebnis des mit Spannung erwarteten Automobil-Grand-Prix 1914. Besonders Mercedes durfte nach dem Rennen feiern.

Das mit größter Spannung erwartete Ereignis ist vorüber. Der Grad Prix 1914, dessen Vorbereitungen die ganze automobilistische Welt in Atem hielten, ist gelaufen und zu einem glänzenden Siege der deutschen Industrie geworden. Lorbeeren allenthalben. Erst in der kaum beendeten österreichischen Alpenfahrt, der schwersten Tourenwagenkonkurrenz der Welt, wo die Audi- und Hansa-Wagen an der Spitze marschierten, jetzt der Riesenerfolg in dem schwersten Rennen des Jahres, das die Daimler-Motorengesellschaft mit drei zuerst platzierten Wagen vollkommen überlegen gewonnen hat.

Lautenschlager auf Mercedes Erster. Wagner auf Mercedes Zweiter und Salzer auf Mercedes Dritter! Wer erinnert sich bei diesem gewaltigen Siege des deutschen Automobilbaues nicht des denkwürdigen Grand Prix 1908, den ebenfalls Lautenschlager für Mercedes gewann. Damals waren unter den ersten sieben nicht weniger als sechs deutsche Wagen; sie beendeten das Rennen in folgender Gruppierung: 1. Lautenschlager (Mercedes), 2. Héméry (Benz), 3. Henriot (Benz), 5. (Pöge (Mercedes), 6. Joerns (Opel), 7. Grie (Benz). Erst als Vierter kam der erste Franzose (Rigal auf Bayard-Clément), der sich in diese Phalanx einschieben konnte. Lautenschlager, der Mann mit den eisernen Nerven, fuhr mit seiner alten bewährten Taktik gleichmäßig und ruhig wie eine Uhr, während sein „Stallgenosse“ Sailer als erster der Mannschaft losgelassen wurde und davon stürmte, tant que ça peut, zu Deutsch: „haste was, kannste was.“ Das war vielleicht wohlberechnete Taktik der Mercedesleute, denn dadurch wurden die schnellen Peugeot- und Delagefahrer, Boillot, Goux, Rigal, Bablot, Duray usw. gezwungen, diesem Tempo zu folgen, und ihre Wagen gleichfalls bis auf das äußerste anzustrengen. Wie hart der Kampf geführt wurde, das zeigen die Rundenzeiten, bei denen jede Sekunde eine Rolle spielt.

Sailer übernahm die Rolle des Pacemakers, der die anderen auspumpen sollte, während Lautenschlager und die anderen in großen Rennen wohlerfahrenen Genossen in gleichmäßigen und ruhigerem, trotzdem scharfen Tempo ihr Rennen zu Ende fuhren und schließlich neben ihren vorzüglichen Wagen auch ihrer Taktik und dem geringen Pneumatikverbrauch den Sieg verdanken. Denn jeder Wechsel eines abnehmbaren Rades kostet teure Sekunden, die auf einer so schwierigen Rennstrecke nur schwer wieder einzubringen sind. Bei dem mörderischen Tempo, das gefahren wurde, und den unzähligen Kurven, die von den Fahrern in den zwanzig Runden des Rennens genommen werden mussten, mussten sowohl die Continentalreifen wie die abnehmbaren Rudge-Räder der siegreichen Wagen tapfer aushalten.

Am Tage vor dem Rennen sah es bös am Himmel aus. Die Witterungsverhältnisse hatten eine gründliche Veränderung erfahren. Während die ganze Woche hindurch eine glühende Hitze herrschte, ging am Freitag eine Reihe von schweren Gewittern nieder, so dass das Wiegen der Kraftwagen unter wahren Regenfluten vor sich ging. Der Wiegeprozess war diesmal übrigens sehr einfach, da die Motoren bereits in den Werkstätten gemessen und abgestempelt worden waren. Die Automobile wurden nur auf die Wage geführt, um festzustellen, ob sie das vorgeschriebene Gewicht von 1100 Kilogramm nicht überschritten. Freitagabend um 6 Uhr hörte endlich der regen auf. Die sehr gute Vorbereitung hatte glücklicherweise durch den Regen nicht gelitten, sondern befand sich bei beginn des Rennens in bester Verfassung.

Lautenschlager hat das über 752 Kilometer führende Rennen in 7 Stunden 8 Minuten und 18 Sekunden zu Ende gefahren und damit einen Stundendurchschnitt von 105,550 Kilometern erzielt, gegen 111,5 Kilometerdurchschnitt im Grand Prix 1908. Daraus, dass drei Wagen der gleichen Marke in Front endigen, geht hervor, dass es sich nicht um einen Zufallssieg, sondern um einen auf Qualität beruhenden, sorgfältig vorbereiteten Erfolg handelt.

Der Sieg dieser Maschinen ist auch gleichzeitig ein Dokument für den Fortschritt, den wir im Bau von Automobilmotoren gemacht haben, denn die Mercedesmotoren liefen mit nicht weniger als 3600 Umdrehungen der Kurbelwelle pro Minute, das heißt einer Kolbengeschwindigkeit von 19,68 Metern pro Sekunde. Man denke: in jeder Sekunde 30 Zündungen im Motor; dreißigmal pro Sekunde muss sich der Vierteltaktkreislauf im Motor mit derselben minutiösen Genauigkeit abspielen, und das mehr als sieben Stunden lang. Welche peinlich genaue Arbeit und Einstellung der Maschinen, welches feinste Abwägen der sich bewegenden Teile gegeneinander ist notwendig, um einen Motor dauernd zu einer solchen Leistung zu befähigen!

Wagner beendete das Rennen in 7:9:54, Salzer in 7:13:15, und erst 4 ½ Minuten später lief Goux auf Peugeot durch Ziel. Der altbewährte Kämpe Jörns auf Opel sicherte sich ehrenvoll den zehnten Platz und fuhr auf seiner bewährten Marke ein sehr gleichmäßiges Rennen.

Boillot, der in der sechsten Runde, als Sailer anhielt, die Spitze genommen hatte, führte bis zur 16. Runde, hart bedrängt von Lautenschlager, der bei der 15. Runde noch 16 Sekunden hinter ihm lag. In der 18. Runde hatte Lautenschlager schon mit 33 Sekunden die Führung vor Boillot an sich gegriffen. Boillot gab dann kurz vor Schluss des Rennens auf. Lautenschlager wurde am Ziel mit großem Applaus begrüßt, und Baron Zuylen, der Präsident des A. C. F., beglückwünschte ihn zu seinem großen Erfolge.

Direktor Berge über den Sieg der Mercedes-Wagen

Anlässlich des überlegenen Sieges der Mercedes-Wagen haben wir Gelegenheit genommen, Direktor Berge, den Direktor der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Untertürkheim, telefonisch über seinen Eindruck von dem glänzenden Sieg der Mercedes-Mannschaft zu befragen. Direktor Berge äußerte sich auf unsere Anfrage etwa folgendermaßen:

„Als wir uns entschlossen hatten, nach langer Pause wieder ein großes internationales Automobilrennen zu bestreiten, waren wir uns klar hierüber, dass wir das unter der denkbar größten Ausnutzung der durch das Reglement gegebenen Möglichkeiten tun müssten. Wir haben von vornherein deswegen fünf Wagen gemeldet und uns die tüchtigsten Fahrer dazu ausgesucht, die wir bekommen konnten. Lautenschlager, der bereits den Grand Prix 1908 für uns gewonnen, und Salzer sind altbewährte Fahrer unserer Rennwagen und haben schon viele Erfolge für uns davongetragen. Den Franzosen Wagner, der sich nach bravourösen Renne als Zweiter platzierte, haben wir eigens für dieses Rennen engagiert, weil wir seine große Rennpraxis und Erfahrung kannten. Pilette, der Leiter unserer belgischen Filiale, hat ebenfalls bereits in unzähligen und unzähligen Rennen unsere Farben siegreich vertreten, und ist wohl nur durch einen unglücklichen Zufall ausgeschieden. Der fünfte Fahrer unserer Mannschaft Sailer, ist einer der tüchtigsten unserer jüngeren Ingenieure, und war uns sowohl als schneller aber doch überlegter Fahrer, als auch als brillanter Mechaniker bekannt. Obwohl die verwendeten Motoren einen ganz neuen Typ darstellten – wir haben in Anbetracht des auf 4 ½ Liter beschränkten Zylinderinhalts der Motoren besonders hochtourige Maschinen konstruiert – wir waren überzeugt, dass sie alle Strapazen überstehen würden, da wir sie vorher aufs peinlichste ausprobiert hatten. Besonders die Prüfungen der Wagen auf der Rennstrecke gaben unseren Fahrern und uns die Gewissheit, dass unsere Wagen den französischen zum mindesten vollkommen ebenbürtig seien. Wir sind denn auch mit großer Zuversicht in das Rennen gegangen, das unser Vertrauen nicht nur nicht getäuscht, sondern uns einen großen Erfolg gebracht hat. Diesen Erfolg danken wir nicht nur unseren tüchtigen bravourösen Fahrern, der guten Durchkonstruktion durch unsere Ingenieur und der glänzenden Werkmannsarbeit unserer Arbeiter, sondern ebenso auch dem hervorragenden und ausdauernden Zubehörmaterial der mit uns Hand in Hand arbeitenden Industrien. So ist der Sieg unserer Wagen nicht nur ein Erfolg unserer einzelnen Marke, sondern ein Triumph der gesamten deutschen Industrie. Wir erhoffen uns von dem grandiosen Erfolg ebenso sehr eine gute Propaganda im Inland, wie ganz besonders auf dem gesamten Weltmarkt, denn dass wir unsere Wagen hintereinander als die drei ersten durchs Ziel bringen konnten, beweist, dass es kein Zufallssieg, sondern ein Qualitätserfolg unserer Marke gewesen ist.“