Politik > International >

Kriegsgefahr

Die Bemühung zur Lokalisierung des Krieges

Es ist Österreichs gutes Recht, seinen Einfluss auf dem Balkan nicht untergraben lassen zu wollen. Dennoch bleibt zu hoffen, dass der Konflikt sich nicht zu einem Weltkrieg ausweitet. Anti-russische Demonstrationen wie in Berlin sind da wenig hilfreich.

Vor allen Dingen und vor aller politischen Diskussion scheint es notwendig, dass man die Jünglinge und die Männer, die in den letzten beiden Nächten so begeistert durch die Berliner Straßen lärmten, zum Schlafengehen bewegt. Eine Verquickung der auswärtigen Politik mit Straßenradau ist nicht wünschenswerten, und nur ganz unreife Jungen können sich heldenhaft dünken, wenn sie Unter den Linden „Nieder mit Russland!“ schreien. Man vermisst das vorsorgende Walten des königlichen Polizeipräsidiums, das anderen Manifestationen so tatkräftig entgegentritt, und man darf wohl hoffen, dass diese sonst so wachsame Behörde in den nächsten Wochen genau aufpassen wird. Die Manifestanten, die ihren Stammtisch und ihre Studentenkneipe verlassen hatten und zum Teil die Damenbedienungen mitbrachten, haben sich nun hinreichend ausgetobt. Die äußere Politik verträgt nur eine innere Begeisterung.

Diejenigen, die sich ihrer Verantwortung bewusst bleiben, unterstützen die österreichische Aktion auch nicht etwa, weil sie gleich den Hoch und Nieder rufenden Nachtschwärmern, nach Kriegsabenteuern lüstern sind. Sie stellen sich ohne kritisches Dreinreden hinter Österreich, weil ihnen die Bekundung festen und entschiedenen Zusammenhaltens als absolut notwendig zur Bewahrung des Weltfriedens erscheint. Die österreichische Note mag ein Meisterwerk oder eine Stümperei, unübertrefflich in ihrer Wirkung oder bedenklich auch noch nach einem Erfolge, der Schlüssel zum Paradise oder der Anlass langer Kalamitäten sein – über all das zu reden, hat jetzt nicht den mindesten Zweck. In dem Augenblick, wo man vor einer fertigen Situation steht, muss man, wohl oder übel, die Konsequenzen daraus ziehen. Könnte der irrige Eindruck entstehen, dass ein Wanken durch die Reihen gehe, dass die öffentliche Meinung in Deutschland nicht geschlossen zu Österreich halte, so würde der Einmischungswunsch Russlands gewaltig gestärkt. Dann würde sehr bald die Stunde kommen, wo wir genötigt wären, unsere Bündnispflicht zu erfüllen. Gewiss, diese Stunde kann ganz unabhängig davon kommen, wie sich die öffentliche Meinung bei uns benimmt. Aber die Schwäche kann nur Nachteil bringen, die Festigkeit vielleicht Gewinn.

Wer den heutigen Staat für etwas bereits Überlebtes hält, wie die Sozialdemokratie, hat ein Recht, auch das Mittel zu verwerfen, das einen in seinem Gefüge und seinen Lebensmöglichkeiten bedrohten Staat noch zusammenschweißen und sichern soll. Aber das sozialdemokratische Weltbild entspricht einstweilen noch nicht der Realität, und wir haben, neben dem Hochflug des internationalen Gedankens im letzten Jahrzehnt eine überhitzte Steigerung nationalen oder nationalistischen Strebens erlebt. Da die Dinge zunächst noch so liegen, muss auch der Friedlichste es begreiflich finden, dass Österreich-Ungarn sich nicht benagen und untergraben lassen will, und wenn man ihm eine Existenzberechtigung zugesteht, muss man auch billigen, dass es seine Existenzfähigkeit schützt. Sind die Grundlagen dieser Existent gar nicht angetastet, ist die ganze Geschichte vom Großserbentum nur ein leerer Spuk? Die Tatsachen beweisen doch das Gegenteil, und bald, nach dem Tode des alten Nikita, würde – wenn der Ring jetzt nicht zerbräche – auch die Vereinigung Serbien und Montenegros verwirklicht sein. Der Augenblick zum Einschreiten scheint günstig gewählt – aber man kann nur sagen „scheint“, da jede diplomatische Berechnung ihr Fragezeichen hat. Der russische Flottenvorschlag, der in den letzten Wochen den Engländern mit dringlichem Eifer angepriesen wurde, ist offenbar noch nicht akzeptiert, und in Frankreich wie in England will niemand den Krieg. Rumänien, das eben erst den Besuch des Zaren empfing, hält sich heute von jeder Intimität mit Russland korrekt zurück. Und das ist vielleicht der deutlichste Erfolg einer klar auf die Entscheidung losgehenden Politik.

Man hatte ziemlich allgemein geglaubt, die österreichischen Regimenter würden heute schon in dem verlassenen Belgrad sein. Dieser schnelle Einmarsch ist aus irgendwelchen Gründen nicht erfolgt und die Frage regt sich ob nicht nochmals mit den Serben verhandelt wird. Auch in den diplomatischen Kreisen wusste man gestern über die wirklichen Absichten Russlands nichts, aber die Meldungen verschiedener Korrespondenzbureaus lassen erkennen, dass man in Petersburg nicht absolut kriegerisch ist. Es wird immerhin Tage mit ernster Spannung geben, und der Bierulk mit kleinen Mädchen, in den gestern Abend die patriotischen Manifestationen vielfach sich wandelten, passt wirklich schlecht hinein. Was Österreich zu seiner Sicherung und zur Niederhaltung der großserbischen Wühler für nötig hält und begehren will, wird man später sehen. Es trachtet, wie behauptet wird, im Kriegsfall nach keinem Landerwerb und erklärt andauernd den Sandschak, auf den es schon einmal verzichtet hat, für eine schwer zu bewachende Last und für ein Danaergeschenk. Das betrifft Aufgaben späterer Tage und zunächst muss man sich dem zuwenden was die Aufgabe dieses Tages bleibt. Wenn Frankreich, wie gemeldet wird und glaubhaft scheint, die Lokalisierung des Konfliktes erstrebt, so wird es ganz besonders Deutschland in aufrichtiger Bereitwilligkeit an seiner Seite sehen. Die deutsche Regierung lässt kundgeben, dass sie das österreichische Ultimatum weder veranlasst, noch beeinflusst hat, und wirklich hat sie den Text der Note erst im letzten Augenblick gekannt. Die Hoffnung ist erlaubt, dass diese österreichisch-serbische Angelegenheit keine tragische Weltaffäre werden wird. Aber wer Österreich zur Umkehr zwingen wollte, zwänge Deutschland zur Einlösung seiner Bündnispflicht.