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Südwestdeutschland

Die ersten französischen Gefangenen

In mehreren deutsche Städten wurden französische Kriegsgefangene inhafttiert. Sie trafen auf deutsche Schaulustige und führten sich dabei teils ruhig, teils panisch auf.

Vier Tage ohne Nahrung. – Zerrissene Lackstiefel.

Auf der Station Freiburg i. Br. trafen am Sonntag 7 Uhr laut „Frbg. Tagespost“ die ersten französischen Gefangenen ein: ein Korporal und zwei Gemeine des französischen Jägerregiments Nr. 31. Deutsche Grenzjäger führten den Transport. Als das den Bahnhof umsäumende zahlreiche Publikum der „Rotmützen“ ansichtig wurde, ging eine lebhafte Bewegung durch die Menge. Alle wollen die „leibhaftigen französischen Soldaten“ sehen und drängten den Bahnhofsausgängen zu, wo ein beängstigendes Gedränge entstand. Doch kamen die Neugierigen nicht auf ihre Rechnung. Der Bahnhofskommandant verfügte, dass die Gefangenen den Bahnkörper überschreiten und in der Wenzinger Straße ein Auto besteigen mussten, dass sie zu „ihrer Internierung in die Nordkaserne brachte. Einer der französischen Soldaten trug eine recht zufriedene Miene zur Schau, während die beiden anderen ernster dreinblickten.

Auch in Mühlheim wurde am Sonnabend ein in Gefangenschaft geratener französischer Soldat eingeliefert. Wie von Augenzeugen erzählt wurde, schrie und tobte der Gefangene, dass alles aus den Häusern lief. Auf die Frage, warum er sich so aufführe, gab er zu erkennen, dass er sich vor dem Erschießen so sehr fürchte. Nachdem man ihm diese Furcht ausgeredet hat und ihm versicherte, kein Härchen würde ihm gekrümmt, wenn er keine weitere Veranlassung dazu gebe, wurde er ruhig und ließ sich Speis und Trank recht schmecken. Er erzählte, dass er mit seinen Kameraden, die in elsässischen Grenzorten stehen, seit vier Tagen nichts mehr zu essen bekommen habe. Sein Appetit war auch dementsprechend, und er äußerte vergnügt, dass er nun froh sei, unter so guten Menschen gefallen zu sein. Mitleid erweckte sie Schuhkleidung des Gefangenen. Es waren zerrissene Lackstiefeln, so zierlicher Art, wie man sie bei uns auf dem Tanzboden trägt. Kein Wunder, dass ihnen die halben Sohlen fehlten. So scheint es sich zu bestätigen, was Eingeweihte stets behaupten, dass es dem französischen Heere an dem nötigen Schuhzeug fehlte, um erfolgreich in das Feld ziehen zu können.

Über die ersten in Straßburg eingetroffenen Gefangen berichten die „Straßburger N. Nachr.“: Ein stiller Sonntagsspaziergang führte uns hinaus vor die Wälle hinter der Orangerie. Ein Bild des tiefsten Sonntagfriedens, das nichts ahnen lässt von dem Weltrbrand, der augenblicklich Europa verzehrt. In die raue Wirklichkeit ruft uns das kleine Festungsgefängnis zurück, das in den Kasematten dicht am Kanal untergebracht ist. Dort sitzen vor dem Tor brave Landwehrleute ihr Pfeifchen schmauchend in gemütlicher Unterhaltung und ein Posten macht mit geschultertem Gewehr die Runde. Hier hören wir etwas von zwei französischen Gefangenen, die eben im Hof der Kasematte, spazieren gegangen seien. „Sie können sie noch am Fenster sehen“, sagt uns ein Passant. Und richtig, am umgitterten offenen Fenster sitzen zwei französische Infanteristen in Drillichjacke mit dem roten Käppi, zwei braune sehnige Gestalten, anscheinend aus Gebirgsgegenden kommend. Behaglich Zigaretten rauchend lassen sie die neugierigen interessierten Blicke der Passanten gleichmütig über sich ergehen. Es sind zwei piou-pious vom 152. Regiment in Gérardmer, der bekannten Grenzgarnison bei der Schlucht. Der eine ist ein verheirateter Reservist, beide stammen aus dem Department Vosges. Auf einer Seitenpatrouille gerieten sie bei Markirch in deutsche Gefangenschaft. Sie werden natürlich scharf bewacht, aber auf Befehl des wachhabenden Kommandanten freundlich und entgegenkommend behandelt, so dass sie außer dem Verlust ihrer Freiheit kaum Grund zu irgendeiner Klage haben dürften.