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Sommerwetter

Die Hitze

Die Hitzewelle in Berlin hält an. Die Temperaturen sind in rekordverdächtige Höhen gestiegen. Dem heißen Wetter fallen Menschen und Tiere zum Opfer.

Von Tag zu Tag machen sich die Einwirkungen der anhaltenden Hitzeperiode immer drückender fühlbar. Alles stöhnt unter der ungemein hohen Temperatur, und der allgemeine Wunsch auf eine endliche durchgreifende Abkühlung dürfte, wenn man die Voraussagen der Wetterkundigen heranzieht, vorläufig keine Erfüllung finden. Wenn der Montag mit seinen 33 Grad im Schatten als der heißeste in diesem Jahre bezeichnet wurde, so darf man sagen, dass der gestrige Tag den „Rekord“ noch gebrochen hat. Schon in der zwölften Stunde registrierte die Quecksilbersäule fast 32 Grad, und bis zum Nachmittag stieg sie sogar bis auf 34,5. Das ist die höchste Temperatur, die wir seit vielen Jahren zu verzeichnen hatten.

Die nachteiligen Folgen der enormen Wärme machen sich auf den verschiedensten Gebieten in der fühlbarsten Weise bemerkbar. Auf den hiesigen Hilfswachen und auch in den Krankhenhäusern sind in den letzten acht Tagen eine ungewöhnlich große Anzahl von an Sonnenstich und Hitzschlag erkrankten Personen behandelt worden. Teilweise waren die Fälle recht schwerer Natur. Auch die Zugtiere haben unter der Einwirkung der glühenden Sonnenstrahlen ungemein zu leiden. Groß ist die Zahl der Pferde, die auf der Straße vom Sonnenstich befallen wurden und die der Abdeckerei überwiesen werden mussten. Von den Fuhrwerksbesitzern und den Omnibusgesellschaften sind besondere Vorkehrungen getroffen worden, um weiteren Erkrankungen nach Möglichkeit vorzubeugen.

Wohl in keinem Sommer hat das Baden so viel Opfer an Menschenleben gefordert wie gerade im jetzigen. Infolge der hohen Temperatur ist der Drang und der Wunsch des Menschen, kühlende Bäder zu nehmen, weit stärker als sonst, und die Unvorsichtigkeit so vieler Nichtschwimmer, an verbotener Stelle ins Wasser zu gehen, hat schon viele Opfer gefordert. Seit vergangenen Sonntag sind nicht weniger als siebzehn Personen in den Gewässern der Umgebung Berlins ertrunken. Und wenn man annimmt, dass in diesem Sommer annähernd hundert Personen beim Baden in den Gewässern der Nachbarschaft Berlins den Tod in de Fluten gefunden haben, so dürfte man die richtige Zahl getroffen haben. Der Andrang zu den Familien- und Freibädern ist noch niemals ein so enormer gewesen wie in diesem Sommer. Wenn auch infolge der Schulferien Tausende und Abertausende von Berlin fortgereist sind, so herrscht in den Bädern am Wannsee, Grünau und am Müggelsee doch ein so ungeheurer Andrang, wie dies seit Bestehen der Einrichtung bisher nicht der Fall war. Ebenso stark ist der Andrang zu den Sonnen- und Luftbädern. Als eine unangenehme Begleiterscheinung macht sich die Hitzeperiode in den Wäldern bemerkbar. Die Hölzer sind bis aufs äußerte ausgetrocknet und reagieren in gefährlicher Weise auf die Einwirkung der Sonnenstrahlen.

Es entstehen Selbstentzündungen und so kommen auf diese Weise vielfach Waldbrände zum Entfachen. Auch durch Funkenauswurf aus den Lokomotiven werden in den letzten Tagen sogenannte „Präriebrände“ hervorgerufen. Man kann jetzt vielfach ausgedehnte schwarze Wiesenflächen, auf denen Feuer wütete, beobachten.

Auf den Asphalt in den Straßen hat die Hitze bereits derart nachteilig eingewirkt, dass ganze Stellen weich wurden und einfielen. Der Eisverbrauch ist in den Markthallen, in den Geschäften und im Haushalt jetzt ein so enormer, dass die Eisfabriken nur schwer imstande sind, alle Nachfragen zu erfüllen. Ein anderer Umstand ist ebenfalls teilweise auf die Einwirkung der hohen Temperatur zurückzuführen, es ist dies das große Fischsterben in der Spree und Havel, sowie in den See. An den Ufern sind die Gewässer förmlich lauwarm und dies ist ein ungemein nachteiliger Zustand für die Bewohner des Wassers.

Mit dem Sprengen der Straßen scheint die Stadt Berlin etwas zu kargen. Man sieht nicht allzu viel Sprengwagen in Tätigkeit. Vielleicht ist dies auf den bereits eingetretenen Wassermangel zurückzuführen. Von vielen Hausbesitzern werden schon jetzt Vorbeugungsmaßregeln in der Weise getroffen, indem die Wasserleitungen zeitweise, besonders des Nachts, gänzlich gesperrt werden. Die neueste Erscheinung in den Straßen Berlins sind seit kurzem Passanten, die alles „Konventionelle“ über Bord werfen und in Hemdsärmeln gehen; danben wandern einträchtiglich hutlose Damen. Aber alles seufzt: Ist das heiß!