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Wiener Pessimismus

Die österreichisch-serbische Spannung

Die Untersuchung des Attentats auf das österreichische Thronfolgerpaar könnte noch einige für die serbische Regierung unangenehme Ergebnisse zutage fördern. Wie sechs Attentäter mit Bomben die Grenzkontrollen passieren konnten, will man in Wien erklärt bekommen.

Wien, 18.Juli

Vor einigen Tagen hat sich der serbische Ministerpräsident Paschitsch zu einem deutschen Journalisten in sehr scharfer Weise über die Beziehungen zwischen Österreich und Serbien geäußert. Diese Äußerungen gelten hier als Anzeichen dafür, dass die kommende Auseinandersetzung zwischen Wien und Belgrad sich nicht glatt vollziehen wird und dass die serbischen Regierungskreise der österreichisch-ungarischen Monarchie gegenüber dieselbe Taktik wie bei früheren Gelegenheiten zu befolgen gesonnen seien. In Wien ist man aber, so wird wenigstens an zuständigen Stelle nversichert, entschlossen, sich diesmal von Serbien nicht hinhalten zu lassen und die notwendigen Forderungen in entschiedener Weise zu stellen und durchzusetzen.

Die „Neue freie Presse“ schreibt dazu: Paschitsch hat mancherlei Andeutungen fallen lassen, aus denen man schließen kann, dass der serbische Ministerpräsident die Ergebnisse der Untersuchung zu ahnen beginnt. Die Regierung, hat er gesagt, habe keine Zeit, auch jenseits der Grenzen die zu überwachen, die sich mit Serbien vereinigen wollen. Vielleicht wird ihm jedoch bald mitgeteilt werden können, dass bei der Reise der sechs Mörder mit den sechs Bomben die Bewachung der serbischen Grenze auffallend nachlässig gewesen sei, vielleicht auch noch einiges über Vorgänge, die das Kabinett von Belgrad weit mehr angehen als die Zustände in der Monarchie. Er dürfte manches über den Weg, den die Verbrecher genommen haben, und über die Helfer, welche sie über die Grenze hinüberleiteten, erfahren. Europa wird staunen, mit welchen sonderbaren Mitteln die Zeit dort unten arbeitet, und wird begreifen, dass die Monarchie diese Umtriebe nicht länger dulden kann. Das Gespräch des serbischen Ministerpräsidenten muss berichtigt werden, wenn der Friede nicht leiden soll.“