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Eine Reise an die Ostsee

Die Reisezeit

Nach siebzehn Jahren kehrt unser Autor nach Wustrow zurück in die Sommerfrische. Er findet dort noch manch alten Bekannten, ein ursprüngliches Dorf und ein eigentümliches Sommerfest.

Um noch einmal in der Frühsommerzeit mich da, wo es still und ruhig ist, an der Schönheit der Natur zu erfreuen, bin ich auf einige Wochen nach dem kleinen Ostseebad Wustrow übergesiedelt, wo ich früher zuweilen meine Sommerfrische abgehalten habe, zuletzt im Jahre 1897. Siebzehn Jahre also verflossen seitdem.

Wustrow liegt auf dem das Fischland genannten schmalen Teil einer Halbinsel oder Nehrung, zwischen der Ostsee und einem Haff, dem Saaler Bodden. Mit einem breiteren Stück erstreckt sich diese Halbinsel aus dem Mecklenburgischen in das Pommersche hinein, wo dicht an der Landesgrenze auf preußischer Seite der allbekannte Badeort Ahrenshoop mit seiner bunten Malerkolonie liegt. Hinter Ahrenshoop beginnt der schöne Dorfwald, in dem ich manchmal umhergewandert bin.

Von Rostock fährt man, um nach Wustrow zu kommen, durch eine schöne Landschaft nach dem Städtchen Ribnitz am Saaler Bodden. Von da geht es auf einem kleinen Dampfschiff über das Binnenwasser nach Wustrow. In etwa vier Stunden gelangt man von Rostock über Land und Wasser dorthin.

Obwohl es keinen Seehafen hat, ist Wustrow  von alter Zeit her ein Schifferort, in dem alte Seemänner und auch junge, die noch das Meer befahren, Haus und Herd für Frau und Kind haben. Ihr Vermögen hatten die Wustrower früher größtenteils in Schiffssparten, Schiffsanteilen, angelegt. Erst als diese durch den Niedergang der Segelschifffart so gut wie wertlos wurden, beschloss Wustrow, dessen Einwohner dadurch in Bedrängnis gerieten, ein Seebad zu werden, und führte das aus. Badeanstalten wurden gegründet und eingerichtet und für Straßenbeleuchtung während der Badesaison gesorgt. In der übrigen Zeit des Jahres muss, wie ich es auch anderwärts früher gesehen habe, wenn es dunkel geworden ist, eine Handlaterne aushelfen.

Häuser für Badegäste bauten die Wustrower nicht, sondern nahmen die Fremden in ihre Wohnungen auf, sich selbst eine zeit lang mit bescheidenen Räumlichkeiten begnügend. Deshalb sind die Wohnungen in Wustrow, in denen man unterkommt, hübsch mit alten Möbeln, selbst Klavieren, sowie mit alten Bildern ausgestattet, und allerhand, was aus fremden Ländern mitgebracht ist, findet sich da.Bekannt sein wird vielen, dass Wustrow eine Navgiationsschule besitzt, in der eine nicht unbedeutende Anzahl von Schülern zu Seeleuten ausgebildet wird.

Im übrigen macht Wustrow den Eindruck eines Bauerndorfes. Es hat ansehnliche, meist mit Roggen bestellte Felder und der Roggen steht gut in diesem Jahre auf dem Wustrower Boden. Ein Halm, den ich mag, wies von der Wurzel bis zur Spitze der voll entwickelten Ähre die Länge von genau zwei Metern auf. Ich erblickte noch höhere Halme, die zu messen mir aber nicht möglich war, weil ich nicht in das Feld hineintreten wollte. Vor dem Ort stehen zwei Windmühlen, die fleißig ihre Flügel drehen, um mit dabei zu helfen, dass den Bewohnern des Ortes Brot von ihren Äckern beschafft wird.

Viehzucht wird in bedeutendem Maße betrieben. Jeden Morgen um sechs Uhr erschallt das Horn des Kuhhirten, der damit das Zeichen zum Herausschaffen der Kühe gibt, und eine sehr ansehnliche Herde ist es, die er dann auf die breiten Wiesengründe treibt. Dass auf dem Fischlande Fischfang betrieben, außerdem aber auch für Fleischkost gesorgt wird, das bezeugen die in Wustrow überaus häufig vorkommenden Familiennamen Bradhering und Frettwurst.

Nicht gering ist in Wustrow die Zahl der alten Bauernhäuser, die mit Stroh gedeckt sind. Das Stroh ist von Moos überwachsen, und auf dem Moos haben sich hier und da mit Blättern und Blüten versehende Pflanzen angesiedelt. Ein paar von diesen Bauernhäusern haben den altsächsischen Giebelschmuck, der aus zwei einander kreuzenden, in Pferdeköpfen endenden Bohlen besteht. Bei anderen nimmt die Stelle dieses Giebelschmucks ein Anker ein. Diese Bauernhäuser sind charakteristisch für Wustrow. Einige Villen, aber nur wenige, sind in den letzten Jahren hinzugekommen.Von alter Volkstracht ist hier nichts zu sehen. Die Helgoländer Hüte, die immer noch von den Wustrower Frauen und Mädchen getragen werden, sind ja als eine solche nicht zu bezeichnen.

Manches Reizende bietet hier um die Frühsommerzeit die Natur dar. Kaum sonstwo habe ich soviel entzückenden Vogelgesang gehört wie hier, und nirgendwo seit langer Zeit soviel Schwalben zu sehen bekommen. Meist flogen sie niedrig, was sie ja bei nassem Wetter, von dem dieser Frühling leider soviel brachte, deshalb tun, im die ihnen zur Nahrung dienenden Insekten, die sich dann nicht über den Boden erheben, aufzuscheuchen und einzufangen.

An Waldung besitzt Wustrow nur ein kleines Kieferngehölz und ein aus Bäumen und Sträuchern  von mancherlei Art vor einigen Jahren für die Badegäste angelegtes Lustwäldchen, das zahlreiche vor dem Winde geschützte Ruheplätze hat. Welcher Wind hier am heftigsten weht, das erkennt man an einer langen Reihe unweit des Strandes stehender Weisenstämme, die alle stark von Nordwest nach Südost übergebeugt sind. Der Nordwest ist es, der das zustande bringt.

Wald gibt es hier in der Umgegend Wustrows, wie schon gesagt wurde, nur wenig, aber einige sehr alte Bäume sind in dem Ort selbst zu stehen. Schön ist auch der Anblick der Felder um die Zeit der Roggenblüte, wenn auch Kornblumen und Mohn zu blühen anfangen, und der Lerchengesang, der dann darüber erschallt, geht nach meiner Meinung nach weit über das beste Badekurkonzert.

Sehr hübsche kleine Ausflüge sind zu machen nach den Dörfern Niehagen, Althagen am Bodden und und nach Ahrenshoop. Auch empfiehlt sich ein Spaziergang am hohen Ufer, das seine eigenartige Strandflora hat. Außerdem ist dieser Teil der Küste ein ergiebiger Fundort von kleinen Altertümern, Stücken von Waffen und Werkzeugen aus vorgeschichtlicher Zeit.

Ich bemerke noch, dass in Wustrow die Badesaison nicht vor dem Juli anzufangen pflegt. Bis dahin  lassen sich nur wenige Fremde sehen und es ist hier sehr ruhig und still.

Als ich am ersten Morgen nach meiner Ankunft in Wustrow mich umsah, begegneten mir zunächst drei Katzen, zwei weißbbunte und eine schwarze, die mich, wie es mir vorkam, grüßten, darauf knurrte mich ein großer schwarzer Hund an. Sogleich kam ihm aber der Gedanke – Hunde sind ja nachdenklich -, ich möchte wohl der erste diesjährige Badegast sein, und er wedelte freundlich. Nachher habe ich verschiedene Leute getroffen, die mich von alter Zeit her kannten, und wurde wiedererkannt von ihnen. Dazu gehörte ein jetzt zweiundachtzigjähriger Seemann, den ich in seinem Garten, der wie ein Schmuckkästchen aussah, beim Aufbinden der Rosen fand. Als ich ihn anredete, wusste er sogleich, wer ich war, und wir plauderten fröhlich miteinander. Dann begegnete mir der Postbote, der mir vor siebzehn Jahren die Briefe, die für mich ankamen, zugestellt hat, nun seit Jahren schon, wie auch ich, pensioniert, und wir beide waren sehr erfreut darüber, uns wiederzusehen. Mancher Alte hier ist ja mittlerweile verstorben, aber eine ganze Anzahl lebte doch noch, und von diesen erzählte einer dem anderen: „Der Trojan ist wieder hier.“ Nicht lange dauerte es, da grüßten mich auch die Kinder, und das machte mir besondere Freude.

Mein diesmal so frühes Erscheinen in Wustrow verschaffte mir Gelegenheit, einem Volksfest beizuwohnen, das seit vielen Jahren am siebenten Juni hier gefeiert wird und das Sonnenfest heißt. Woher es stammt, weiß man nicht bestimmt; es wird vermutet, dass es aus Schweden eingeführt worden ist. Von sehr eigentümlicher Art ist es. Auf der Hauptstraße werden zwei Masten eingepflanzt, zwischen denen eine deckellose umkränzte Tonne, mit dem Boden nach oben gekehrt, an einem Seil schwebend, aufgehängt wird. Nun reiten festlich geschmückte Reiter, ihrer zehn bis zwölf, die aus Ribnitz und anderen benachbarten Orten gekommen sind, auf und ab unter der Tonne durch und schlagen nach ihr mit Keulen. Wer zuerst bewirkt, dass die Tonnenstäbe zerbrochen herunterfallen, ist „Stäbenkönig“ und erhält als Preis eine prächtige Reitpeitsche. Dann wird der Tonnenboden, der noch übrig geblieben ist, etwas niedriger gehängt und das Reiten fortgesetzt in der beschriebenen Weise, bis auch er herunterfällt. Wem das mit einem Keulenschlag zu erreichen gelingt- das Ganze nimmt ein paar Stunden in Anspruch – erhält den Ehrentitel Bodenkönig. Mit diesem an der Spitze ward dann zum Obersten des Gemeindevorstands, dem Vogt, hingeritten, der besagtem König eine vom Großherzog für die Festgenossen gestiftete Geldspende auszahlt. Dann folgt ein fröhliches Festgelage, und diesem schließt sich ein Tanzvergnügen an, das bis zum hellen Morgen dauert. Natürlich fehlt diesem Fest, zu dem viel Volk, besonders jugendliches, zusammenströmt, nicht die Musik. Auch ist ein Karussell da, das sich bei Leierkastenklang unermüdlich dreht, und Buden sind aufgeschlagen, in denen Zuckerwerk, Würstchen, Spielsachen und was sonst dazu gehört, billig zu haben sind. Diese reizende Lustbarkeit, die als solche unbesteuert ist, habe ich mir mit Vergnügen angesehen, am Tanz aber mich nicht beteiligt.