Gavrilo Princip Quelle: Wikipedia

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Der Tod des Thronfolgerpaares

Ein Augenzeuge über das Attentat von Sarajewo

Erst ein Bombenanschlag, dann ein Revolverattentat: Augenzeuge Heinrich Gottlieb berichtet, wie sich der Tag des tödlichen Attentats in Sarajewo aus seiner Sicht zugetragen hat.

Wien, 2. Juli.

Der Wiener Jurist Heinrich Gottlieb, der Augenzeuge des Attentats von Sarajewo war, gibt heute von den Vorgängen folgende genaue Schilderung: Gegen ¼ 11 Uhr fuhren der Erzherzog und seine Gemahlin zum Rathaus. Voraus zwei Wagen, in denen Landesfunktionäre saßen. Kaum sah ich den Wagen des Erzherzogs, da ertönte eine furchtbare Detonation. Ich glaubte, dass es gleichzeitige Salutschüsse mehrerer Kanonen seien, und alle Umstehenden waren der gleichen Meinung. Da auf einmal bemerkten wir, dass das Auto still stand, und dass ringsherum offenbar starke Verwirrung Platz gerissen hatte. Im Fluss unten, an dessen Kai wir standen, sahen wir einige Menschen in heftigem Kampfe, dessen Grund uns natürlich noch nicht bekannt war. Instinktiv verließ ich den Platz, wo ich gestanden hatte, um dem Rathaus näher zu kommen, in der Voraussetzung, dass ich dort auch besser erfahren würde, was geschehen war. Dies umso eher, als das Auto des Erzherzogs sich inzwischen wieder in Bewegung gesetzt hat und im raschesten Tempo ebenfalls beim Rathaus zufuhr. Niemand, wie gesagt, wusste bisher, was geschehen war. Erst der Wagen des Thronfolgers brachte die Nachricht von der stattgehabten Bombenexplosion. Zuerst entstieg der Erzherzog dem Wagen, nach ihm seine Gemahlin. Beide waren sehr erregt, trotzdem aber sichtlich sehr gefasst. Ich hörte, wie der Thronfolger, vor den versammelten Stadtverordneten auf der ersten Stufe der Säulenhalle stehend, dem Bürgermeister die Worte zurief: „Man kommt als Gast in diese Stadt und wird mit Bomben empfangen.“ Mit Ungeduld hörte er dann die lange Rede des Sprechers an. Wir sahen dann alle, wie er ein weißes Blatt aus der Brusttasche zog, um seine Antwort vorzulesen. Dabei hatte man den Eindruck, dass in ihm fortgesetzt der heftigste Unmut nachzitterte. Dann stieg er am Arm der Herzogin, die in ihrem lichten Kleide wie ein Bild aus Marmor aussah, die Stufen zum Vestibül empor, und jetzt erst, wie die Herrschaften emporstiegen und man hinter ihnen über die Aufregung, in der sie sich befunden hatten, zu sprechen begann, verbreitete sich die Kunde von dem Bombenattentat. Die Stadträte standen alle noch förmlich verblüfft da, unfähig das Geschehene zu begreifen. Viele stiegen auf die Straße herab, um das graue Automobil des Grafen Harrach zu besichtigen, das an einigen Stellen beschädigt war. Ein Sturm der Entrüstung entstand.

Als nach etwa viertelstündigem Aufenthalt das hohe Paar die Stufen wieder herabschritt, wurde es von brausenden Ziviorufen empfangen. Trotzdem hatte man aber den Eindruck, als ob der Erzherzog jetzt noch viel erregter gewesen wäre, als bei der Ankunft. Nun sahen wir, wie hohe Offiziere und die anderen Funktionäre dringlichst und mit bittender Miene zum Erzherzog sprachen. Später erfuhren wir, wie sehr sie ihm nahegelegt hatten, die weitere Fahrt zu unterlassen. Zugleich sah man, wie der Erzherzog selbst in mächtiger Erregung die Bitten zurückwies. Dann noch ein Augenblick, und langsam stieg er am Arm seiner Gattin die Treppe herab. Langsam bestieg er das Automobil und nahm seinen Sitz ein. In diesem Augenblick wurde es ganz Still in der Menge, jeder hatte das Gefühl, dass der Thronfolger nicht hätte fahren dürfen, und dieses Gefühl muss auch ihn beherrscht haben, denn es schien, als ob er, der starke Soldat von so hünenhafttragender Gestalt, einen Moment erschauerte. Sofort sprangen Graf Harrach und ein weiterer Offizier auf das Trittbrett des Wagens und breiteten die Hände aus, um den Erzherzog zu decken. Dabei entsinne ich mich einer Bewegung, die der Erzherzog machte, und die trotz ihrer Einfachheit so tragisch wirkte, dass ich sie nicht vergessen kann. Es war die Bewegung, mit der er die Herren abwehrte, und dabei sagte er: „Aber lassen’s doch, das sind ja Dummheiten, das ist doch wirklich überflüssig.“ Ich glaube, in diesem Moment haben für eine Sekunde lang alle Herzen zu schlagen aufgehört. Dann setzte sich das Automobil in Bewegung. Die Menge rief wieder „Zivio!“ und auf einmal wurde alles wieder mutig. Der Erzherzog und die Herzogin saßen aufrecht im Wagen und die Herzogin dankte lebhaft durch Handbewegungen und Kopfnicken. Ich eilte hinter dem Wagen her, um womöglich doch eine gute Aufnahme zu machen – die unter ungünstigen Bedingungen gemachte hatte ich bereits in der Kassette – und sah, als ich mich der Franz-Josef-Straße näherte, wie der Wagen zurückgelenkt wurde, um nach der entgegengesetzten Seite in rasender Fahrt die Lateinerbrücke, dem Kanal zu, zu überfahren. Dann sah ich auf einmal, wie der Erzherzog und die Herzogin eng aneinander geschmiegt, der Erzherzog bereits ohne seinen grünen Generalshut, im Wagen lehnte. Ein paar Schritte weiter, und ich sah, wie Wachleute zwei Leute daherschleppten, während alles in rasender Wut auf die beiden einschlug, mit Säbeln, Stöcken und Fäusten. Noch weiß man nicht, was geschehen ist, da bringen Offiziere die entsetzliche Nachricht von dem Revolverattentat, und das beide, der Erzherzog und sein Gemahlin, getroffen sind. Als ich nachmittags um drei Uhr nach Jlidze fuhr, saß mir gegenüber ein Franziskaner, ein alter, repräsentabler Herr, der mir nach angeknüpftem Gespräch mit zitternder Stimmer erzählte, er sei zum Sterbebette des Erzherzogs und seiner Gemahlin berufen worden.