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Landgericht Bayreuth

Familie Wagner streitet über Vaterschaft

Ist Isolde Beidler eine Tochter Richard Wagners? Über diese Frage verhandelt das Landgericht Bayreuth. Die Familie des Komponisten zeigte sich im Gerichtssaal schwer zerstritten.

Vor dem kgl. Bayrischen Landgericht Bayreuth gelangte heute der Prozeß zur Verhandlung, den die Kinder der Frau Cosima Wagner untereinander führen. Es handelt sich bei dieser Klage bekanntlich um die Feststellung, ob die dritte Tochter der Frau Cosima Wagner, Isolde, die Gattin des Müchnener Hofkapellmeisters Franz Beidler, eine Tochter Richard Wagners ist, wie sie selbst behauptet, oder eine Tochter von Franz v. Bülow, wie ihr Bruder Siegfried Wagner behauptet. Das Rubrum der Klagesache heißt Frau Isolde Beidler, Kapellmeistersgattin in München, gegen ihre Mutter Frau Cosima Wagner in Bayreuth.

Die Grundlage, auf der sich diese Klage aufbaut, ist folgende: Frau Cosima Wagner hat vier Töchter: Daniela, die Gattin des Geheimrats Thode, die sich jetzt mit ihrem Gatten in Scheidung befindet, Blandina, verehelichte Gräfin Gravina, Isolde, verehelichte Beidler, und Eva, die Gattin des in Bayreuth lebenden Schriftstellers Houston Sterwart Chamberlain. Außerdem hat sie einen Sohn, den bekannten Siegfried Wagner.

Zwischen Siegfried Wagner und den bis vor einigen Jahren ebenfalls in Bayreuth lebenden Kapellmeister Beidler sind nun tiefgehende Differenzen entstanden. Ob wegen künstlerischer Qualifikationen und Ansprüche oder ob aus finanziellen Gründen, darüber sind sich die Parteien nicht einig. Es heißt, dass Richard Wagner angeordnet habe, daß jedes seiner Kinder eine jährliche Rente von 30.000 M. beziehen solle. Als sich die Mißhelligkeiten verschärften, siedelte Beidler nach München über, und sowohl ihm, wie auch seiner Gattin wurde jeder Verkehr mit dem Hause Wahnfried verweigert.

Als im Juni 1913 an Frau Isolde Beidler nach München ein Brief gelangte mit der Aufschrift: „An Frau Isolde Beidler, geb. v. Bülow“, wandte sich Frau Beidler brieflich direkt an ihre Mutter Cosima, erhielt jedoch nur eine wenige Zeilen umfassende Antwort, die zwar von Frau Cosima selbst geschrieben war, aber keinen Gruß und keine Höflichkeitsfloskel oder dergleichen enthielt. In diesem Briefe hieß es, die von Frau Beidler geschaffene Lage sei derart, daß nur noch auf gerichtlichem Wege vorgegangen werden könne. Nunmehr strengte Frau Isolde Beidler, durch Justizrat Dispeker (München) gegen ihre Mutter Cosima Wagner eine Klage an, die zum Zweck hatte, festzustellen, ob sie (Frau Beidler) als Tochter Hans v. Bülows oder als Tochter Richard Wagners anzusehen sei.

Am 17. April 1914 verhandelte eine Zivilkammer des Landgerichts Bayreuth in öffentlicher Sitzung, nachdem ein Antrag auf Anschluß der Oeffentlichkeit abgelehnt worden war, über die Klage und Justizrat Dispeker suchte in längeren Ausführungen den Nachweis zu führen, dass seine Mandantin in Wirklichkeit eine Tochter Richard Wagners sei. Er führte dafür eine ganze Reihe von Gründen an. Vor allem trat er auch für die rechtliche Zulässigkeit der Klage seiner Mandantin ein, während der Rechtsbeistand der Frau Cosima Wagner den Standpunkt vertrat, die Klage sei rechtlich überhaupt nicht zulässig. Den Nachweis, daß Isolde Beidler als ein Kind Richard Wagners anzusehen sei, will die Partei Isolde Beidler dadurch führen, daß sie der Frau Cosima Wagner einen Eid darüber zuschieben will, ob Isolde ein Kind Bülows oder Wagners ist.

Von der Gegenpartei ist bereits die Erklärung abgegeben worden, daß Frau Cosima Wagner diesen Eid annehme. Der Rechtsbeistand von Frau Cosima Wagner stützt sich vor allem darauf, daß Isolde am 10. April 1865 in Berlin geboren wurde, als der Hausstand von Hans v. Bülow mit seiner Gemahlin Cosima noch bestand. Daß Frau Cosima Wagner, als sie der Isolde das Leben schenkte, ihr Herz schon Richard Wagner zugewandt hatte, sei rechtlich gleichgültig. Ferner führte er aus, daß der Prozes lediglich zu dem Zweck angestrengt sei, Geld aus Cosima Wagner herauszuholen.

Diesen Ausführungen der Partei Cosima Wagner trat Justizrat Dispeker entgegen: Es sei bewußt unwahr, wenn behauptet werde, Isolde Beidler wolle mit dem Prozeß nur Geld aus ihrer Mutter herausholen. Frau Beidler sei auch überzeugt, daß die Erklärung von Frau Cosima, sie nehme den zugeschobenen Eid an, nicht auf Frau Cosima selbst zurückzuführen sei, sondern auf deren Hintermänner, die künstlich und aus Gründen des Eigennutzes eine Entfremdung zwischen Mutter und Tochter herbeigeführt hätten und mit allerlei Machinationen zu verhindern suchen, daß die Tochter die Mutter sprechen könne und daß der Streit gütlich beigelegt werde. Es sei geradezu unverständlich, wie Frau Cosima angesichts des erdrückenden Materials den Eid leisten könne. Frau Beidler komme es bei dem Rechtstreit nicht vor allem auf die materielle Seite an, sondern ihr liege daran, daß festgestellt werde, daß ihr jetzt 12 Jahre alter Sohn ein direkter Abkömmling Richard Wagners sei.

Außerdem komme für sie in Betracht, daß sie bei einer eventuellen Scheidung den Namen Wagner annehmen könne. Der ganze Streit sei überhaupt weniger von Frau Cosima als von Siegfried Wagner heraufbeschworen worden. Es sei eine glatte Unwahrheit, wenn Siegfried Wagner behauptet habe, Kapellmeister Beidler habe einen übermäßigen Aufwand getrieben. Beidler sei in der letzten Wintersaison in Barcelona angestellt gewesen und verdiene sich das Geld, das er verbrauche, selbst. Der Brief, den Justizrat Dr. Troll als Vertreter von Frau Cosima an Frau Beidler mit der Anschrift gerichtet habe: „Frau Isolde Beidler, geb. v. Bülow“ sei im Auftrage Siegfried Wagners geschrieben. In diesem „Musterbrief“ eines zärtlichen Bruders heiße es, daß Frau Isolde bisher „freiwillig gewährte Subsidien“ erhalten habe und daß „keine rechtliche Gebundenheit der Auftraggeber“ bestehe. Es werde der Frau Beidler weiter in diesem Briefe mitgeteilt, daß der künftige Bezug Frau Beidlers 22 000 M. jährlich nicht übersteigen werde. Erst als hiergegen Frau Beidler Einspruch erhob, habe Justizrat Dr. Troll im Namen der Partei Siegfried Wagner den Einwand erhoben, daß Geburtsurkunde, Familienstandszeugnis und Heimatsurkunde auf Isolde v. Bülow lautet. Jedenfalls sei seine Mandantin der Ueberzeugung, daß umgekehrt Siegfried Wagner offenbar nur aus finanziellen Ursachen bestreite, daß sie eine Tochter Richard Wagners sei. Die Frage, um die sich dieser ganze Prozeß drehe, sei also die:

Ist Isolde Beidler eine Tochter Richard Wagners?

Die Gegenpartei berufe sich auf eine Anzahl öffentlicher Urkunden, in denen Frau Beidler als Isolde v. Bülow bezeichnet werde. Aber die Frage sei ja gerade, ob diese Urkunden richtig seien und das müsse durch diesen Prozeß festgestellt werden. Die Ehe Cosimas mit Hans v. Bülow sei am 18. Juli 1870 geschieden worden und dieses Urteil sei am 15. September 1870 rechtskräftig geworden. Am 25. August 1870, also schon bevor das Urteil rechtskräftig geworden war, habe sich Frau Cosima mit Richard Wagner in Luzern trauen lassen. Hans Richter und Malwine v. Meysenburg seien Zeugen gewesen. Sämtliche Kinder Cosima Wagners seien während ihrer Ehe mit Hans v. Bülow geboren. Daß Isolde eine Tochter Richard Wagners sei, gehe aus folgenden Zeitumständen hervor:

1. Richard Wagner selbst hat sie als seine Tochter betrachtet. An ihrem 15. Geburtstag habe er ihr folgendes Gedicht gewidmet:

Vor 15 Jahren wurdest du geboren,
Da spitzte alle Welt die Ohren.
Man wollte „Tristan und Isolde“,
Doch was ich einzig wünschte und wollte
Das war ein – Töchterchen: Isolde!
Nun mag sie 1000 Jahre leben,
Und „Tristan“ und „Isolde“ auch daneben!

Vivat hoch!

Auf der Partitur des „Rheingold“ stehe: „Am Tage der Geburt meine Tochter Isolde vollendet“. Richard Wagner habe eines Tages zu Isolde im ernsten Ton gesagt: Du weist, daß Du mein und nicht Bülows Kind bist und scherzhaft habe er hinzugefügt: „Du wärst wohl lieber adlig?“

2. Wagnerbiograph C. Fr. Glasenapp, dessen Biographie vom Hause Wagner approbiert sei, habe 1904 an Frau Beidler geschrieben: „Vor mir steht auf dem Tisch „Euer Bubi“, ein freudiger leibhafter Bürge der Zukunft, der Einzige bis jetzt, solange sich für Siegfried die Rechte noch nicht gefunden hat.“ In der Biographie stehe: „Zwei liebliche Töchter hat sie, seit sie die deine war, ihm geschenkt, Isolde und Eva mit Namen“ und „ … unter diesen Umständen trug Bülow Mitte April dafür Sorge, seine beiden Kinder dauernd zu ihrer Mutter überzusiedeln.“

3. Auch Isoldes Großvater Liszt habe sie stets als Fräulein Wagner bezeichnet und auch in der Familie Wagner selbst seien Eva und Isolde stets als Wagnerkinder bezeichnet worden. So sei Herrn Beidler u.a. auch von Frau Cosima gesagt, daß er die Tochter Wagners geheiratet habe.

4. Cosima selbst habe Isolde als eine Tochter Richard Wagners bezeichnet: So in der Adresse eines Briefes. Und 1902 habe sie an Isolde geschrieben: „Ihr Frauen geht uns in der Liebe voran, so schrieb einst dein Vater.“ Auch in einer Reihe weiterer Briefstellen werde Isolde von Frau Cosima eine Tochter Richard Wagners genannt.

5. In der Todesanzeige Richard Wagners seien als seine Kinder aufgeführt worden: Isolde, Eva, Siegfried.

Das Siegfried offiziell als Sohn Wagners gelte, habe seinen Grund darin, daß Hans v. Bülow auf Bitten eines Herrn v. Groß, eines Freundes und des Bankiers von Richard Wagner in einem Schreiben angegeben habe, Siegfried sei während des Ehescheidungsprozesses geboren. Daß die Vaterschaft von Richard Wagner bei Eva nicht bestritten werde, liege darin, daß Eva am 17. Februar 1867 geboren worden sei, als die häusliche Gemeinschaft Richard Wagners und der Frau Cosima bereits bestand.

Das Gericht kam am heutigen Tage zu folgender

Entscheidung:

1. Es soll Beweis erhoben werden über die klägerische Behauptung, ob in der Zeit vom 12. Juni 1864 bis 12. Oktober 1864, diese beiden Tage mitgerechnet, während welcher Zeit Hans v. Bülow in München krank daniederlag, die Beklagte und Hans v. Bülow in häuslicher Gemeinschaft gelebt haben.

2. Es soll ferner Beweis darüber erhoben werden, ob innerhalb dieser Zeit zwischen der Beklagten und Hans v. Bülow kein ehelicher Verkehr erfolgt ist.

3. Hierüber ist binnen 10 Tagen die damalige Wirtschaftsdame im Haus Bülow zeugenschaftlich zu vernehmen.