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Keine Kriegsbegeisterung in Frankreich

Französische Vorwürfe gegen Deutschland

In Frankreich geben die Medien Deutschland die Schuld daran, dass die von England vorgeschlagene Botschafterkonferenz angeblich nicht zustande käme. Vor allem glaubt man in Frankreich, dass Deutschland Österreich hätte zurückhalten können.

Paris, 28. Juli

Um Mitternacht ist hier die Stimmung umgeschlagen, vielleicht auf die Nachricht, dass die österreichischen Streitkräfte auf Belgrad vorgehen. Es handelt sich um eine heute früh zwischen 1 und 2 hr von der Agence Havas veröffentlichte Depesche aus Wien, die lautete: „Man vollendet in diesem Augenblick sehr bedeutende Vorbereitungen zu einer militärischen Aktion gegen Serbien, die heute früh begonnen werden wird.“ Diese Nachricht ist bisher von deutsch-offiziöser oder österreichisch-offiziöser Seite nicht bestätigt worden. Ganz unbestätigt und unwahrscheinlich ist ein heute früh in Budapest aufgetauchtes Gerücht, dass Belgrad bereits besetzt sei. Die Red.)

Der Pessimismus wächst wieder. Fast einstimmig machen die Zeitungen aller Parteien Deutschland dafür verantwortlich, dass die Vermittelungsaktion angeblich ins Stocken gerate sei. Man begründet die Anklage mit einer Berliner Meldung der „Kölnischen Zeitung“, die erklärt, dass Deutschland auf Österreich keinen Zwang ausüben werde. Der „Matin“, der sich von seinem Mitarbeiter Hedemann aus Berlin ziemlich friedliche Nachrichten senden lässt, schreibt im Gegensatz zu diesem in seinem Leitartikel: „Deutschland hat die österreichische Offensive nicht zurückgehalten, also hat es sie nicht zurückhalten wollen. So hat Deutschland sich von dem übrigen Europa getrennt. Wem will man vorreden, dass die Berliner Diplomatie so schwach sei, dass sie die wahnsinnige Gebärde Österreichs nicht zurückhalten konnte? In dem Augenblick, wo eine schnelle Entscheidung nötig ist, hat Deutschland gezaudert und diskutiert. Es hat dem Vorschlag Sir Edward Greys seine prinzipielle Zustimmung erteilt, aber diese Zustimmung mit viel Vorbehalten, Einwendungen und Schwierigkeiten umgeben, dass nichts mehr davon übrig bleibt. Wenn der Versuch einer Vermittelung scheitert, so ist Deutschland allein schuld daran. Wenn morgen aus dem österreichisch-serbischen Krieg der europäische Krieg wird, so trägt Deutschland die Verantwortung.“

Ähnlich ist die Meinung des früheren Ministers des Äußern Pichon, der in seinem „Petit Journal“ schreibt: „Die Antwort Deutschlands auf den Vorschlag Sir Edward Greys ist noch nicht eingetroffen. Die Zeit verläuft und jede Stunde, die vorübergeht, vermehrt die Unruhe und macht neue Schwierigkeiten. Allerdings wird gesagt, dass die deutsche Regierung eine Intervention in Russland vorschlage, um die slawische Aufregung zu beruhigen, aber dieselbe Regierung fährt fort, eine Intervention in Österreich unmöglich zu machen, und doch ist aus Österreich der Schlag gekommen, der all diese slawischen Aufregungen weckt. Wie sollten wir Deutschland in einem solchen Abenteuer weiter folgen?“ Das „Journal“ macht darauf aufmerksam, dass im Augenblick die Gefahr nicht in Österreichs Vorgehen liegt, sondern vielmehr darin, dass die Mächte untereinander nicht harmonisieren. Das Blatt schreibt: „Deutschland sucht die Lösung des Konflikts in einer Lokalisation, durch die Russlands Eingreifen verhindert, aber Österreichs Vorgehen gegen die Serben erleichtert werde. Diese Absicht Deutschlands zeigt sich etwas allzu deutlich in den Anregungen, die Herr v. Schoen am Sonntag am Quai d‘Orsay machte. Sie zeigt sich ebenfalls in dem allzu lange dauernden Schweigen, das man von Berlin aus dem englischen Vermittlungsvorschlag entgegensetzt.“ Poincaré und Viviani werden Mittwoch Abend in Paris sein. Ein Ministerrat wird sofort nach ihrer Ankunft zusammenberufen werden.

Auch die beiden Präsidenten der Kammer und des Senats haben ihren Urlaub unterbrochen und sind nach Paris zurückgekehrt. Gestern Abend um 7 Uhr hat im Ministerium des Äußeren eine Konferenz stattgefunden, an der alle hier anwesenden Minister teilgenommen haben. Jeder Minister hat über die Maßregeln Bericht erstattet, die ihm zufallen, um die Verteidigung des Landes zu regeln. In Toulon hat der Admiral de Lapeyrère für heute Vormittag alle Geschwaderchefs zu einer Konferenz an Bord des „Courbet“ zusammenberufen. Trotz all dieser Vorbereitungen ist von einer kriegerischen Stimmung oder Begeisterung nicht das geringste zu merken. Selbst der Säbelrassler de Caffagnar schreibt in seiner „Autorité“: „Wenn die Kriegserklärung morgen kommt, werden wir alle bereit sein, uns töten zu lassen, aber immerhin möchten wir gern, dass unser Tod irgendetwas nützen würde.“ Auf der anderen Seite schreibt Jaurès in der „Humanité“: „Auch wenn Österreich das Verbrechen soweit treiben sollte, dass es trotz der Nachgiebigkeit Serbiens den Krieg erklärt, so würde auch dann noch die europäische Mediation eine Macht bleiben, mit der die Kriegführenden zu rechnen haben.“