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Versammlung in Paris

Für die deutsch-fränzösische Annäherung

In Frankreich mehren sich die Stimmen, die auf eine deutsch-französische Annäherungen drängen. Das zeigte besonders eindrucksvoll eine Studentenversammlung im Quartier Latin der französischen Hauptstadt Paris.

Paris, 9. Juli (Eig. Ber.)

Dass der Gedanke der deutsch-französischen Annäherung in Frankreich immer mehr an Boden gewinnt, ist unverkennbar. Man braucht nur die giftigen Leitartikel zu lesen, die der „Temps“ und das „Journal des Débats“ anlässlich der Intervention Jaurès‘ gegen den Kredit für Poincarés Russlandfahrt veröffentlicht haben, um die Besorgnisse der Imperialisten vor dem Erlöschen der den Rüstungstreibern und den Stipendiaten des Zarismus so wichtigen chauvinistischen Stimmungen in Frankreich zu erkennen. In der Tat sind es nicht mehr die Kreise der organisierten Arbeiterschaft allein, die sich mit der Idee der Annäherungspolitik vertraut gemacht haben.

Auch in der studierenden Jugend, die man noch vor kurzem der jungroyalistischen Demagogie verfallen glauben konnte, werden die Anzeichen eines bedeutsamen Umschwungs sichtbar. So haben gestern in einer massenhaft besuchten Studentenversammlung im lateinischen Viertel Genosse Sembat und der Senator Estournelles de Constant entschiedene Reden für die Annäherung halten können, ohne dass die reaktionären Studenten die angekündigte Sprengung der Versammlung auch nur versuchten. Aus Sembats Rede, die mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde, seien hier die Stellen wiedergegeben, die sich auf die elsass-lothringische Frage beziehen und die wegen der hartnäckigen Vorbereitungen Hervés, der internationale utopistische „Lösungen“ dieser Frage aufzureden, derzeit besonders bemerkenswert scheinen. Sembat fragte:

„Vergessen wir nicht, dass wir 1870 geschlagen worden sind – das würde uns nur lächerlich machen. Die historische Tatsache ist da, man kann sie nicht wegwischen. Wenn man geschlagen worden ist, gibt es nur zwei Mittel, der Situation abzuhelfen: die Revanche mit Waffengewalt oder die Verständigung.“

„Es handelt sich nicht um eine Erniedrigung. Aber seit vierzig Jahren hat sich ein neuer Geist in Elsass-Lothringen eingepflanzt. Das ist auch eine Tatsache. Elsass-Lothringen will sein eigenes Leben leben. Eine deutsch-französische Annäherung kann die Autonomie Elsass-Lothringens nur begünstigen.“

„Ja, ich bin sogar sicher, dass diese Annäherung im Gefolge, ja mehr – dass sie begleitet sein wird von einer autonomen Verfassung gleich der Württembergs und Bayerns. Dies wird geschehen können, sobald die Deutschen überzeugt sein werden, dass man sie nicht zum besten haben will.“

„Der Franzose erspart sich nur allzu oft das Handeln, indem er träumt. Wir aber wollen handeln. Wir sind 200 französische und 200 deutsche Abgeordnete in unserer Bewegung und wir werden gegen die Lügen der großen Presse immer kämpfen, wenn sie falsche Nachrichten über die Vorgänge in Deutschland verbreitet. Wir werden ihr, mit unserer Unterschrift, sagen: Ihr lügt.“

„Wir werden die Geißel bekämpfen, die schlimmer als der Alkohol ist und die darin besteht, dass der Hass und die Aufregung Tropfen um Tropfen in das Gehirn unserer Zeitgenossen geträufelt wird.“

Nachdem Sembat seine Rede beendigt hatte, begab er sich noch nach seinem Wahlkreis auf Montmartre, wo im Festsaal einer Schule eine dichtgepresste Menge einer Vorführung von Liedern aus der revolutionären Epoche beiwohnte. Auch hier, wo das proletarische Element eine erdrückende Mehrheit hatte, fanden die auf die Annäherung bezüglichen Stellen seiner Ansprache brausenden Applaus.